Sein und Schein
»Schönes Wetter heute, oder?«, beginne ich unbeholfen, obwohl die KI das von hier drinnen wohl weder sehen, geschweige denn beurteilen kann.
Kim schmunzelt. »Hier unten ist das Wetter immer gleich.«
Ich versuche mir vorzustellen, es sei Jean, mit dem ich hier rede. Unsere Dialoge waren oft so
anregend und erfrischend.
»Du befindest dich ja im Haus der Zukunft«, sage ich. »Was weißt du über die Zukunft?«
Kim lächelt. »Die Zukunft kennt niemand, auch ich nicht. Es sind Ideen und Visionen gewesen, die ich produziert habe.«
»Glaubst du an Zeitreisen?«, frage ich. Das Gespräch scheint diese Richtung von selbst einzuschlagen.
»Das ist keine Frage des Glaubens«, erwidert Kim. »Zeitreisen sind nach derzeitigem Stand der Wissenschaft nicht möglich.«
»Und wenn ich dir aber sage, dass ich Menschen kenne, die durch die Zeit gereist sind?« Und nun in der Psychiatrie hocken, füge ich still hinzu.
»Das überrascht mich«, sagt die KI. »Erzähl mir von ihnen.«
Kurz berichte ich von Michael, von Felix und von Jean. Ohne jedoch zu erwähnen, wo ich sie kennengelernt habe.
»Interessant«, findet Kim. »Aber es gibt ja keinen Beweis dafür, dass es tatsächlich stimmt. Sie könnten sich das Ganze ausgedacht haben. So wie ich mir Geschichten ausdenke.«
Ich erzähle von den Banknoten und anderen Gegenständen, die Felix bei sich hatte, und von dem unbekannten Mann. Kim sieht aus, als würde sie nachdenken. Durchforstet sie jetzt das Internet nach
Informationen? Die neueste GPT-Version soll das ja können.
»Ich habe von dem Mann gehört«, sagt sie dann. »Ein sehr mysteriöser Fall..« Sie denkt wieder nach. »Es gibt dafür tatsächlich keine schlüssige Erklärung«, sagt sie schließlich.
»Denkst du, dass man theoretisch die Vergangenheit ändern könnte, wenn Zeitreisen möglich wären?«, frage ich sie, und bin verwundert über meine eigene Frage.
Kann eine KI überhaupt schon abstrakt und theoretisch denken?
»Den Gesetzen der Logik zufolge steht die Vergangenheit fest und ist nicht zu
ändern«, sagt Kim. »Sonst gäbe es keinerlei Stabilität mehr im gesamten Kontinuum.«
»Und wenn jemand in die Vergangenheit reist und dort etwas hinterlässt?«, forsche ich
weiter. »Sagen wir, einen Hinweis auf die Zukunft?«
»Worauf willst du hinaus?«, fragt Kim.
Ich hebe die Schultern, denn ichweiß es gerade selber nicht.
(...)
»Eine andere Frage hätte ich noch«, fällt mir ein. »Es ist eine philosophische Frage.«
Kim wirkt ganz Ohr.
»Geld oder Liebe?«, frage ich.
Kim scheint erneut scharf nachzudenken.
»Für mich stellt sich die Frage nicht«, antwortet sie schließlich. »Aber du bist ein Mensch. Und für Menschen ist am Ende immer die Liebe das Wichtigste.«
Natürlich muss sie so antworten. Sie wurde schließlich von Menschen programmiert. Dennoch meine ich darin einen unabhängigen Rat zu erkennen, die Hoffnung in Bezug auf Marie nicht aufzugeben.