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CCK-Schildmaid

Twinsanity - Achroous (Akt 2)

Bloodline

Freiheit schwängerte jede seiner Zellen und ließ ihn in ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit versinken. Leise emotionsgetränkte Töne eines einsamen Klaviers klangen durch seine Ohren, während sich die Kälte wie ein eisiger Mantel um seinen Leib legte. Zu lange hatte er in den beständigen Mauern seines Rückzugsorts verweilt und auch die anhaltenden Klagelaute des Opfers, gerichtet aufgrund eines abscheulichen Verrates, hatten ihm keine Erleichterung verschafft.
Gefangen in den Konsequenzen seines eigenen Versagens, hatte Unzufriedenheit an seinen Nerven gezerrt und ließ das sanfte Glühen des Verlangens zu einem Inferno werden. Die Frustration über die Zerstörung seiner Spielfiguren hatte das Monster aus seinen Fesseln brechen lassen und zu einem zerstörerischen Beutezug gedrängt. Zerbrochene Scherben übersäten nun den ehrfürchtigen Boden seines Reiches. Zersprungene Scheiben der thronenden Fenster waren Zeugen des Unmuts in seiner Brust. Blutige Fetzen in jeder Ecke des hochgebauten Zimmers waren das Resultat aus unbefriedigtem Begehren.
Doch all das verblasste mit jedem donnernden Schritt, der durch seinen Leib vibrierte. Seine Selbstgeißelung gehörte der Vergangenheit an und würde nie wieder in sein Leben treten.
Der frische Schnee wirbelte unter den tosenden Hufen seines Hengstes auf und kleine Eiskristalle legten sich wie eine Schutzmauer um das tödliche Verderben. Die Kälte drang erbarmungslos unter seinen dichten Umhang, der ihn gänzlich verhüllte. Eisfragmente legten sich auf diesem nieder und verwandelten ihn in ein Kunstwerk der Gegensätze. Das helle Mondlicht ließ ihn erglänzen wie einen geschliffenen Diamanten. Indes konnte er nicht weiter entfernt sein, von dessen natürlicher Schönheit.
Ein leises Schnalzen trieb den rabenschwarzen Hengst zu einem noch schnelleren Tempo an und ließ dessen Hufe unentwegt wie Donnergrollen erklingen. Die Mähne des Tieres war säuberlich geflochten, ebenso wie der Schweif, um ihn vor unwillkürlichen Verletzungen zu schützen. Schäumend vor Anstrengung kaute das Tier auf dem harten Eisen in seinem Maul und lehnte sich gegen die straffen Zügel.
Schwebend bewegten sie sich über eine Lichtung, die völlig vom Schnee verschlungen und von tiefschwarzen Wäldern umzäunt war. Ihre einzige Spur: zarte, kaum sichtbare rote Tropfen, die mit dem eisigen Grund verschmolzen und im Mondlicht anmutig schimmerten.
Der Hengst schüttelte widerspenstig den Kopf, als die Zügel diesen enger an seine Brust zogen und ihn zwangen, das Tempo zu drosseln. Ein beharrliches Gefühl der Zuneigung breitete sich in seinem Reiter aus, als er den Trotz des Tieres vernahm. Der Hengst wollte nicht unterworfen oder gedrosselt werden. Er strebte nach einer Jagd, so wie sein Schatten. Dennoch musste er das Tier zwingen, einen Moment in einem behutsamen Tempo zu verweilen, um den Wechsel von Lichtung in den verschlingenden Wald zu schaffen.
Tosend trat das Tier durch die losen Äste, zerrte sein Fell unbedacht durch die scharfen Dornen der wildwuchernden Büsche und verschmolz mit der anhaltenden Dunkelheit. Achtsam ließ der Schatten die Zügel lockerer und überließ dem Hengst die Führung. Sie harmonierten. Kannten ihr gemeinsames Ziel und nun verließ der Reiter sich auf die Instinkte seines treuen Begleiters.
Einsame Stille umgab das Gespann und nur das harsche Knacken brechender Äste hallte durch die Unendlichkeit des Gehölzes. Vögel erhellten diesen Teil des Landes schon längst nicht mehr mit ihren lieblichen Klängen. Sie spürten, dass sie dieser erstickenden Dunkelheit nicht gewachsen waren. Dem Schatten hingegen gab ebendiese das Gefühl der Vollkommenheit.
