Der Schacht
Es war ein grauer Morgen im November des Jahres 1893. Tief hing der Nebel in den Fichtenwäldern des Erzgebirges. Der junge Karl Schwarz machte sich wie jeden Tag zu Fuß auf den Weg durch das Dorf, hinauf zum Stollen. Das Örtchen war geprägt von kleinen, mancher würde meinen, fast schon winzigen Fachwerkhäusern. In diesem lebten nicht nur Karl und seine Familie, sondern auch noch weitere. Nach dem Tod seines Vaters war er zum Brotverdiener geworden und so schuftete er tagein, tagaus in der Zeche. Die Frauen gingen in der Weberei ihrem Tagewerk nach, denn als die Bauern, die sie mal waren, war kein Unterhalt mehr zu verdienen. Die Menschen in diesem Teil der Welt waren schon immer arm und das änderte sich auch dann nicht, als die Industriellen und Magnaten die Feudalfürsten und Lehnsherren ersetzten. Früher schufteten sie auf den Feldern, heute in den Fabriken und Schächten. Karl war dafür verantwortlich, dass sie nicht hungerten und ein Dach über den Kopf hatten. Das konnte dieser Tage nicht jeder von sich behaupten. Denn obwohl allerorts die Dampfmaschinen dröhnten und die Massen in die Fabriken strömten, blieb nur wenig Reichtum bei den Bewohnern dieser zerfurchten, rauen Landschaft. Täler durchzogen die Anhöhen und Berge. Die Dörfer drängten sich an den Flussbetten und hohen Hängen. Eisenbahnen erschlossen so manchen sturen Fels. Mit Dynamit sprengte man gar ganze Tunnel in ihn. Man hätte meinen sollen, mit der Industrie käme auch der Wohlstand in diese traurigen, grauen Wälder, in denen der Bergbau schon immer die Lebensader war.
Auf den Straßen des Dorfes sammelten sich langsam die Männer, welche gleichmäßig in Richtung des Bergwerks auf dem Hügel strömten. Wie die meisten in diesem Strom trug auch Karl einen Arbeitsanzug aus Baumwolle und seine Arbeitsstiefel an den Füßen. Auf dem Kopf eine Schiebermütze und auf dem Kreuz seinen Wanderrucksack. Der Weg hinauf zur Zeche war enorm. Steil führte ein ausgetretener Pfad zum Stollen. Das Bergwerk selbst war eines von den kleineren. Auf dem Hof spannten gerade die Kameraden der letzten Schicht die Grubenpferde um. Auch die Tiere brauchten eine Auszeit. Neue Gäule wurden herangeholt und vor die Loren gespannt.
Karl ging zu einer einfachen Bretterbude neben dem Bergwerkseingang. Dort befand sich die Ausrüstung. Es wurde an der Ausgabe peinlich genau darauf geachtet, dass die heimkehrenden Bergmänner alles wieder abgaben und die einfahrenden Kumpel nichts vergaßen. Zu Karls Ausrüstung gehörte eine Lederkappe mit einer daran angebrachten Öllampe. Zusätzlich nahm er noch eine Sturmlaterne mit. Hinzu kamen Arbeitshandschuhe aus Leder und natürlich seine Spitzhacke, ein Meißel und der Erzhammer. Nachdem sich alle aus der Schicht entsprechend angekleidet hatten, gingen sie in Zweierreihen sortiert in den Schacht. Zunächst erhellten nur ihre Sturmlampen den Weg. Im Stollen herrschte höllischer Lärm. Von den Dampfmaschinen, die die Wasserförderung und die Grubenaufzüge betrieben. Ihnen kam eine Gruppe auskehrender Bergarbeiter entgegen. Ihre Gesichter schwarz von Erde und Ruß und ausgelaugt von der Arbeit. Einige stopften beim Herausgehen bereits ihre Pfeifen. Feierabend. Von diesem war Karl noch gute vierzehn Stunden entfernt.