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Anja Weinhold

Der Schacht

Kapitel 3 - Die Höhle

Kapitel III
Die Höhle

Die Bergmänner betraten die Höhle. Im Schein der Öllampen erblickten sie Stalaktiten und Stalagmiten. In der Ferne das Tropfen der Steine und ein sonderbares Rauschen, als bewegte sich in der Nähe ein Fluss. Sie gingen nur wenige Schritte und erblickten den Eingang zu einem alten Schacht, der dem ihren sehr ähnlich war. Die Balken hingen schief im Gestein. Die Schienen für die Lore waren längst verrostest und auch hier rann das Wasser durch die Wände. Karl kannte die Geschichten seines Großvaters, der immer davon erzählte, dass die Berge von unzähligen unkartierten Minen aus vergangenen Zeiten durchzogen wurden. Manchmal brach einem einfach der Boden unter den Füßen weg, wenn ein alter Schacht nachgab, von dem keiner mehr wusste. Einmal soll es sogar das Dorf getroffen haben. Ganze Häuser rutschen in die Leere und begruben ihre Bewohner unter sich, wenn die Altlasten in sich zusammenbrachen. Mit diesen Geschichten war Karl aufgewachsen. Bergmannsgeflüster. Der Schrecken, lebendig begraben zu werden, war allgegenwärtig. Dennoch zog es seit dem Mittelalter immer wieder Menschen hierher, um Silber oder Zinn abzubauen, den Gefahren trotzend, denn der Reichtum schien zu verlockend.
Karl ging als Erster, auch wenn dieser Schacht kaum besser aussah als der, in dem er noch vor Minuten glaubte, zu sterben. Etwas trieb ihn in die Dunkelheit. Der Tunnel, er entwickelte einen Sog. Die Finsternis, obgleich sie nach ihm zu greifen schien, war auch ein faszinierendes Ding. Man wollte wissen, welche Geheimnisse sich hier verbargen. Was in diesem Schacht lauerte? Wie Termiten gruben sich die Menschen in den Fels. Wie kleine Insekten schwärmten sie aus und unterhöhlten einen ganzen Gebirgszug auf der Suche nach Reichtümern. Sie waren kaum besser als Ameisen, die in den Wäldern ihre Burgen schufen und glaubten, ein riesiges Königreich zu bevölkern, welches von riesenhaften Kreaturen durchwandert wurde. Nicht wissend, wie klein und unbedeutend sie waren.
Gerade als Karl so in Gedanken versunken die ersten Meter in den Schacht gegangen war, spürte er, wie die Erde erneut nachgab. Knarzende Balken zeugten von dem sich anbahnenden Unglück. Er sprang nach vorn, um den Holzbalken zu entfliehen, die drohten, ihn zu erschlagen. Erde und Geröll schlugen auf dem Boden auf. Eine gewaltige Staubwolke. Karl konnte nicht atmen. Er hustete und blickte angstvoll zurück. Der Eingang des fremden Schachtes war zusammengebrochen. Dumpf hörte er die panischen Schreie seiner Kameraden auf der anderen Seite. Dieses Mal war er wirklich allein. Nicht begraben und dennoch ohne jeden Ausweg. Es gab nur einen Weg und der führte nach vorn. Also raffte sich Karl auf. Irgendwohin musste dieser Schacht ja führen. Vielleicht hätte er Glück und er käme von hier nach draußen? Karl nahm seine Sturmlaterne, die wie durch ein Wunder unversehrt blieb. Sein Weg in die Dunkelheit lag vor ihm. Er würde ihn beschreiten.