Ein bebendes Schnauben entfuhr dem Hengst, während er den Kopf in die Höhe riss. Er schüttelte sich und stieg auf seine Hinterhand. Ein Lächeln zuckte Deadhead über die Lippen und mit einer schnellen Bewegung ließ er die melancholischen Töne in seinen Ohren verstummen, während sie weiter in seinem Verstand verweilten. Sie waren hier.
Bedächtig zog er die federleichte Armbrust von seinem Rücken, die sofort mit ihm verschmolz. Wachsam wanderte sein Blick über die Umgebung. Tiefe Schwärze erstreckte sich darin und nur an wenigen Punkten, kämpfte sich das kalte Mondlicht durch die Kronen der Bäume.
Seine gefrorenen Finger schickten ihm ein gleißendes Kribbeln bis in den Nacken, währenddessen sie sich um einen glatten, präzise gearbeiteten Bolzen legten. Die Spitze scharf, wie frisch geschliffene Klingen, verziert mit unzähligen zarten und trotzdem unbrechbaren Widerhaken. Sein Gewicht kaum spürbar und doch so todbringend. Lautlos spannte der Schatten ihn in die Armbrust. Mechanisch. Routiniert. Seine Aufmerksamkeit fest auf seine Umgebung gerichtet, vernahm er für einen Augenblick nur das tosende Herz seines Begleiters unter sich und das Aufkeimen beseelter Vorfreude.
Ein leises Knacken riss das Duo aus ihrer Trance. Der Hengst wippte sanft mit dem Kopf. Nervosität zuckte an seinen aufmerksamen Ohren, während seine Muskeln unaufhörlich pulsierten. Deadhead kreiste bedächtig sein Haupt und spürte für einen Atemzug seinem eigenen Pochen in der Brust nach.
Lauernd verharrten sie und vernahmen das erneute leise Knistern zerbrochener Äste. Es war ein kurzes Aufblitzen verborgen im Schattenriss einer anmutigen Lärche, was sie aus ihrer Haltung brechen ließ. Der Hengst setzte unaufgefordert zu einem Sprint der Macht an. Tosend hallten seine Bewegungen durch die Nacht. Schwerelos tanzte er über den hart gefrorenen Boden.
Der Schatten zog die eisige Luft in seine Lunge und erhob die Armbrust. Sein Ziel schoss panisch aus einem erbärmlichen Versteck. Zitternd, halb erfroren in den dünnen Kleidern, die wie Fetzen an ihr herunterhingen. Die Haare der Frau waren nichts weiter als ein verfilzter Knoten. Ihre nackte Haut längst blau vom sterbenden Gewebe.
Sie kämpfte, presste ihre unbeschuhten Füße in das harte Erdreich, schlingerte auf dem moosbedeckten Untergrund und ging dennoch nicht zu Boden.
Wie ein wilder Hase schlug sie Haken, ignorierte die brennenden Schmerzen, als die reißenden Dornen ihre Haut durchbohrten und neue Rinnsale frischen Blutes über ihren Leib sickern ließen. Ihr Wille war stark. Eisern und ungebrochen. Nichts anderes hatte der Schatten erwartet. Sie hielt länger stand als die meisten ihrer Art und forderte so zumindest ein kleinwenig sein Können heraus.
Tobend wallte das Adrenalin durch seinen Leib, als der Hengst einen scharfen Haken schlug. Der Schatten sah zurück zu dem dunklen Schemen, dem sie gerade ausgewichen waren. Eine hohe, undurchdringliche Wucherung verschiedener Büsche. Ein leises Fauchen war zu hören und wieder einmal vernahm er die leichte Dankbarkeit, die er für dieses Tier besaß.
Ein quälender Schrei holte seine Aufmerksamkeit zurück zu seinem Opfer. Sie hinkte, Blut sickerte aus ihrer rechten Wade und doch war ihr Willen noch immer nicht gebrochen. Sie rannte vorsichtiger. Langsamer, dennoch weiter. Der Schatten drosselte das Tempo und ließ sich zurückfallen. Die Note der Todesangst ummantelte ihn und er wollte darin verweilen, bis sein Verlangen ihn zwang, sich zu erlösen.
Er senkte die Armbrust und ließ erneut die Melodie in seinen Ohren ertönen. Eine sanfte Sonate heller Töne eines Klaviers trafen auf dunkle Schwingungen eines Cellos. Sie kämpften um die Oberhand, während sie zu einer verhängnisvollen Einheit verschmolzen. Jeder sanft für sich und so stark gemeinsam.
