Sein und Schein
Man erkennt sie oft schon auf den ersten Blick. Nicht unbedingt an ihrem Äußeren, es ist eher etwas, das sie ausstrahlen. Ein bestimmter Gang, ein bestimmte Art, sich zu bewegen. Dabei laufen sie entgegen der landläufigen Vorstellung nicht unbedingt schreiend oder von nervösen Zuckungen begleitet durch die Gegend. Viel mehr scheinen sie einfach nur in ihrer eigenen Welt zu sein. Zum Beispiel der dunkelhäutige Mann mit der Wollmütze und der für den Sommer viel zu warmen Daunenjacke, der immer mit einem Beutel herumläuft. Erst dachte ich an einen Pfandsammler. Aber der Mann sammelt keine Flaschen, sondern läuft immer nur zügig übers Gelände, und verschwindet dann wieder. Jedes Mal, wenn ich hier war, habe ich ihn gesehen. Genau wie diese ältere und sehr hagere Frau mit einer Krücke, die ein leichtes Tuch auf dem Kopf und eine Stofftasche auf dem Rücken trägt. Sie läuft einfach immer nur im Kreis, dreht ihre Runden im Park, oder um den Springbrunnen herum. Sie spricht dabei oft mit sich selbst, was zunächst nicht weiter auffällt. Heutzutage kommuniziert ja schließlich so gut wie jeder Zweite in der Öffentlichkeit mittels Headset, was oft den Anschein erweckt, als spreche die Person mit sich selber.
Ich bin nicht zum ersten Mal vor Ort, denn ich hatte mich der Vorbereitung wegen schon häufiger auf dem Gelände umgesehen. Und überrascht festgestellt, dass es mehr einer weitläufigen Parkanlage entspricht, als dem Vorhof einer Psychiatrie. In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich
mehrere Spezialkliniken und das große Universitätskrankenhaus der Charité, außerdem der dazugehörige Campus für Studierende der Medizin, sowie mehrere Forschungsinstitute.
Der Fototermin ist um 17 Uhr, aber ich bin heute etwas zu früh dran. Also warte ich noch eine Weile in dem Park im hinteren Teil des Geländes. Heute ist die Krückenfrau nicht da. Dafür sitzt weiter hinten ein Typ, der irgendwie interessant ist. Auch hier erkenne ich sofort, dass er wohl einer von hier ist. Einer von den "Verrückten", wie Sam sie abfällig bezeichnet. Dabei war das Projekt ihre Idee gewesen. Als Teil einer Serie von Porträts, die bestimmte gesellschaftliche Gruppen abbilden,
soll ich nun psychisch erkrankte Menschen fotografieren, die alle Patienten in einer Nervenklinik sind. Auf die Reihe "Gesichter der Straße", das sich mit Obdachlosen beschäftigte, und
"Gesichter des Alters", dessen Thema Menschen über 100 waren, folgt nun also das Projekt "Gesichter des Wahnsinns". Der Titel ist bewusst so provokant gewählt. Dabei soll gerade das Gegenteil aufgezeigt werden. Es sind Menschen wie du und ich.
Der Mann steht plötzlich auf, und wirkt seltsam verloren. Er scheint etwas zu überlegen, denn er bleibt wie angewurzelt stehen. Seine Kleidung wirkt altmodisch und abgetragen, wie aus dem vorigen Jahrhundert. Ein schmutziges, hellbraunes Jackett hat er an, darunter ein helles, ausgeleiertes
Leinenhemd. Und der Schnitt der ebenfalls schmutzigen, nussbraunen Hose ist absolut ungewöhnlich. Man könnte ihn für einen Darsteller aus dem Theater halten. Das Sonnenlicht
fällt in schrägem Winkel auf seinen Kopf und sein zerzaustes, kurzes Haar. Als würde ihn ein Scheinwerfer beleuchten. Der Moment ist so magisch, dass ich mich nicht beherrschen kann.
