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Anja Weinhold

Edward Corby - Erwachen

Kapitel 1 - Gestatten, Edward Corby!

London, 1888

Mitten in der Nacht wurde Inspector Frederick Abberline in die Buck's Row gerufen. Eine Straße im Arbeiterviertel Whitechapel. Wie so viele Wege außerhalb der Innenstadt war sie eng, dreckig und von Arbeiterbaracken umgeben. An den Rändern lungerten Tagelöhner und Prostituierte herum.
Frederick arbeitete schon lange als Inspector in diesem Teil der Stadt, bei jedem Mord, der hier begangen wurde, sickerte ein Stück des Elends dieser Tage aus den Leichen der Opfer hinab in die Gosse. Frederick war viel gewöhnt. Mord und Totschlag waren sein täglich Brot, doch das Bild des Grauens, das sich ihm in dieser Nacht bot, war selbst für ihn etwas Außergewöhnliches.
Ein Constable führte ihn zum Tatort in einer Nebengasse. Die Tote war mit einem Tuch abgedeckt worden. Doktor Mood, der Leichenbeschauer, war bereits zugegen. Er packte gerade diverse Gerätschaften in seine Arzttasche zurück. Neben ihm stand sein Sergeant Jacob Miller, der schnellen Schrittes auf ihn zukam.
"Inspector Abberline, ich möchte Sie vorwarnen. Es ist grauenvoll!"
"Whitechapel um drei Uhr nachts. Sagen Sie mir, was daran nicht grauenvoll ist", entgegnete Frederick trocken. Er war müde und hätte eigentlich schon längst bei seiner Frau im Bett liegen sollen, doch stattdessen musste er sich mit dem üblichen Gestank der Straße auseinandersetzen.
Doktor Mood schüttelte den Kopf. "Inspector, Glauben Sie ihrem Sergeant, so was haben Sie noch nie gesehen." Er hob das Laken an und zeigte Frederick die Leiche.
Ihm stockte der Atem. Die Frau vor ihm war bestialisch entstellt worden. Jemand hatte ihr die Kehle durchgeschnitten und sich dann an ihrem Unterleib zu schaffen gemacht. Ein Teil der Bauchdecke lag offen und die Gedärme quollen heraus.
"Einer der Constables hätte mir fast auf die Leiche gekotzt!" Doktor Mood schnaufte ungehalten.
"Was wissen wir über das Opfer?", fragte Frederick geschäftsmäßig. So grauenvoll der Anblick auch war, es brachte nichts, sich hineinzusteigern, wie es manche der jungen Kollegen noch taten. Er machte einfach seinen Job.
Miller holte einen Notizblock aus seiner Manteltasche und las vor: „Ihr Name ist Mary Ann Nichols. Zweiundvierzig Jahre alt. Eine Prostituierte aus der Gegend. Lebt zusammen mit anderen Frauen ihres Schlags in einem der Arbeitshäuser. Sie wurde heute beim … ähm … Arbeiten im Frying Pan Pub gesehen.“
„Mhm“, machte Frederick lediglich.
„Was?“, fragte Miller.
Der Inspector kratzte sich am Kinn. „Ich denke nur darüber nach.“
„Was gibt es da nachzudenken? Das hat sie ganz offensichtlich einem wütenden Freier zu verdanken“, war sich sein müder Sergeant sicher. Denn so könnten sie alle schnell wieder in ihre Betten zurückkehren.
„Nein, nein. Ich weiß, wir sind hier in Whitechapel und so ziemlich jedes Grauen, das man sich ausdenken kann, klopft unentwegt an unsere Tür, doch das hier, das ist etwas anderes. Es könnte sein, dass wir hierfür nicht die Richtigen sind.“ Frederick rieb sich an der Schläfe und blickte zu seinem Sergeant.
„Ich bitte Sie, Inspector Abberline, Sie denken doch nicht etwa an ihn? Das hier mag selbst für diesen Stadtteil außergewöhnlich brutal sein, aber es hat nichts zu tun mit … Na ja, sie wissen schon … Hokuspokus“, entgegnete Miller.
„Ich erkenne einen gewöhnlichen Mord, wenn ich ihn sehe“, wehrte der Inspector ab. „Und das hier ist nicht die Art von Bluttat, wie sie normalerweise in Whitechapel begangen wird. Sicher, es gibt einen Haufen Verrückte da draußen, die abstruse Perversionen aushecken. Vielleicht meinen Sie, mein Guter, dass ich voreilige Schlüsse ziehe ...“
„Das tun Sie, Sir“, unterbrach Sergeant Miller ihn.
„Nein, ich denke laut. Ich überlege, wer einer Frau so etwas angetan haben könnte. Und ja, die einfachste Erklärung wäre, dass ein Freier sie im Blutrausch so zugerichtet hat. Aber Sie und ich kennen derartige Taten. Tote Freudenmädchen sind nichts Ungewöhnliches für uns. Mich irritiert jedoch die Art und Weise. Es hätte völlig gereicht, sie abzustechen, sie zu vergewaltigen oder was auch immer man als unzufriedener Mann so macht. Ihr den Unterleib aufzuschneiden und das Gedärm rauszuziehen, so etwas dauert …“ Sein Blick hatte auf der Leiche gelegen und huschte nun zu seinem Constable. „Waren Sie schon mal mit dem Commissioner auf der Jagd? Eher nicht, vermute ich.“
„Mein Onkel ist Fleischer.“ Miller sah ihn beleidigt an.
„Dann sollten sie ja wissen, dass man dafür Kraft und vor allem Zeit braucht. Zeit, die man bei einem Mord nicht hat. Warum also dieses Risiko eingehen, wenn man sie einfach töten kann?“
„Aus Blutdurst?“, antwortete der Sergeant. „Vielleicht hat er sie gehasst?“
„Doktor Mood, lassen Sie die Leiche wegbringen, aber bitte so, dass die Leute sie nicht zu Gesicht bekommen“, bat Frederick den Leichenbeschauer.
„Dafür sind Sie zu spät dran, Inspector. Als wir herkamen, war bereits eine ganze Menschenmenge zugegen.“
„Na wunderbar!“ Frederick hasste Schaulustige, die an seinen Tatorten herumtrampelten. „Sergeant Miller, machen sie einen Bericht fertig und legen Sie ihn mir auf den Schreibtisch. Ich sehe mir das morgen früh an. Der einzige Vorteil an unserem Beruf ist, dass uns die Leichen nicht weglaufen.“

