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CCK-Schildmaid

Twinsanity - Achroous (Akt 2)

Kapitel 1

- So tief die Narben. So schmerzvoll die Verluste. So dunkel die Schatten.

Dunstiger Nebel umgab Liam und verschlang sämtliches Licht und das, obwohl der Sonnenuntergang noch Stunden entfernt lag. Die Feuchtigkeit legte sich auf den Stoff seiner Sweatjacke und suchte sich schleichend einen Weg darunter. Der Fahrtwind kühlte sein erhitztes Inneres und sorgte für die dringend nötige Pause seiner rasenden Gedanken.
Drei Wochen lagen hinter ihm, seit der Befreiung aus der verdammten Scheune. Noch heute brannten seine Schultern, wenn er sie anspannte. Längst nicht mehr so vernichtend, wie vor Tagen aber intensiv genug, um die Flamme des Zorns in sich aufrechtzuerhalten und einen weiteren belanglosen Eintrag im Buch der grausamen Erinnerungen niederzuschreiben.
Er drosselte das Tempo und spürte der vertrauten Vibration seines Bikes nach, als der Motor sich langsam entschleunigte. Ein simpler Vorgang, dennoch ließ er Liams Mundwinkel für einen Moment zufrieden zucken. Eine aberwitzige Tatsache, dass ihm etwas Unbedeutendes so viel Vertrautheit gab. Trotzdem hielt er sich daran fest. Denn alles andere hatte sich verändert.
Dreizehn Jahre lebten sie unter dem Namen Shield. Er gab ihnen einen Schutzmantel der Normalität. Ließ sie in der breiten Masse der Menschheit untergehen. Dass diese sechs Buchstaben mit einem Motorradclub verbandelt waren, störte niemanden. Die gab es mittlerweile wie Sand am Meer.
Manche waren harmlos und vergnügten sich mit belanglosen Treffen und regelmäßigen Ausfahrten. Schwangen große Reden von Bruderschaft und Loyalität und saßen am Abend mit der Kuscheldecke und einem heißen Kakao bei ihren Frauen.
Auf der anderen Seite standen die wirklich bösen Jungs. Drogen. Waffen. Nutten. Kriminelle durch und durch. Sie fuhren Motorrad, weil irgendjemand festgelegt hatte, dass es sich so gehörte. Auf Loyalität gaben sie einen Fick und ein Bruder war der, aus dem sie den besten Nutzen ziehen konnten.
Irgendwo dazwischen befand sich der Feris MC. Die Heimat der Shields, der beide Gruppen miteinander verband, ohne deren Wissen.
Drogen spielten in ihren Leben noch nie eine Rolle. Es waren schon immer Waffen gewesen. Denn auch wenn Jax und Nora Irland den Rücken gekehrt hatten - hörten sie niemals auf Greenbloods zu sein. Sie sorgten für einen reibungslosen Ablauf der Waffentransporte durch England.
Verborgen. Im Geheimen zogen sie die Strippen vor aller Augen, bis vor einem Jahr. Die Verbindung brach und ruhte in ewiger Stille und das für immer, wenn es nach Jax gegangen wäre.
Entscheidungen, die nun mehr als unwichtig waren. Jedes Detail in diesem Dasein hatte sich verändert.
Liam seufzte, als die Kegel der Motorräder hinter ihm dichter aufrückten und ihn flankierten. Seit drei Wochen durfte er sich nicht einen Meter allein bewegen.
Sie waren nicht mehr gesichtslos.
Er war nicht mehr gesichtslos.
Nach dreizehn Jahren wusste plötzlich jeder, abseits des legalen Lebens, dass er und Freya die Enkel des gefürchteten Jacob Flanagan waren. Und das der King der fucking Irish Mafia eigentlich Collin Shield hieß.
Allein diese Tatsache brachte sie, gemeinsam mit ihren Eltern, wahrscheinlich auf hunderte Deadlists weltweit.
Collin hatte vor vielen Jahren alles geopfert. Er hatte aus den Fehlern seiner Familienbande gelernt.
Keine Familie.
Keine Liebe – zumindest nicht für jeden sichtbar.
Im Verborgenen zog er seinen Sohn auf und schickte ihn dann nach England in die schützenden Hände von Jay und dem Feris MC, in der Hoffnung, ihm so ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen.
Eine Lebensart, welche Jax und Nora schließlich auch für Liam und seine Schwester vorgesehen hatten.
