Déjà-Vu
Als ich am frühen Abend das Büro verlasse und nach Hause laufe, ist es bereits dunkel, aber dafür spürbar milder geworden, und ich beginne in meinen dicken Klamotten zu schwitzen. Die Winter werden immer verrückter. Kisha hatte mir mehrfach angeboten, mich zu begleiten, weil es gerade für Frauen im Dunkeln da draußen nicht sicher sei. Ich kenne das Klischee. Schließlich schaue ich regelmäßig Aktenzeichen XY. Dennoch halte ich es für ausgeschlossen, dass ausgerechnet mich jemand überfallen würde. Ich habe doch nichts zu bieten. Keine Wertsachen und auch keinen reizvollen Körper. Mir ist klar, wie naiv und dumm diese Annahme ist. Erst recht, als ich nun bemerke, dass schon seit zehn Minuten irgendein dubioser Kerl hinter mir läuft. Als würde er mich tatsächlich verfolgen. Außer ihm und mir ist praktisch niemand auf der Straße, zumindest kein weiterer Fußgänger. Zweimal bleibe ich stehen, und tue so, als würde ich in meiner Tasche kramen. Der Typ bleibt ebenfalls stehen, und schaut auf sein Smartphone. Oder tut so als ob. Ich bekomme Gänsehaut, und frage mich, ob das vielleicht dieser Zopfmann ist, der mir Feuer gegeben hatte. Ganz geheuer war der mir ja nicht. Aus Verzweiflung rufe ich schließlich Kisha an, auch wenn ich sie und Rebecca vermutlich störe, wobei auch immer.
»Was gibt's?«, meldet sie sich allerdings sofort nach dem ersten Freizeichen. »Nichts besonderes«, lüge ich. »Nur so.«
»Bist du schon zu Hause?«
»Nein, noch auf dem Weg.«
»Angst im Dunkeln?«, witzelt sie. »Ich hätte dich bringen können.«
»Ich dachte, du wolltest mit Becky noch ein wenig arbeiten«, sage ich, und betone es absichtlich zweideutig.
»Da läuft nichts«, sagt sie nach einer Pause enttäuscht. »Die ist liiert.«
»Woher...?«, will ich fragen, und bin gerade froh über die Ablenkung, die dieses seichte Thema bietet.
Doch Kisha unterbricht mich: »Lass uns lieber über dich reden.«
Ich rolle mit den Augen, und seufze demonstrativ.
»Ich glaube, du hast deine Ausstrahlung mal wieder gehörig unterschätzt«, meint sie, und ich kann sie regelrecht grinsen hören.
»Aha«, mache ich nur.
»Meine Leute sind eh begeistert von dir«, fährt sie fort. »Aber vorhin hat mich sogar ein Mitarbeiter der Catering Firma hier angesprochen.«
»Wie?«
»Er heißt Ralf, ist fast zwei Meter groß und trägt Zopf.« Sie lacht. »Nicht dein Typ, schätze ich.«
»Überhaupt nicht«, bestätige ich. Ich habe nämlich keinen Typ.
»Schade, Marmelade«, meint sie kichernd. »Der wollte glatt von mir wissen, ob die kleine, hübsche Dunkelblonde da Single sei.«
»Diese Beschreibung trifft wohl auf tausende Frauen zu«, merke ich an. »Auf mich hingegen sicher nicht. Zumal ich graublond bin.«
»Die mit dem Brandmal im Gesicht, sagte er«, erläutert Kisha. »Klingt ganz nach dir, würde ich sagen.«
»Ich bin gerade nicht in Stimmung für so was«, grummele ich angesäuert.
»Es stimmt aber«, insistiert sie.
Woraufhin ich schnaube. »Und wenn schon.«
Der Verfolger hat inzwischen wieder ein gutes Stück zu mir aufgeschlossen, wie ich gerade erkenne.
»Vielleicht stellt er mir ja bereits nach«, beginne ich wieder zu flüstern.
