Der Schacht
Kapitel II
Verschüttet
Der Grubenlift war klaustrophobisch. Zwei Dutzend Arbeiter passten hinein, wenn sie kauerten und in mehreren Ebenen übereinander gestapelt wurden, denn der Aufzug ermöglichte kein normales Stehen. Er war in mehrere horizontale Fächer gegliedert, in die sie hineinklettern mussten. Es sollte so viel Menschenmaterial transportiert werden wie möglich. In dieser Haltung dauerte die Fahrt eine gefühlte Ewigkeit. Die Knie taten Karl weh, dabei hätten sie heute noch viel zu leisten. Als der Aufzug endlich stoppte, kletterte er zusammen mit seinen Kumpel hinaus. Endlich wieder aufrechter Gang. Der Vorarbeiter wies sie ein. Karl wurde zusammen mit zwei anderen in einen der Nebenschächte beordert. Dieser war enger als die anderen. Offenbar war hier noch nicht viel getan worden. Wasser rann von den Balken. Es tropfte von der Decke. Dort wo Karl stand, bildete sich schon eine Pfütze. Im Schein seiner Sturmlaterne konnte er sehen, wie sich bereits Risse im Gestein bildeten. Dieser Schacht war gefährlich. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis das Wasser ihn zum Einsturz bringen würde.
"Hier grabe ich nicht", sagte Karl laut. Die anderen Kumpel sahen ihn streng an.
"Das liegt nicht an uns, das zu entscheiden", meinte einer der anderen. "Jetzt beweg deinen Arsch!"
Karl wusste, dass das früher oder später in einer Katastrophe enden würde. Wenn nicht heute, dann an einem anderen Tag. Doch er hörte auf zu murren und nahm Hammer und Meißel und begann auf das spröde Gestein einzuschlagen. Es war nur das Klirren von Metall auf Stein zu hören. Es dauerte nicht lang und er stieß auf eine silbern glänzende Ader. Deshalb waren sie hier. Ein neuer Abbauschacht für die Silbermine. Als sie das glänzende Metall sahen, packte sie der Rausch. Wie verrückt schlugen sie auf die Wände ein. Sie wollten jedes Stück Silber aus ihnen herauslösen. Dabei vergaßen sie auch jede Vorsicht. Selbst Karl, der sich wegen des Wassers Sorgen machte. Schließlich bekamen diejenigen, die besonders viel abbauten, einen extra Schnaps und einen kleinen Bonus auf ihren Lohn. Doch es kam, wie es kommen musste. Der Fels splitterte. Die Balken gaben nach und unter einem gehörigen Knall brachen Wände und Decke ein. Gestein und Erde erbrach sich in den schmalen Schacht. Überraschte Schreie. Karl spürte, wie er von der Erdlawine begraben wurde. Dunkelheit. Kein Platz für einen Atemzug. Sein Kopf dröhnte. Der Körper schmerzte. Panik ergriff ihn so unbeweglich unter den Geröllmassen. Nein, er wollte hier nicht sterben! Nicht in diesem Schacht! Wer sollte dann die Familie ernähren? Er versuchte, die Arme zu bewegen. Mit den Fingern spürte er Freiheit. Er versuchte, seine Hände zu bewegen. Plötzlich packte ihn jemand und zog ihn aus diesem Geröllhaufen. Karl schnappte nach Luft. Er hustete den Staub aus seinen Lungen. Sein ganzer Körper war von Erde bedeckt. Wie durch ein Wunder hatte er lediglich ein paar Schrammen und einige geprellte Knochen. Der Schmerz würde vergehen. Er rieb sich die Augen und erblickte neben der Gerölllawine einen völlig neuen Gang. Offenbar hatten sie unwissend eine Höhlenwand zum Einsturz gebracht. Einer der Kumpel leuchtete mit der Sturmlampe hinein. Der Schreck des Einsturzes war einer seltsamen Neugierde gewichen. Auch Karl ergriff eine sonderbare Lust auf das Unbekannte.