DER TANZ DER MUTTERLIEBE
Heilig Geist Boppard
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Chefarzt: Dr. med. B. Mitric
Manchmal braucht es einen Ort, an dem man endlich nicht mehr stark sein muss.
Ankommen im Ausnahmezustand
Als ich Anfang Februar in Boppard ankam, war ich körperlich und seelisch am Ende. Ich konnte kaum laufen, kaum schlafen, kaum denken. Ich war voller Schmerzen, voller Angst, voller Panik. Mein Körper war ein einziges Alarmsignal. Und mein Zuhause war kein Zuhause mehr. Es war ein Ort der Angst, der Eskalation, der Unberechenbarkeit.
Ich kam in Boppard an wie ein Mensch, der nur noch aus Fäden besteht.
Die Stationsärztin führte das Aufnahmegespräch.
Ich erzählte, so gut ich konnte.
Ich zitterte.
Ich war erschöpft.
Ich bekam ein Zimmer.
Ein Bett.
Einen Ort, an dem niemand nachts die Tür aufreißt.
Einen Ort, an dem niemand schreit.
Einen Ort, an dem ich nicht fliehen musste.
„Fühlen Sie sich hier sicher?“
Es war die Frage, die alles traf.
Die Frage, die ich selbst nicht mehr beantworten konnte.
Eine Frage, die mein Leben in den letzten Monaten bestimmt hatte:
Wo kann ich mich sicher fühlen?
Hier, an diesem Ort, in diesem Zimmer, in dieser Klinik, fühlte ich mich sicher.
Zum ersten Mal seit Monaten.
Ich schaltete mein Handy aus.
Ich war endlich unerreichbar.
Was mich nach Boppard brachte
Manchmal lacht man, weil Weinen zu gefährlich wäre.
Als ich in Boppard ankam und zum ersten Mal mit dem Chefarzt und dem Team sprach, erzählte ich ihnen, was in den letzten Jahren seit dem Tod meines Mannes alles passiert war.
Ich sprach ruhig.
Ich sprach sachlich.
Und ich lachte immer wieder — ein Lachen, das nicht fröhlich war, sondern schützend.
Ein Lachen, das mich zusammenhielt, weil Weinen mich zerrissen hätte.
Und während ich lachte, sah ich in ihren Gesichtern, dass sie mich durchschauten.
Sie wussten sofort:
Das ist kein Humor.
Das ist Überleben.
Ich erzählte ihnen von meinem Sohn:
• wie er tagelang nicht schlief
• wie Alkohol und Drogen ihn unberechenbar machten
• wie er nachts laut Musik aufdrehte und das Fenster aufriss
• wie er mich beschimpfte, Worte, die wie Schläge trafen
• wie er die Sprache seines Vaters übernommen hatte
•, dass die Polizei ständig kommen musste
Ich erzählte ihnen von mir:
• meinen Panikattacken
• meinem Ausschlag, der immer schlimmer wurde
• meiner Depression, die mich sprachlos machte
• meiner Flucht zu meinem ältesten Sohn • meiner Angst, mein Zuhause zu betreten
• meiner Angst, es zu verlassen
• meiner Angst, überhaupt noch zu existieren
Und dann erzählte ich die Dinge, die man eigentlich nicht mehr erzählen kann, ohne zu zerbrechen:
• die Androhung meines Sohnes im Jahr 2021, mich umzubringen
• den Überfall im Februar 2024
• das Stalking
• die Gewaltschutzanordnung
• die Drohungen von Dealern
• die Gerichtsverhandlungen
• wie ich immer wieder als Druckmittel benutzt wurde
• wie ich zur Polizei ging, um mich zu schützen
• und wie die Angezeigten dann wiederum mich anzeigten
Ich erzählte all das. Und ich lachte. Immer wieder.
Ein Lachen, das nicht zu den Worten passte.
Ein Lachen, das die Absurdität meines Lebens spiegelte.
Ein Lachen, das mich davor bewahrte, mitten im Satz zusammenzubrechen.
Der Chefarzt sah mich an und sagte nichts.
Er musste nichts sagen.
Er hatte verstanden — und würde es mir in einem der nächsten Gespräche erklären.
Und ich verstand auch etwas:
Ich war nicht nach Boppard gekommen, weil ich schwach war. Ich war nach Boppard gekommen, weil ich zu lange stark gewesen war.
Sie hörten zu. Sie verstanden.
Sie verurteilten nicht.
Sie erklärten. Sie ordneten ein.
Sie gaben mir Worte für Dinge, die ich nie benennen konnte.