»Hä, was?«
»Da läuft jemand hinter mir«, beichte ich ihr. »Schon seit der Kreuzung vor eurem Büro. Deswegen hab ich dich angerufen.«
»Okay, verstehe.«
»Ich erkenn den nicht«, flüstere ich, während ich mich immer wieder verstohlen nach dem Typen umdrehe. »Aber die Größe passt schon mal.«
»Versuch mal, einen Haken zu schlagen«, empfiehlt Kisha. »Um zu sehen, ob er dir wirklich folgt.«
Ratlos blicke ich mich um. Es bliebe hierfür eigentlich nur die dunkle Parkanlage rechts von mir, die im Moment sicher keine geeignete Strecke darstellt.
»Ich bleibe lieber auf der beleuchteten Straße«, sage ich daher. »Bin eh gleich daheim.« Dann knistert es in der Leitung. »Hallo?«, rufe ich. Doch am anderen Ende höre ich keinen Laut mehr. Der Blick auf das Display meines Handys offenbart mir schließlich, dass der Akku leer ist. Wieder einmal perfektes Timing.
Als ich die rettende Haustür erreiche, muss ich zu meinem Entsetzen feststellen, dass der Typ immer noch hinter mir ist. Jetzt wird es allmählich wirklich unheimlich. Er scheint nun sogar direkt auf denselben Hauseingang zuzusteuern. Hektisch krame ich meine Schlüssel hervor, die mir natürlich aus den behandschuhten Fingern gleiten. Als wäre das nicht genug, will der verdammte Schlüssel sich im Anschluss partout nicht drehen lassen. Die hektischen, panischen Bewegungen, mit denen ich es versuche, tun ihr Übriges. Wahrscheinlich habe ich den falschen erwischt. Doch es ist zu spät. Der Typ steht direkt hinter mir. Ich kann seine Silhouette sehen, die sich im Glas der Eingangstür spiegelt.
»Soll ich Ihnen aufschließen?«, fragt er schließlich. Und ich bin perplex. Ich kenne doch diese Stimme! Ganz langsam, fast in Zeitlupe, drehe ich mich zu ihm um. Das kann nicht echt sein, denke ich dann erschrocken, ich halluziniere! Wahrscheinlich, weil wir erst vor wenigen Stunden von ihm gesprochen haben. Ich blinzele mehrmals, aber die Gestalt löst sich nicht auf. Selbst in dicken Winterklamotten kann ich ihn eindeutig identifizieren: Das hämische Grinsen unter seinen Vollbart, die gefährlich funkelnden Augen. Die Sneaker an seinen Füßen. Und schließlich das Goldkettchen mit dem T.
»Ich glaub, ich hab grad ein Déjà-Vu«, greint Timur, der mich nun scheinbar ebenfalls erkennt. »Wohnst du etwa auch hier?«
»Die Frage geht zurück«, sage ich, als ich endlich meine Stimme wiederfinde.
»Bin neu eingezogen«, sagt er, obwohl es eigentlich keiner Erklärung mehr bedarf. »Mit meiner Perle.« Timur und seine mutmaßlich neue Freundin sind also meine Nachbarn. Das liebestolle Pärchen mit der guten Ausdauer.
»Moment, wohnst du neben uns?«, dämmert es nun auch ihm. Seine Überraschung wirkt irgendwie gespielt, so als hätte er es bereits die ganze Zeit gewusst. Vielleicht durch meinen Nachnamen am Klingelschild, auch wenn ich bezweifle, dass er sich den gemerkt hat. Andererseits hatte seine "Perle" ja meine Post abgegriffen, und das wohl nicht zum ersten Mal. Mein Vorname ist wiederum recht selten. Nun klatscht er nahezu begeistert in die Hände.
»Das gibt's ja nicht!«, ruft er, so laut, dass es von den Wänden zurück hallt. »Voll der Zufall, ja?« Irgendetwas lässt mich allerdings daran zweifeln, dass es wirklich nur Zufall ist. Dann fängt er auch noch an zu lachen. Ich hingegen finde das alles andere als lustig.
(...)