Sein Blick ruhte auf der kämpfenden jungen Frau. Zweige hatten sich in ihr blondes Haar gefressen und verbanden sich zu einer Krone der Unbesiegbarkeit. Ihre Schritte wurden schwerfälliger. Ihr Bein war längst in tiefem Rot gezeichnet. Sie wusste um ihre Ausweglosigkeit und doch schien sie ein Ziel zu haben. Der Schatten musterte die Umgebung und hätte fast laut aufgelacht, als er ihr Vorhaben erkannte. Zielsicher humpelte sie auf zwei kleine Lichtungskegel zu. Er ließ sie gewähren. Die Armbrust auf dem Sattel vor sich abgelegt, trottete er nun im gemütlichen Schritt hinter ihr her. Das Knurren, welches immerfort deutlicher in seinem Nacken ertönte, ignorierte er.
Sie würden warten.
Das taten sie immer.
Die junge Frau bemühte sich in einen der Lichtkegel und hielt schlagartig inne. Das sanfte Mondlicht umschmeichelte ihren bläulich schimmernden Leib. Das zerfetzte Shirt, das gerade bis über die Rundungen ihrer Pobacken reichte, war kaum noch als solches zu erkennen. Ihr Körper bebte. Schrie lautlos nach Erbarmen, jenes er niemals finden würde. Er würde nie wieder die zarte Wärme eines Feuers spüren und die weichen Berührungen eines wolligen Stoffes.
Der Schatten stoppte den Hengst unmittelbar vor dem zweiten Lichtkegel und umfasste seine Armbrust fester. Seine Aufmerksamkeit lag beharrlich auf der leidenden Gestalt vor sich. Langsam mit schwindenden Kräften, drehte sie sich in seine Richtung. Hob fordernd den Kopf an und reckte ihm das Kinn entgegen.
»Komm gefälligst aus der Dunkelheit gekrochen und töte mich nicht, wie es ein verdammter Feigling tun würde.«
Ihre Stimme war kratzig, geschändet. Trotzdem fand sie sein Gehör. Erneut ließ er die Melodie verstummen und zeigte dem Hengst an, aus dem Zwielicht zu treten. Bedächtig stieg er auf die moosbewachsene Fläche und thronte in seiner vollen Größe im Licht der Nacht. Deadhead ließ die Zügel aus seinen Händen gleiten und schob sich theatralisch die Kapuze nach unten.
Die Augen der jungen Frau weiteten sich voller Entsetzen und ein erstickter Schrei verließ ihre Kehle. »Warum?« Wimmernd formte sie die kaum hörbare Frage, wissend, dass sie niemals eine Antwort darauf erhalten würde.
Die Armbrust tauchte über dem Antlitz des Hengstes auf und nur ein glänzender Punkt zeigte ihr, dass ihr Leben erloschen war. Der Bolzen schlug erbarmungslos unter ihrem Kinn ein. Zerfetzte ihre Kehle und hinterließ nichts als gleißende Pein.
Sie keuchte, spürte, wie sich ihre Lunge mit Blut füllte. Sie spuckte ihren Lebenssaft aus und jedes Beben ihres Körpers, ließ die Spitze tiefer in ihr Fleisch sinken. Der Todeskampf dauerte Minuten, derweil sie röchelnd am Boden kniete. Die Hände fest in den Untergrund gepresst, den Kopf gesenkt, während das Mondlicht den eisernen Stab, der durch ihren Hals ragte, glänzend zucken ließ.
Ein weiteres nun drohendes Knurren mahnte den Schatten dazu, dass seine Zeit abgelaufen war. Er zog einen letzten Schwall des betörenden Todesdufts ein, legte sich die Armbrust wieder sicher auf den Rücken und trieb den Hengst zur Abreise. Im Augenwinkel sah er die anmutigen Bewegungen, gefärbt in orange, weiß und schwarz. Ein leises Fauchen begleitete ihre Begegnung. Er hielt nach einigen Meter den Hengst an und ließ ihn die Sichtrichtung wechseln. Ein letzter Blick auf sein Opfer zeigte ein Festmahl aus blutigen Gedärmen und gelösten Fleischfetzen.
Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er dieses Bild tief in sich aufsog und das tosende Verlangen dabei langsam abflachte.
Nach Wochen ihrer Abwesenheit spürte er sie endlich wieder.
Diese innere Ruhe, die ihm den Kopf befreite und seine Gedanken klärte.
Es war an der Zeit, seine Schöpfer kennenzulernen.