Déjà-Vu
Bis vor kurzem wusste ich noch nicht mal, dass es ihn überhaupt gibt, denn ich kenne nur die wenigsten meiner Nachbarn. Aber ausgerechnet an dem Tag, an dem Amelie bei mir aufgetaucht war, hatte später auch Franz vor meiner Tür gestanden, um ein Paket abzuholen, das ich unbekannterweise für ihn angenommen hatte. Darin befand sich die erste gedruckte Auflage seines Romans, wie er mir stolz erzählt hatte. Der gutaussehende Mann mit den dunklen Locken, den strahlend blauen Augen und dem charmanten Lächeln ist ungefähr in meinem Alter, und ebenfalls ein angehender Schriftsteller, der genau wie ich Psychothriller schreibt. Mich hatte das natürlich sofort neugierig gemacht, und Franz hatte mir daraufhin kurzerhand ein Exemplar geschenkt. Er hatte es mir sogar signiert, allerdings hatte ich ihm einen falschen Namen genannt.
»Hallo«, sagt er nun, ein wenig schüchtern, und lächelt mich an. Ich erwidere den Gruß und entschuldige mich sofort für den unbeabsichtigten Rempler. Er will wissen, wie es mir geht, doch ich verzichte darauf, ihm die Wahrheit zu sagen. Dass ich gerade den ersten Beziehungsstress meines Lebens habe. Dass ich mit einer Schizophrenen zusammen bin, die mutmaßlich gerade einen Schub erleidet. Dass es um mich selbst auch nicht gerade besser steht, und ich mich wieder selbst verletze. Also antworte ich mit irgendeiner Floskel, während ich mir eingestehen muss, dass er ziemlich attraktiv ist. Der erste Mann seit langer Zeit, der mir mehr als nur sympathisch ist. Das war mir schon bei unserer ersten Begegnung klar geworden, doch ich hatte dieser Tatsache keine all zu große Bedeutung beigemessen. Vor allem, weil ich nun eine Freundin hatte.
Ein wenig unsicher trete ich vor die Haustür, und weiß gar nicht, wohin ich wollte. Es ist ein strahlend schöner, sommerlicher Morgen. Franz ist mir gefolgt und steckt sich eine Kippe an, bevor er mir einen schönen Tag wünscht, und seiner Wege geht. Ich glaube derweil, einen passenden Aufhänger für ein Gespräch gefunden zu haben, und rufe ihn zurück.
»Hätten Sie vielleicht eine Zigarette für mich?«, frage ich mit gezuckertem Lächeln, demonstrativ in den Taschen meines Hoodies wühlend. »Hab meine vergessen.«
»Aber natürlich«, sagt er, tritt auf mich zu und hält mir die Schachtel hin, aus der ich eine Fluppe herausziehe. Ich bedanke mich artig, und verspüre Nervosität, als er mir nahe kommt, um mir Feuer zu geben. Es mag Einbildung sein (oder Wunschdenken?), aber ich glaube zu fühlen, dass es ihm ähnlich geht.
»Es wäre übrigens total nett von Ihnen, wenn Sie so in zwei Wochen wieder meine Post entgegen nehmen könnten«, kommt es plötzlich von ihm. »Ich bin dann nicht da.«
»Aha, wo sind Sie denn? Auf Lesereise?«, frage ich, vielleicht ein wenig zu neugierig, in dem unbeholfenen Versuch, Smalltalk zu machen.
»Fast«, antwortet er lächelnd. »Ich fahr für einige Tage an die Nordseeküste, und suche ein bisschen Inspiration.«
»Cool«, ist alles, was mir dazu einfällt.
Franz schaut mich verblüfft an, und ich könnte mir selbst eine runterhauen. Zu dämlich um zu flirten, denke ich verdrossen. Wann hätte ich es auch lernen sollen?
»Haben Sie es schon gelesen?«, fragt er nun zaghaft. Ich aber muss zugeben, bislang noch nicht mal einen Blick in sein Buch geworfen zu haben. Ich war schlicht nicht dazu gekommen, weil eine bestimmte Person mich die ganze Zeit über mehr oder weniger in Beschlag nahm.
»Es ist vielleicht ein wenig wirr«, gibt Franz zu. »Aber es beruht auf realen Tatsachen.«
»Ich bin gespannt«, erwidere ich. Und das ist nicht mal gelogen. Ich nehme mir daraufhin fest vor, es spätestens im Urlaub zu lesen. Irgendwie scheint etwas in der Luft zu liegen. Als würden wir beide nur darauf warten, dass der jeweils Andere den ersten Schritt wagt, und eine Einladung zum Kaffee ausspricht. Aber möglicherweise haben wir beide auch gute Gründe, es bleiben zu lassen. Eigentlich kann ich mir kaum vorstellen, dass er Single ist. Und was mich angeht…
»Na dann«, verabschiedet Franz sich nun hastig, nachdem er seine Kippe aufgeraucht hat, und zwinkert mir zu. »Man sieht sich.«
Eindeutige Ansage, denke ich, und winke ihm, bevor ich zurück in meine Wohnung schleiche. Dort finde ich Amelie weinend am Küchentisch vor. Ich bin so erschrocken, dass ich kein Wort herausbringe, und fühle mich sofort schlecht.
»Es tut mir so leid«, schluchzt sie. »Ich wollte nicht so zu dir sein.«
Ich setze mich zu ihr, noch immer unfähig zu sprechen. Nun schaut sie mir mit verheulten Augen ins Gesicht.
»Ich hab einfach solche Angst dich zu verlieren«, gesteht sie mir. »Dass du jemand anderen findest. Jemanden, der nicht verrückt ist.« Ich nehme ihre Hand, und möchte beinahe erwidern, dass das ausgeschlossen sein dürfte. Schließlich bin ich diejenige, die Angst haben müsste. Davor, dass der einzige Mensch, der mich je lieben konnte, mich verlässt. Weil ich nicht gut genug bin. Oder davor, dass sie aufgrund ihrer Krankheit eine andere Identität annimmt, und mich nicht mehr erkennt.
»Ich weiß, dass du dir Sorgen machst«, liest sie meine Gedanken. »Dass ich jemand anders werden könnte. Vielleicht war das alles doch kein so guter Plan. Dass ich hier bei dir wohne. Dass ich meine Medikamente nicht nehme und nicht in Behandlung bin.« Sie fährt sich durchs Haar, und ich kann noch immer nichts sagen. Weil sie vollkommen recht hat. Wir beide wissen das.
»Aber ich kann nicht ohne dich!«, fügt sie mit verzweifelter Stimme hinzu. »Ich will einfach nur bei dir sein. Deine Nähe spüren, deine Stimme hören, in deine Augen schauen. Dich riechen und schmecken.« Sie lächelt. »Ich könnte dich einfach die ganze Zeit nur abknutschen.«
Im Grunde tut sie die ganze Zeit auch nichts anderes.
»Du bist einfach das größte Geschenk für mich!«, macht sie mir wieder einmal klar. Ich seufze, und befürchte, dass sie sogleich die nächste Salve von Komplimenten auf mich abfeuern wird. Die ich noch immer nicht annehmen kann. Weil mein Hirn mir einredet, dass es nicht real ist, was sie sagt. Weil sie selbst nicht real ist.