Die Zeitmaschine
Die nächsten drei Tage verbrachte er damit, die Beerdigung seiner Frau zu organisieren – und das Unfassbare zu begreifen: ihren Tod. Es war eine Zeit wie in Watte, ein Zustand zwischen Handeln und Nicht-zu-fassen-Vermögen. Nichts schien real, alles wirkte wie durch einen Schleier.
Am Tag der Beerdigung stand er schweigend neben dem offenen Grab, während ein kalter Nieselregen auf die schwarzen Schirme der Trauergäste trommelte. Der Wind trieb graue Wolken über den Himmel, und der Geruch von nasser Erde hing schwer in der Luft. Die Hände fest um das kalte Metall einer Schaufel geklammert, hörte er dumpf den Klang von Erde, die auf den Sarg fiel. Manche Gäste murmelten leise Gebete, andere legten Blumen nieder. Gesichter verschwammen vor seinen Augen, und Worte des Trostes drangen nicht zu ihm durch. Alles, was blieb, war das schmerzliche Bewusstsein, dass Ashley nun endgültig fort war.
Am Ende der Woche stand Detective Doyle erneut vor seiner Tür. Mit ernster Miene erklärte er, dass man sich aus dem Unfallhergang und dem Tod Ashleys keinen wirklichen Reim machen könne. Ein Zeuge hatte lediglich den Aufprall des Wagens gehört und daraufhin aus dem Fenster gesehen. Was er gesehen hatte, war, wie Ashley durch die Frontscheibe des Autos geschleudert worden war. Was er nicht gesehen hatte, war ein Fahrer. Auch kein Beifahrer. Und doch hatte die Position, in der ihr Körper auf der Motorhaube zum Liegen gekommen war, darauf schließen lassen, dass sie nicht selbst am Steuer gesessen hatte – sondern vermutlich auf dem Beifahrersitz.
Das Fahrzeug, ein alter VW Käfer, Baujahr 1961, war beim Aufprall derart verformt worden, dass sich die Türen nicht mehr hatten öffnen lassen. Ein Entkommen war unmöglich gewesen – ebenso wenig wie ein Aussteigen nach dem Aufprall. Hinzu kam: Der Weg durch die Windschutzscheibe war durch Ashleys Körper blockiert. Es hatte keine Airbags gegeben – bei diesem Modell nicht ungewöhnlich. Der Wagen war ein Geschenk ihres Großvaters zu ihrer bestandenen Führerscheinprüfung mit sechzehn gewesen. Sie hatte stets an ihm gehangen. Alles hatte darauf hingedeutet, dass Ashley allein im Fahrzeug gewesen war. Doch das hatte der Körperlage widersprochen.
Routinemäßig fragte Doyle, ob Ashley an jenem Morgen eine Verabredung gehabt habe – jemanden, der möglicherweise mit ihr im Wagen gesessen haben könnte. Er verneinte. Ashley hatte an diesem Tag nicht einmal vorgehabt, das Haus zu verlassen. Für 10:30 Uhr war ihre Gymnastiklehrerin angekündigt gewesen. Diese war jedoch schließlich vor verschlossener Tür gestanden. Nach wiederholtem Klingeln und mehreren vergeblichen Anrufen war sie unverrichteter Dinge gegangen – wie er am folgenden Tag erfahren hatte.
Eine weitere, schwer zu verdauende Frage stellte Doyle im Anschluss: Ob Ashley unter Depressionen gelitten habe? Ob es möglich sei, dass sie sich das Leben genommen habe? Der Wagen war ungebremst und mit fast 70 Stundenkilometern frontal gegen einen Baum gefahren. Der Gedanke ließ ihn innerlich aufschreien. Natürlich musste Doyle diese Frage stellen – doch sie tat weh. Er schüttelte den Kopf.