Ganz vorsichtig und langsam hole ich meine Kamera hervor, während ich hinter ein Gebüsch schleiche. Mir ist bewusst, dass es nicht in Ordnung ist, jemanden einfach so ohne seine
Zustimmung zu fotografieren. Andererseits sind das oft die besten Motive, weil sie authentisch sind. Nicht so gestellt und geschönt wie all die Porträts, die ich sonst schieße. Den ehrlichen, puren Augenblick einzufangen ist das Wesen der Streetfotografie, die mein eigentliches Steckenpferd ist. Das Ungeplante, Spontane ist das, was ihren Reiz ausmacht. Weil Menschen, die nicht wissen, dass sie fotografiert werden, nicht posieren und sich nicht verstellen. Sie sind einfach ganz sie selbst.
Mehrmals drücke ich also den Auslöser, während ich mich vor mir selbst damit rechtfertige, dass Kunst frei ist und alles darf. Die Kamera fängt den seltsamen Mann in diesem kontemplativen Moment ein. Wenn ich eines der Bilder jedoch für das Projekt verwenden will, werde ich ihn fragen müssen. Als ich mich langsam aus der Deckung wage, steht er immer noch so da und es scheint, als wäre er mit den Gedanken ganz weit weg. Aber dann, von einem Sekundenbruchteil zum anderen,
verändert sich sein Blick. Er sieht mich, und seine Augen werden weit vor Schreck. Dunkelbraune Augen, wie ich erkenne.
»Nicht«, sagt er mit heiserer Stimme. Dann hebt er die Hände, so als würde ich eine Waffe auf ihn richten.
»Entschuldigen Sie, ich wollte gerade...«, beginne ich, und mache einen Schritt auf ihn zu. Er aber weicht zurück und wird panisch.
»Ich habe nichts getan.« Seine Stimme bebt.
Ich stecke die Kamera weg, die er womöglich für etwas anderes halten könnte, und hebe meinerseits die Hände. Da rennt er plötzlich los, wie von der Tarantel gestochen. Ich laufe ihm nach. Er sprintet bis zum östlichen Ausgang des Geländes, dort bleibt er stehen und dreht sich zu mir um. Ich verlangsame meine Schritte. Warum hat er solche Angst vor mir? Wenn er tatsächlich ein Patient
hier ist, dann hat er möglicherweise irgendwelche Wahnvorstellungen. Wie konnte ich daran nicht denken?
»Alles gut! Ich habe nur Fotos gemacht!«, rufe ich ihm zu, aber bin nicht sicher, ob er mich hören kann. Im Hintergrund schwillt plötzlich das Geräusch eines Hubschraubers an, der gerade irgendwo
in der Nähe gestartet sein muss. Ziemlich tief fliegt das Ding im nächsten Moment über das Gelände hinweg. Der Mann blickt nach oben, und beim Anblick des Helikopters erfasst ihn eine
derartige Panik, dass er einfach losläuft. Durch die Unterführung hindurch, die das Gelände von der Straße trennt, direkt heraus auf dieselbe. Alles geht wahnsinnig schnell, ich höre wie Reifen quietschen.
Als ich die Unterführung durchquere, kann ich noch sehen wie das Fahrzeug, ein weißer Tesla, davonrast. Auf der Straße liegt der Mann, offensichtlich angefahren. Sofort sind Passanten bei ihm, und stoppen den Verkehr. Eine Traube hat sich um den Verletzten gebildet, sodass ich ihn nicht mehr sehe. Dabei hat er wahnsinniges Glück im Unglück. Der Unfall hat sich direkt vor der Einfahrt des großen Klinikums ereignet, sodass nach weniger als einer Minute Rettungskräfte zur Stelle sind. Zutiefst erschüttert setze ich mich auf einen Betonsockel inmitten von Fahrradständern. Plötzlich überkommt mich eine Welle von Schuldgefühlen. Hätte ich ihn gerade nicht so erschreckt, dann wäre das nicht passiert. Dann wäre er hier nicht hinausgelaufen.