Bis mich die schrillende Türklingel mit einem Mal weckt. Lass es nicht wieder den Opa sein, flehe ich innerlich, und steige aus der Wanne, wenn auch widerwillig. Das letzte Mal, als ich hier lag und nicht öffnete, hatte man die Wohnung aufbrechen müssen. Eine Wiederholung dessen muss nicht unbedingt sein. Das Pärchen höre ich nicht mehr, als ich zur Tür trotte. Der Grund steht mir kurz darauf gegenüber und grinst mich an. Instinktiv ziehe ich den Bademantel fester um meinen Körper.
»Stör ich?«, fragt Timur süffisant.
»In der Tat«, antworte ich mit einem künstlichen Lächeln.
Timur zieht eine Schnute.
»Du hast ein Bad genommen«, stellt er fest, während er mich taxiert. »Wolltest du dich wieder umbringen?«
Ich suche nach Worten.
»Doch schon alle Gummis verbraucht?«, provoziere ich dann. »Ich hab aber leider keine, wie du weißt.«
Timur lacht. »Ach so, nein. Sie hat keinen Bock mehr.« Weiter sagt er nichts, sondern steht einfach nur da und schaut mich an. Ich würde sogar fast behaupten, dass er mich mit seinen Blicken auszieht. Andererseits ist das nun wirklich zu abwegig. Was er von mir hält, hatte er mir (und den anderen) gegenüber schließlich mehr als deutlich gemacht, während seine plumpen Anmachen im Wald lediglich ein Spiel gewesen sind.
»Falls du ein Paket abholen willst, ich hab's nicht«, merke ich schließlich ungeduldig an, und verfluche mich dafür, überhaupt geöffnet zu haben.
Nun lehnt er sich in den Türrahmen.
»Ich wollt mit dir reden«, sagt er, und ich befürchte, es wird kein angenehmes Gespräch. Hinzu kommt, dass ich eine Fahne rieche. Timur hat also getrunken, und dürfte damit noch unberechenbarer sein. Ich spüre wie mir kalt wird, und das liegt nicht nur an der Zugluft im Hausflur. Timurs Blick durchbohrt mich beinahe, und bleibt an meinem Dekolleté hängen, auch wenn ich dieses bedecke.
»Hast du deine Brüste machen lassen?«, staunt er unvermittelt. Jetzt wird es völlig abstrus. Zwar sind die Dinger tatsächlich noch nicht wieder auf ihre ursprüngliche Größe geschrumpft, aber das dürfte man eigentlich nicht sehen.
»Wolltest du darüber mit mir reden?«, gebe ich belustigt zurück, und deute mit dem Kopf zu seiner Tür. »Wird deine Freundin nicht gutheißen.«
»Die pennt«, erwidert er, und leckt sich anzüglich die Lippen, bevor er wie selbstverständlich seinen rechten Fuß in meine Wohnung setzt.
»Du wirkst jedenfalls ganz anders«, findet er, und klingt beinahe anerkennend. »Die Klapse hat dir wohl gut getan.«
»Danke, kann ich nur weiter empfehlen«, sage ich, und versuche ihn aus der Tür zu schieben, ohne dass der Bademantel dabei verrutscht. Dabei wird mir bewusst, dass ich noch nicht mal mein Handy aufgeladen habe, um im Notfall Hilfe zu rufen. Aus Verzweiflung tippe ich den Lichtschalter im Hausflur an. Das Licht funktioniert.
»Hat dich jemand geschlagen?«, fragt Timur verdutzt, beim Blick in mein Gesicht, in dem er nun die Verbrühung erkennt.
»Ja, mein Freund«, erwidere ich. »Er ist Kampfsportler. Und er kann Elon Musk nicht ausstehen.«
Timurs Gesicht verfinstert sich auf der Stelle, auch wenn ihm natürlich klar ist, dass ich nicht mit einem prügelnden Kampfsportler liiert sein kann.
»Wenn sonst nichts weiter ist, wünsche ich dir jetzt 'ne gute Nacht«, beharre ich freundlich, aber bestimmt. Nun grinst er wieder dreckig.
»Wir müssen über den Wald reden«, sagt er schließlich in ernstem Ton. »Darüber, was du weißt.«