Liam lachte unter dem Helm auf, als Freyas wutverzerrtes Gesicht vor seinem inneren Auge auftauchte. Die tiefe Zornesfalte, als sie erfuhr, dass sie vorerst kein richtiges Mitglied der irischen Mafia werden konnte, und ein gewöhnliches Leben vor ihnen lag. Heute, nach drei Wochen, in denen sie ihre Augen mehr nach hinten als vorn richteten, konnte Liam diesen Wunsch das erste Mal wirklich verstehen.
Schwermut befiel sein Herz, als seine Gedanken bei seiner Schwester verharrten. Vierzehn Tage war sie nun bereits verschwunden. Nachdem Derek, dieser Hurensohn von Killians Handlanger, sich versichert hatte, dass Jax und Nora wirklich blass, leblos und tot waren, hatte es zwei Stunden gedauert, bis Tom und Finn die Scheune stürmten.
Warum sie noch lebten? Weil es Regeln gab. Maxime. Friedensabkommen. Auge um Auge? - Kein Problem. Collin hatte Killian zwei Menschen entrissen, so viele durfte er ihm ebenfalls nehmen. Lächerlich – dennoch theoretisch legitim.
Lebende Enkel, für sterbende Kinder. Was für ein beschissener Deal. Aber dieser irische Bastard hatte ihn erfüllt.
Finn und Tom kamen keine Minute zu spät. Kaum hatte Aaron gemeinsam mit seinem Stiefvater die Scheune verlassen, sackte Freya bewusstlos zusammen und selbst Liams Worte hatten keinerlei Wirkung mehr auf sie.
Seiner Schwester dabei zu zusehen, wie der Körper aufgab - ein weiterer beschissener Eintrag in ein Buch, welches er niemals füllen wollte.
Nachdem weder aufmunternde Worte noch liebevolle Ohrfeigen Freya aus ihrem Zustand gerissen hatten, setzte Tom seinen Willen durch und dieser Höllentrip endete im Krankenhaus. Genügend Bargeld hatte die lästigen Fragen nach der Entstehung ihrer Verletzungen versiegen lassen. Die Bilanz des Ausflugs war eine gebrochene Rippe und ein Hämatom, so groß, dass sie es beobachten wollten, auf ihrem Oberschenkel. Eine Magenprellung, eine angebrochene Nase und ein Trauma.
»Eins von vielen«, brummte Liam, bevor er sich abwandte und die Ärzte ihre Arbeit machen ließ.
Es dauerte fast vierundzwanzig Stunden, bis sie aufwachte und sofort wünschte sich jeder, dass sie Liams Warnungen ernster genommen hätten. Eine angepisste Freya war übel. Aber eine Freya unter ungewollten Schmerzmitteln und dem brennenden Verlangen nach Rache, war ein verfickter Orkan. Dieser kostete weitere tausende Pfund, nachdem sie einem Pfleger den Arm gebrochen und dem Chefarzt die Nase zerschlagen hatte.
Es waren Liams und Toms Teufelszungen, die sie zurück in das Bett brachten. Die Ärzte ließen sie glauben, dass Freya verstanden hatte, dass ihre angeknackste Rippe sich bei der kleinsten Erschütterung in ihre Innereien spießen und sie das Leben kosten konnte.
In Wahrheit war es das leise: Du kannst ihn nicht töten, wenn du selbst unter der Erde liegst Wispern, das sie schließlich zur Vernunft brachte.
Freya gab sich sieben schweigende Tage, in denen sie nichts tat, außer Schlafen und an die Decke ihres Krankenzimmers zu starren. Es gab keine Gespräche, trotzdem blieben Liam und Tom an ihrer Seite, bis sie am siebten Tag, noch vor ihrer offiziellen Entlassung, verschwand.
Sie suchten nicht nach ihr. Sie wussten, wo sie war.
Liams und Toms Aufmerksamkeit lag auf dem kommenden Neuanfang. Die Offenbarung ihres Familienstammbaums zwang sie dazu, ihren Alltag umzustellen, und wenn sie jemals wieder einen ungeschützten Schritt ohne einen drohenden Krieg machen wollten, brauchten sie ein Statement.
Eins, das keinen Zweifel daran ließ, dass die Geschichten über die Greenbloods im Gegensatz zu der Wahrheit nur Kindermärchen waren. Sie ebneten den Weg dafür und Freya kümmerte sich derweilen um das passende Exempel.
