Déjà-Vu
Ich komme mir vor wie beim Pokern, während ich am darauffolgenden Tag diesem Arzt gegenübersitze, der mich die ganze Zeit taxiert, ohne etwas zu sagen. Offensichtlich wartet er darauf, dass ich von allein zu reden beginne. Ich allerdings schweige beharrlich. Es vergehen bestimmt zwanzig Minuten, bis einer von uns schließlich aufgibt. In diesem Falle der Arzt.
»Also«, beginnt er schließlich. »Weshalb verweigern Sie denn die Nahrungsaufnahme?«
Verblüfft lache ich auf. Ich hätte mit allem gerechnet, damit aber nicht.
»Haben Sie eine Essstörung?«, will er wissen.
Wieder lache ich. Nicht diese Leier schon wieder! Tatsächlich hatte ich das Essen gestern Abend nicht mehr angerührt, weil ich nach all den Strapazen schlicht keinen Appetit hatte. Genauso wenig wie das Frühstück heute Morgen. Es gab ja nicht einmal Kaffee. Ich hebe die Schultern und sage weiterhin keinen Ton. Der Arzt, mutmaßlich irgendein Psychologe, und wieder jünger als ich, erinnert mich vom Typ her an Aaron, mit seinen roten Locken und seiner Brille. Der Gedanke an ihn löst zusätzliches Unwohlsein in mir aus. Ich frage mich, ob sie hier wohl irgendetwas über mich wissen. Über die Wanderung. Oder über meine Vorgeschichte. Mein Gegenüber kritzelt etwas auf seinen Notizblock.
»Möchten Sie mir nicht ein bisschen was erzählen?«, bittet er mich dann. »Sonst ist es sehr schwer, sich ein Bild zu machen.«
Ich aber wüsste nicht einmal, wo ich anfangen soll. Bei Tag X, und meinem dadurch verkorksten Leben? Bei der Wanderung, die eine so schreckliche Wendung nahm? Oder bei Ophelia und dem mutmaßlichen Missbrauch?
»Warum haben Sie sich das angetan?«, fragt er. Wieder hebe ich die Schultern. Ich weiß es doch selbst nicht.
Nach weiteren Minuten des Schweigens versucht er auf eine andere Art, mich zum Reden zu bringen.
»Deja«, liest er meinen Vornamen korrekt vom Blatt ab. »Wie spricht man es aus?«
Ich rolle mit den Augen und bestätige ihm mit einer Geste, es intuitiv richtig ausgesprochen zu haben.
»Kommt der Name aus dem Französischen?«, erkundigt er sich. »Wie Déjà-Vu?« Dabei lächelt er, und die Paranoia in mir lässt mich befürchten, dass er über alles Bescheid weiß.
»Klingt jedenfalls schön«, findet er, und ich erschaudere. War es doch das Erste, das Ophelia zu mir gesagt hatte. Mein Unbehagen spürend, wechselt er das Thema. Allerdings nicht zum Besseren.
»Ihre Lebenspartnerin war hier vor kurzem auch noch in Behandlung«, meint er zu wissen.
Dies bricht schließlich mein Schweigen, denn das kann ich so einfach nicht stehen lassen (selbst wenn der Gedanke, eine Partnerschaft mit wem auch immer zu haben, sich so wunderbar normal anfühlt).
»Ich habe keine Lebenspartnerin«, erkläre ich heiser. Dr. Simon, als den ihn sein Namensschild ausweist, schaut mich direkt an.
»Es gibt in unserer Liste einen Vermerk, dass Sie hier öfter zu Besuch waren«, sagt er. Ich schaue ihn fragend an, als wüsste ich davon nichts.
»Bei Frau Novalis«, erläutert er. »Und die hatte Sie uns gegenüber als ihre Partnerin vorgestellt.«
Vehement schüttele ich den Kopf.
»Sie ist verrückt«, sage ich, und mache eine Handbewegung, um hervorzuheben, wo wir uns hier befinden.
»In welcher Beziehung stehen Sie denn zu ihr?«, fragt er. Alles in mir schreit danach, ihm zu erzählen, dass ich Opfer dieser Wahnsinnigen geworden bin. Meine Scham und Unsicherheit allerdings verhindern dies.
»Sie ist nur eine Bekannte«, gebe ich daraufhin an. Das scheint er zu akzeptieren.
»Gibt es sonst irgendwelche Angehörigen, die wir kontaktieren können?«, will er anschließend wissen. Ich verneine.
»Wie lange muss ich bleiben?«, traue ich mich schließlich zu fragen. Ein unpassendes Schmunzeln wandert über sein Gesicht.
»Das hängt von Ihnen ab«, sagt er. »Sie haben sich in erheblichem Maße selbst verletzt. Wenn Sie mir ein wenig erzählen, ist es leichter einzuschätzen, ob weiterhin Gefahr besteht.«
Für wie dumm hält er mich? Jemanden, der es nicht einmal schafft, sich die Pulsadern aufzuschlitzen, und sich stattdessen mit heißem Wasser verbrüht.
»Ich brauchte einfach eine heiße Dusche«, gebe ich zu Protokoll. Nun legt er den Kopf schief.
»Wir haben achtundzwanzig Grad draußen«, weist er mich hin. »Gestern waren es neunundzwanzig.«
»Mir war trotzdem kalt«, behaupte ich.
»Sie haben stundenlang heiß geduscht?«
»Ich habe einen Waschzwang.«
Er notiert sich das anscheinend.
»Haben Sie nicht gemerkt, dass das Wasser viel zu heiß war?«
Ich hebe die Schultern.
»Sie haben sich dabei tierisch die Haut verbrannt«, macht er mir klar. »Letztendlich ist Ihr Kreislauf kollabiert, und Sie wurden ohnmächtig. Das hätte schief gehen können.«
Ich wundere mich derweil, ob sie nicht gesehen haben, dass ich quasi vorgeschädigt bin. Ob sie tatsächlich keinerlei Daten über meine früheren Krankenhausaufenthalte haben. Aber ich frage nicht nach, sondern hebe erneut die Schultern.
»Was war mit der Nagelfeile?«, will er wissen.
»Bin damit ausgerutscht«, behaupte ich. Sein Gesicht sieht zweifelnd aus.
»Sie hatten auch noch andere Verletzungen«, erinnert er mich, woraufhin ich vor Scham im Boden versinken möchte, und weiterhin schweige.
»Also gut«, sagt er, hörbar resigniert, und legt schließlich den Block zur Seite. »Wir behalten Sie erst einmal hier. Bitte versuchen Sie etwas zu sich zu nehmen. Ich werde morgen noch einmal vorbeikommen.«
Ich nehme diese Information mit einem Nicken zur Kenntnis. Und seltsamerweise stört es mich nicht einmal. Hier habe mich weitestgehend meine Ruhe, werde verpflegt und umsorgt, und muss mich um nichts kümmern. Wie in einem Hotel, wenn auch einem mit vergitterten Fenstern. Psychiatrien entsprechen heutzutage ohnehin nicht mehr dem alten Klischee, bilde ich mir ein. Von mir aus bleibe ich bis in alle Ewigkeit hier.
»Ach, übrigens«, sagt Dr. Simon noch, als er schon in der Tür steht. »Sie bekommen später noch Besuch.« Dann lässt er mich allein. Und plötzlich bin ich doch beunruhigt.