„Nein. Ganz sicher nicht“, sagte er fest. „Sie hat am Morgen noch ausgelassen zu Dancing Queen von ABBA getanzt. Das Radio lief, sie sang mit. Sie war voller Lebensfreude.“
Da es weder Hinweise auf Fremdverschulden noch auf einen technischen Defekt oder auf Suizidabsichten gegeben hatte – und auch die Spurensicherung keine neuen Erkenntnisse geliefert hatte – entschloss sich Doyle, die Ermittlungen nach einer Woche einzustellen. Der Fall wurde offiziell als tragischer Unfall zu den Akten gelegt.
Beim Begräbnis hatte Francis ihm geraten, sich eine Auszeit vom Universitätsbetrieb zu nehmen. Er folgte diesem Rat. Doch statt zur Ruhe zu kommen, stürzte er sich in die Unterlagen zum Fall. Er wollte verstehen. Er musste es.
Zunächst hatte man ihm die Herausgabe der vollständigen Autopsieunterlagen und Bilder verweigert. Doch ein alter Bekannter, Karl Fressen, Richter am Gericht von Boston, hatte auf seine Bitte hin einen Beschluss erlassen, der sowohl die Polizei als auch die Gerichtsmedizin verpflichtete, sämtliche Dokumente und Bildmaterialien auszuhändigen.
Er begann mit dem Studium der Akten. Der Polizeibericht schloss mit der Feststellung, dass der genaue Unfallhergang zwar Rätsel aufwerfe, diese jedoch nicht logisch aufzuklären seien – weshalb man das Verfahren einstelle. Der Autopsiebericht von Dr. Fracer kam zu einem eindeutigen Schluss: Tod durch innere Blutungen infolge multipler Traumata, insbesondere einer massiven Hirnschwellung.
Er blätterte weiter, nahm sich die Fotos vor, die der Akte beigelegen hatten. Die Bilder von der Unfallstelle hatten den VW aus verschiedenen Perspektiven gezeigt – völlig zerstört, von der Front her zusammengequetscht. Kein Hinweis auf die Ursache des Unfalls. Dann betrachtete er die Aufnahmen des Körpers seiner Frau. Zunächst wirkte alles wie erwartet – schlimm, aber nichts, was über das hinausging, was bereits im Bericht stand. Bis er plötzlich an Ashleys rechtem Hals eine merkwürdige Erhebung entdeckte. Eine kleine Beule.
Sein Puls beschleunigte sich. Er stand auf, öffnete hektisch die Schublade seines Schreibtisches, suchte nach einer Lupe – obwohl er wusste, dass er keine besaß. Kopfschüttelnd hielt er inne, nahm das Foto zur Hand und legte es stattdessen in den Flachbettscanner, der auf einem kleinen Nebentisch neben seinem Schreibtisch stand. Sein Computer war wie immer eingeschaltet gewesen. Kurz darauf erschien das Bild auf dem Monitor.
Er suchte nach der Zoom-Funktion, fand sie schließlich oben rechts im Programmfenster und vergrößerte das Bild auf 300 Prozent. Der Bildausschnitt war nun stark eingegrenzt, aber die Wölbung an Ashleys Hals war erkennbar. Noch war nichts eindeutig. Er ging auf 600 Prozent – das Bild wurde zunehmend verpixelt, doch jetzt schien es, als sei in der Mitte der Schwellung ein winziges Loch zu erkennen. War es ein Einstich? Eine Verletzung, die nichts mit dem Unfall zu tun gehabt hatte?
Die Bildqualität reichte nicht aus, um sicher zu sein. Es war bereits nach Mitternacht, aber er wusste, was er am nächsten Tag tun würde: Er würde an die Universität fahren. Ein Kollege aus dem IT-Labor verfügte über eine Software zur Bildvergrößerung und -optimierung, die deutlich leistungsfähiger war als alles, was er zu Hause zur Verfügung hatte. Er war entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen. Und er ahnte – das war erst der Anfang.