Und trotz all der neuen Umstände waren es alte Narben, die Liam heute quälten.
Hohe Eisenzäune drängten sich durch den dichten Nebel und tanzten wie warnende Schemen in seinem Augenwinkel. Die Kälte, die er vor wenigen Minuten noch genossen hatte, schickte ihm nun ein Frösteln durch die Glieder. Vielleicht war es aber auch nur sein Ziel. Er hatte diesen Ort bis jetzt nie ohne seine Schwester betreten und sein gebeuteltes Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als er die geschwungene Eisenschrift über dem Eingangstor prangen sah.
Southwold Cemetery.
Er stoppte sein Bike und zog sich den Helm vom Kopf. Die Lichtkegel neben ihm wurden deutlicher, bis sie schließlich an seiner Seite hielten.
»Alles okay?«, fragte Finn, der sich ebenfalls von seinem Helm erlöst hatte.
Liam kramte nach seinen Zigaretten, und nachdem der erste Schwall Nikotin durch seine Venen wanderte, nickte er.
»Beschissene Erinnerungen.«
Liam war kein Freund von Friedhöfen. Für gewöhnlich schickten sie ihm einen eisigen Schauer übers Rückgrat. Dieser aber, ließ nie verheilte Wunden wieder vollends aufbrechen. Finn wusste darum, hatte ihm sogar angeboten, diesen Weg ohne ihn zu gehen, doch angeborene Sturheit war wohl eins der größten Probleme der Shieldzwillinge.
Wissend, dass seine Gefühlslage nicht besser werden würde, hing Liam den Helm an seinen Lenker, zog erneut einen tiefen Schwall Rauch in seine Lunge und legte den Gang ein. Verfolgt von seinen Beschützern fuhr er langsam den asphaltierten Weg entlang. Der Nebel waberte über den Boden und umsäumte die Mahnmale des Verlustes. Der Friedhof war alt. Ebenso waren es viele der unzähligen Grabsteine, die sich dicht aneinanderpressten und ein seltsames Bild der Ewigkeit bildeten.
Hunderte Geschichten umgaben ihn und jede schien leise seinen Namen zu wispern. Ein unangenehmes Prickeln legte sich in seinen Nacken und ließ ihn die Schultern nach oben ziehen, während er seinen Blick starr vor sich richtete. Er versuchte seine Umgebung auszublenden, die zuckenden Schatten in seinen Augenwinkeln zu ignorieren, und doch erfasste es ihn. Ein leichtes Aufblitzen und schon zog sich ein schweres Band um seine Brust. Fesselte ihn, zog sich fest zusammen und presste die warme Luft aus seinen Lungenflügeln. Seine Dämonen lachten ihm hämisch ins Ohr und zwangen seinen Blick nach links.
Hochgewachsene Eichen stachen aus dem Sumpf des Nebels heraus, wie Festungen längst vergessener Tage. Sie waren älter als jeder Leichenstein, an diesem Ort. Umso makaberer war der Anblick des Grabsteins, der zwischen ihnen ruhte. Erhaben, glänzend, zu neu, stand er im harten Kontrast zu seiner Umgebung. Er hatte sich kaum in diese eingefügt, als wollte er nicht dazugehören. Der weiße Marmor zeigte keine Anzeichen der vergangenen Zeit, schimmerte traurig im grauen Dunst und zerfetzte Liams Herz erneut in tausend kleine, blutige Fragmente. Die Last, dass er der Ursprung dieses Mahnmals war, lag schwer auf seinen Schultern und würde sich niemals abschütteln lassen.
Er sollte dort liegen.
Er sollte tot sein.
Die Wasserkristalle auf seiner Haut bildeten kleine Rinnsale und bahnten sich den Weg über seine glattrasierten Wangen. Sie vermischten sich mit den stummen Tränen des Leidens, die von Erinnerungen an Liams sterbendes Herz hervorgerufen wurden.
Eine Bodenwelle riss ihn aus seiner Melancholie. Er schluckte die letzten nicht vergossenen Tränen herunter und zog an seiner Zigarette. Vergebens. Kein erlösendes Gift drang durch seine Lunge, sondern feuchte, nach Teer schmeckende Luft. Die Feuchtigkeit hatte die Glut längst erloschen, so wie das Leid Liams Fähigkeit zu lieben.
Schnell wandte er den Kopf wieder ab, beschleunigte und ließ seine Vergangenheit hinter sich – so wie schon unzählige Male zuvor.