Alles begann mit Flug UA93
Ein paar Tage später war klar: Der Großteil der Senatoren und Kongressabgeordneten war bei diesem Anschlag ums Leben gekommen. Die VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA befanden sich im Ausnahmezustand und Präsident George W. Bush war die alleinige Regierungsgewalt übertragen worden. Als es kurz darauf amtlich bestätigt wurde, dass al-Qaida hinter den Attentaten stand, begann ein erbarmungsloser Krieg gegen zahlreiche arabische Länder im Nahen Osten. Staaten mit islamischem Hintergrund galten als Verursacher oder Unterstützer derjenigen, die diese Anschläge durchgeführt hatten.
Internierungslager für Muslime wurden eingerichtet – eine bedrückende Parallele zu den vierziger Jahren, als japanische Staatsbürger in den USA interniert worden waren. Zwar erhoben Bürgerrechtler ihre Stimme und organisierten Demonstrationen, doch die Angst vor weiteren Anschlägen überwog. Weder der Präsident noch die einige Monate später provisorisch eingesetzte Regierung gingen auf die Proteste ein.
Die Folgen dieses Krieges und die Sanktionen gegen die betroffenen Länder führten bald zu einer Ölknappheit in Europa. Die Vorkommen in der Nord- und Ostsee konnten nicht ausreichend erschlossen werden und waren zudem zu gering, um die Versorgung zu sichern. In Österreich griff man daher auf eine alte Maßnahme aus den 1970er-Jahren zurück: den autofreien Tag. Jeder Besitzer eines Benzin- oder Dieselfahrzeugs musste das Auto an einem Tag pro Woche stehen lassen, den er sich selbst auswählen konnte.
Karl Mosser und seine Ehefrau Susann entschieden sich für den Sonntag, obwohl sie ihr Auto auch unter der Woche kaum benötigten. Karl fuhr mit dem Rad von Kematen in Tirol nach Innsbruck zur Universität, und Susann betrieb ihre Arztpraxis direkt in der Ortschaft, nur fünf Minuten Fußweg von ihrem Haus entfernt.
Bis vor einem Jahr hatte Karl in der Arbeitsgruppe um den Physiker Rainer Blatt mitgewirkt, die sich mit der Übertragung von Quanteninformationen über beliebige Distanzen beschäftigte – ein Forschungszweig, der von den Medien gerne als „Beamen“ bezeichnet wurde. Doch hatte dies nichts mit dem Beamen von Materie wie in „Star Trek“ zu tun. Da Karl dort nur aushilfsweise tätig gewesen war, widmete er sich inzwischen an der Universität Innsbruck seinem eigenen Projekt, das sich mit Zeitreisen und einem experimentellen Tachyonenstrahl befasste. Aufgrund der knappen Mittel infolge des Krieges im Nahen Osten musste er sich jedoch vorerst auf Computersimulationen beschränken. Diese brachten ihm nicht den erhofften Durchbruch, und finanziell lohnte sich die Arbeit kaum. Zum Glück hatte Susann genügend Patienten in ihrer Praxis, sodass sie gemeinsam über die Runden kamen.
Kennengelernt hatte Karl seine Frau vor sieben Jahren in der Aula der Universität.
Karl war in seiner üblichen Hektik mit dem Kaffeebecher aus der Kantine in die Aula gestürmt – und direkt in eine junge Frau hineingelaufen. Der gesamte Inhalt seiner Tasse ergoss sich über ihre Bluse.
„Oh nein!“ Karl starrte fassungslos auf den braunen Fleck. „Das tut mir unendlich leid … bitte, lassen Sie mich die Reinigung bezahlen!“
Susann, die eben aus einer Vorlesung gekommen war, sog scharf die Luft ein. Doch statt zu schimpfen, musterte sie ihn – hochroter Kopf, verlegene Haltung, der Becher immer noch wie ein Schuldbeweis in seiner Hand – und musste unwillkürlich lächeln. „Wissen Sie was? Sparen Sie sich die Reinigungskosten. Sie schulden mir etwas anderes.“
Karl runzelte die Stirn. „Etwas anderes?“
„Einen Kaffee.“ Sie deutete auf den nassen Stoff. „Aber diesmal bitte einen, der nicht auf meiner Bluse landet.“
Karl atmete hörbar aus, und ein schiefes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Da haben Sie recht. Ich kann und werde Sie zu einem Kaffee einladen.“
„Abgemacht.“ Susann nickte mit gespielter Strenge. „Und diesmal trinken wir ihn beide – aus der Tasse.“
Sie lachten, und dieser kleine Zwischenfall, der leicht ein Ärgernis hätte werden können, wurde zum Anfang von allem.
In den folgenden Monaten kamen sie sich näher, und nach einem Jahr läuteten bereits die Hochzeitsglocken. Kurz darauf war Susanns Vertrag mit der Universität und der Uniklinik ausgelaufen. Gemeinsam kauften sie einen Bungalow in Kematen in Tirol. Susann eröffnete dort eine Praxis für Allgemeinmedizin, da es in der Ortschaft bislang keine gegeben hatte.
Mittlerweile lebten sie seit über vier Jahren in dem Haus am Dorfrand, mit Garten und Blick auf die Axamer Lizum, zusammen mit ihrem Mischlingshund Timi – einem verspielten, überaus aktiven Vierbeiner, der seine stundenlangen Spaziergänge liebte und das Herz der Familie längst erobert hatte.