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Raunegger Benjamin

Die Zeitmaschine

Kapitel 2

Er wurde von Detective Doyle durch einen langen, karg beleuchteten Gang geführt, dessen Neonröhren ein kaltes, flackerndes Licht auf den grauen Linoleumboden warfen. Der Geruch nach scharfem Desinfektionsmittel lag schwer in der Luft und brannte ihm fast in der Nase. Die sterile Kälte des Kellers unter dem Polizeihauptquartier von Boston verstärkte das Unbehagen, das sich wie eine bleierne Decke auf seine Schultern legte.
Sie waren wenige Minuten zuvor in der Tiefgarage angekommen und mit dem Aufzug in das Untergeschoss gefahren. Jetzt näherten sie sich einer Stahltür am Ende des Ganges, auf der in großen schwarzen Lettern Gerichtsmedizin stand. Schon beim bloßen Näherkommen spürte er, wie sich ein Schauder über seinen Rücken zog – nicht nur wegen der klirrenden Kühle des Neonlichts, sondern auch wegen dessen, was ihn jenseits dieser Tür erwartete.
Doyle und sein junger Kollege bewegten sich mit der Selbstverständlichkeit von Menschen, die diesen Weg oft gegangen waren. Für sie war dieser Ort Routine – für den Professor war er der Vorhof zur Hölle.
Hinter der Tür öffnete sich ein Raum, der aussah, als wäre er direkt einer Krimiserie entsprungen: kühl, sachlich, funktional. An der Rückwand reihten sich rechteckige Stahlklappen, hinter denen die Körper der Verstorbenen in Kühlkammern lagerten. Davor standen drei Tische aus Edelstahl, auf denen Obduktionen durchgeführt wurden. Auf zwei dieser Tische lag jeweils ein Leichnam, sorgfältig mit weißen Tüchern bedeckt.
Es war still. Kein Laut außer dem leisen Surren der Lüftung. Der Geruch nach Desinfektionsmittel war intensiv, beinahe stechend – aber es roch nicht nach Tod, nicht nach Verwesung. Alles war ordentlich, fast klinisch. An den Seitenwänden reihten sich Metallschränke, in denen die Werkzeuge der Pathologen untergebracht waren, und gleich neben der Tür befanden sich mehrere große Waschbecken aus Edelstahl.
Er nahm all das nur am Rande wahr. Sein Blick war wie durch einen Schleier getrübt, seine Gedanken taumelten, unfähig, die Realität zu fassen.
Der Gerichtsmediziner trat auf sie zu, ein älterer Mann mit ernster Miene, der sich als Dr. Fracer vorstellte. Ohne viele Worte führte er die kleine Gruppe zu der ersten zugedeckten Leiche.
„Sind Sie bereit?“, fragte der Arzt mit leiser Stimme.
Die Frage erschien absurd. Wie sollte man auf so etwas jemals vorbereitet sein? Trotzdem nickte er stumm.
Dr. Fracer hob das Tuch an und gab das Gesicht der Verstorbenen frei.
Und da lag sie. Ashley.
Ein stechender Schmerz fuhr durch seine Brust. Da waren sie – die feinen Fältchen um ihre Mundwinkel, die ihn stets an ihr Lachen erinnert hatten. Und da war auch diese winzige, vertraute Sommersprosse am Hals, geformt wie ein Mickey-Mouse-Kopf – ein kleiner Schönheitsfehler, den er immer geliebt hatte.
Trotz der Schwellungen, der Kratzer und Schnitte, die das Gesicht entstellt hatten, war für ihn jeder Zweifel ausgeschlossen: Es war seine Frau. Eine einzelne Träne löste sich aus seinem rechten Auge, rann langsam über die Wange.
Dr. Fracer hatte noch nicht mit der Reinigung begonnen. Ashleys schulterlanges, schwarzes Haar war an mehreren Stellen mit Blut verklebt und hing wirr über ihre Stirn. Der Anblick war so schmerzhaft, dass er kaum Luft bekam – und doch konnte er den Blick nicht abwenden.
„Dr. Wheller, ist das Ihre Frau?“, fragte Doyle leise.
„Ja… ja“, antwortete er stockend, die Stimme kaum mehr als ein Hauch.
„Darf ich einen Moment mit ihr allein sein?“, fragte er dann.Doyle, der Gerichtsmediziner und auch der schweigsame junge Kollege nickten wortlos und verließen den Raum.
Jetzt, da er mit Ashley allein war, durchströmten ihn Erinnerungen wie Wellen, die gegen einen Felsen schlagen. Szenen eines ganzen Lebens, kostbar und unwiederbringlich. Er sah sie wieder vor sich, wie sie sich zum ersten Mal begegnet waren – auf dem Campus der Universität von Kalifornien in San Francisco.
Damals hatte er versucht, ein Frisbee zu fangen, das sein Studienfreund etwas unkoordiniert geworfen hatte, und war dabei versehentlich mit Ashley zusammengestoßen. Sie war in Gedanken versunken quer über die Wiese geschlendert, auf dem Weg zu ihrem Wohnheim. Er hatte sich verlegen entschuldigt und sie spontan auf einen Kaffee eingeladen. Und sie hatte gelächelt.
Von diesem Tag an waren sie unzertrennlich gewesen. Später, als er für ein Austauschsemester nach Harvard zurückgekehrt war, hatten sie sich fast täglich Briefe geschrieben. Jeder einzelne war ein kleines Geschenk.
Er erinnerte sich an ihre Hochzeit im Fairmont Hotel in San Francisco – organisiert von Ashleys Eltern, pompös und übertrieben. Weder er noch Ashley mochten das Fest besonders, aber sie lachten oft darüber.
Kurz darauf hatte er seine erste Stelle als wissenschaftlicher Assistent in Harvard angetreten. Gemeinsam waren sie nach Boston gezogen, hatten in einer winzigen 25-Quadratmeter-Wohnung gelebt, jeden Cent gespart, um ihre Studienkredite abzubezahlen. Doch diese Zeit war erfüllt gewesen von Nähe, von Plänen, von Hoffnung.
Und dann die Sonntage an der Quincy Bay – Spaziergänge am Wasser, dampfender Kaffee in der Hand, Ashley, wie sie lachend Möwen verfolgte, so frei, so lebendig.
Ein schmerzhafter Kloß schnürte ihm die Kehle zu.
Die Tür öffnete sich leise. Detective Doyle trat mit einem uniformierten Beamten ein.
„Entschuldigen Sie, Dr. Wheller“, sagte er sanft. „Das ist Inspektor Krout. Er wird Sie nach Hause bringen, sobald Sie bereit sind.“
Peter blickte ein letztes Mal auf Ashley. Dann atmete er tief durch.
„Ich bin so weit“, sagte er leise und wandte sich zur Tür.