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Raunegger Benjamin

Alles begann mit Flug UA93

Kapitel 2

Fred war an diesem Morgen bereits um fünf Uhr mit Rückenschmerzen aufgestanden und wäre am liebsten zu Hause geblieben. Eine halbe Stunde später kam seine Ehefrau aus dem oberen Stockwerk in die Küche, beugte sich zu ihm und gab ihm einen Kuss auf die rechte Wange, während er noch am Küchentisch saß und seinen Kaffee trank.
„Na, mein Schatz, hast du gut geschlafen?“, fragte sie.
„Weißt ja, mein Rücken … irgendwann in der Nacht hat er angefangen zu schmerzen, und dann war es mit dem Schlaf vorbei.“
Sie holte sich eine Tasse aus dem Küchenschrank, goss sich Kaffee ein und hörte ihm zu. Dann ging sie zu Fred, legte ihre Hand auf seine rechte Schulter und sagte sanft: „Ach du Armer, wäre es nicht besser, wenn du zum Arzt gehst und dich krank meldest?“
„Du weißt, dass das nicht geht. Emelie kommt im Sommer aufs College, und da brauchen wir alles Geld, das wir nur bekommen können.“
„Aber wir könnten doch meine Eltern fragen. Vater gibt uns bestimmt das Geld.“
„Du weißt genau, dass dein Vater mich für einen Versager hält, und da soll ich bei ihm auch noch um Geld betteln? Nein. Lieber arbeite ich, bis ich tot umfalle, als dass ich deinen Vater um Hilfe bitte.“
„Wie du meinst“, erwiderte sie leise. „Aber ich bin mir sicher, dass mein Vater stolz auf dich ist. Immerhin bist du Feuerwehrmann.“ Sie legte ihm beide Hände auf die Schultern, schüttelte diese zärtlich und fügte hinzu: „Mein Feuerwehrmann!“ Dann schenkte sie ihm noch einen Kuss auf die rechte Wange.
„Wenn er stolz auf mich ist, dann hat er aber eine komische Art, es mir zu zeigen.“
„Ach Schatz, du interpretierst da bestimmt etwas hinein. Aber wie du meinst. Ich gehe mal hoch ins Bad duschen, bevor die Kinder wach werden und das Bad wieder besetzen.“
Fred stand auf, füllte seinen Coffee-to-go-Becher, griff nach den Autoschlüsseln und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Das Feuerwehrdepartment befand sich in der New Jersey Avenue 439. Bis dorthin brauchte er etwa eine Dreiviertelstunde, da sie außerhalb von Washington D. C. wohnten, und er war gerne fünfzehn Minuten vor Dienstbeginn auf der Wache.

*

In der Umkleide zog er sich gerade die Uniform an, als die Alarmsirenen losheulten. Wenige Minuten später saß er mit seinem Kollegen George im Führerhaus eines E-ONE Metro 100 Aerial Ladder, einem Feuerwehrwagen mit ausfahrbarer Leiter und einem zweitausend Liter fassenden Wassertank. Sie fuhren den Northeast Drive hinauf, direkt auf den Platz vor dem Kapitol zu. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Fred noch keine genauen Informationen über den Einsatz erhalten; niemand in der Feuerwache hatte am Morgen den Fernseher eingeschaltet. Die knappe Durchsage lautete lediglich, dass man bei der Evakuierung des Kapitols helfen sollte.
Da sah Fred zu seiner Linken, dass ein Flugzeug unter ohrenbetäubendem Getöse und mit gewaltiger Zerstörungskraft auf das Kapitol zuschlitterte und dabei zahlreiche Menschen, die beim Weglaufen waren, mit in den Tod riss. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Er sah zu George, seinem Kollegen, der neben ihm saß.
Ihre Blicke trafen sich. George presste die Lippen zusammen und nickte knapp, als hätte er Freds Gedanken erraten. „Dann los“, murmelte er rau. Fred erwiderte das Nicken, packte das Lenkrad noch fester und trat entschlossen auf das Gaspedal. Es war nicht nötig, mehr zu sagen. Sie hatten in all den Jahren unzählige Einsätze Schulter an Schulter bewältigt, und auch jetzt wussten beide, was zu tun war.
Fred raste nach vorne, in der verzweifelten Hoffnung, das Flugzeug noch zu erreichen, bevor es die letzten Stufen des Kapitols hinaufschlitterte und dort noch mehr Menschen tötete. Dass der tonnenschwere Feuerwehrwagen in Wahrheit nichts gegen eine Boeing ausrichten konnte, war Fred nicht bewusst.
Im Bruchteil einer Sekunde, bevor das rechte Flügelende der Maschine das Führerhaus zerschmetterte, durchzuckte ihn ein einziger Gedanke: das Lächeln seiner Frau, ihre Stimme, die leise und liebevoll geflüstert hatte – „Mein Feuerwehrmann.“
Dann wurde alles schwarz.
Das Gegenteil von Freds Plan geschah: Der Feuerwehrwagen wurde trotz seiner massiven Bauweise wie ein Spielzeug durch die Luft geschleudert, überschlug sich mehrfach und krachte schließlich auf den Boden. Die Geschwindigkeit, mit der der Flügel den Wagen getroffen hatte, machte jedes Gewicht bedeutungslos.
Doch Freds Opfer blieb nicht ohne Folgen. Durch den Aufprall drehte sich die Boeing 757, und die linke Tragfläche schlug auf den Stufen des Kapitols auf und ging in einem gewaltigen Feuerball in Flammen auf. Die Explosion schleuderte brennende Trümmerteile in alle Richtungen. Die ungeheure Zerstörungskraft riss den Rest der Maschine nach vorne, direkt in das Gebäude hinein. Zuerst brach der Säulenvorbau ein, gleich darauf stürzte die Kuppel des Kapitols in sich zusammen.
Tagelang brannten die Trümmer. Über der Stadt stiegen gewaltige Rauchsäulen auf, die den Himmel verdunkelten und wie ein düsteres Mahnmal über Washington standen.