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FRAU A.

DER TANZ DER MUTTERLIEBE

Die ersten Schatten

Es begann unscheinbar.
Ein Blick, der länger leer blieb als sonst.
Versprechen, die nicht gehalten wurden.
Ein Schritt, ein Stolpern – kaum sichtbar für andere,
doch für mich spürbar wie ein Riss im vertrauten Rhythmus.

„Es ist nur eine Phase”, sagte ich mir.
Andere sagten es auch.
Doch tief in mir wusste ich: Etwas verändert sich.

Es begann nicht mit dem großen Absturz.
Es begann leise - mit Freunden im Dachgeschoss, mit glasigen Augen, mit Atemzügen, die zu flach waren.
Schon damals spürte ich:
Etwas wächst heran, was größer ist als ich.

Mein jüngster Sohn brachte zwei Freunde mit nach Hause.
Als ich nachmittags von der Arbeit kam, war es still.
Zu still.
Ich ging ins Dachgeschoss, in sein Zimmer.
Ein Junge lag wie bewusstlos im Bett, kaum sechzehn, flach atmend.
Ein anderer murmelte unverständlich vor sich hin.
Mein Sohn hatte glasige Augen, war nicht bei sich.
Ich rief die Eltern der anderen beiden Kinder.
Sie kamen, beruhigten, schoben die Verantwortung ab:
„Unsere Kinder nehmen keine Drogen. Das kommt von hier. “

Diese Schuldzuweisung traf mich tief.
Sie war ein Spiegel dessen, was ich aus meinem Leben kannte:
„Ich bin anders. “
„Ich bin schuld. “

Und nun kam ein neuer Glaubenssatz hinzu:
„Ich muss alles alleine regeln. “

Doch ich wusste: Es war nicht nur hier.
Es war überall.
Und trotzdem blieb alles an mir hängen.

Ein paar Wochen später wiederholte sich die Szene.
Diesmal wurde ich wütend – so wütend, dass ich zum ersten Mal die Energie meiner Wut nutzte und die Polizei rief.
Das Blaulicht spiegelte sich im Dachfenster.
Die Kinder sahen es und rannten davon, ihre Handys flogen in Nachbars Garten.

Und wieder blieb ich allein zurück, mit Scham, mit Schuld,
mit dem Gefühl, bestraft zu sein.

Schon damals wusste ich:
Ich konnte nicht alles verhindern.
Ich konnte nicht neben ihm schlafen, nicht jeden Freund verbieten, nicht jede Tür verschließen.

Doch die Verantwortung wurde mir zugeschoben, von Familie, von Eltern, von Nachbarn, von der Gesellschaft.

Ich fühlte mich schuldig, obwohl ich nichts anderes tat als zu arbeiten, zu sorgen und zu leben.
Ich schämte mich, obwohl ich nicht diejenige war, die Drogen nahm.
Ich war ohnmächtig und doch war ich diejenige, die handeln musste.

Manchmal sah ich ihn lachen, voller Leben,
und ich klammerte mich an dieses Bild.

Doch dann kam wieder die Leere, die Müdigkeit, das Ausweichen.
Es war, als würde er einen Tanz beginnen, den ich nicht kannte,
einen Rhythmus, der mich aus dem Takt brachte.

Die Familie spürte es.
Die Geschwister blickten fragend.
Der Alltag bekam Risse.

Ich versuchte, alles zusammenzuhalten,
doch seine Stolperer wurden häufiger.
Und bei mir meldete sich mein Körper.
Die Schmerzen kamen zurück,
die Schmerzen meiner Fibromyalgie,
nach über fünfzehn Jahren.