Der Inspector saß am nächsten Morgen in seinem Büro, studierte den Bericht seines Sergeants und verfluchte sich dafür, dass er nicht im Bett geblieben war.
Als Zeugen gab es nur Dirnen und Säufer. Alle beschrieben, wenn sie überhaupt etwas gesehen haben wollten, immer einen anderen Täter. Einmal war es ein Metzger, dann wieder ein Herr mit Zylinder.
Zeugen, wie immer zu nichts zu gebrauchen!, grummelte er in Gedanken.
Bei so etwas könnte er wahrlich einen Hellseher gebrauchen – sprichwörtlich. Frederick fuhr sich gedankenversunken über seinen Schnauzbart. Seine Überlegung von gestern Nacht kam wieder auf.
Er wusste, wie sehr es die Leute auf dem Revier ärgerte, wenn er die Dienste dieses einen Mannes in Betracht zog. Seine Vorgesetzten hatten ihn deshalb schon öfter ermahnt. Zwar war es nichts Ungewöhnliches, dass Scotland Yard externe Ermittler hinzuzog, jedoch war der Mann, um den es hier ging, mehr als das. Er war kein Privatdetektiv oder Derartiges. Seine Stärken lagen in gänzlich anderen Gefilden. In Bereichen, die jeden gottesfürchtigen Menschen in Schrecken versetzt hätten. Dass der Inspector ihn in Betracht zog, lag daran, dass er ihn schon früher bei ähnlichen Vorfällen kontaktiert hatte. Vielleicht hatte sein Sergeant auch recht und das war nur ein ganz besonders grausamer Mord, aber was, wenn nicht?
Es klopfte an der Tür und Frederick schreckte hoch.
„Ja, herein!“, rief er.
Der Inspector kannte den Mann, der sein Büro betrat. Eine Erscheinung von solcher Berühmtheit, dass sie bei jedem Kriminologen eine Legende war.
Andrew James Abersteen. Privatdetektiv. Verfechter der Wissenschaften. Ein Genie im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Art von Genie, die ihm der Commissioner schicken würde, wenn er nicht auf die Dienste eines anderen zurückgreifen sollte.
Frederick stand auf und gab Abersteen die Hand. Sein Gegenüber war groß und schlank. Er trug eine Seidenweste und ein feines Tuch um seinen Stehkragen gebunden. Das braune Haar lockte sich aberwitzig und sein Bart war zu ordentlichen Koteletten geschnitten. Die Damen hätten ihm wohl nachgesehen, wäre er nicht so unendlich steif dahergekommen.
„Inspector Abberline.“ Abersteen nickte ihm zu.
„Lassen Sie mich raten, der Commissioner möchte, dass Sie mir bei dem aktuellen Fall zur Seite stehen.“ Für Frederick eine Feststellung, keine Frage.
„Sie haben gut geraten“, antwortete Abersteen ruhig. „Nun, lassen Sie uns ehrlich zueinander sein. Ich weiß, dass Sie mich von allein nicht hinzuziehen würden, da Sie ja ganz eindeutig die Arbeit eines Scharlatans bevorzugen, der es immer wieder schafft, die Londoner Polizei wie Versager aussehen zu lassen.“ Nicht eine Miene verzog Abersteen bei diesen Worten, sein Hohn war jedoch nicht zu überhören.
„Ein Scharlatan, wirklich? Er hat mir mehr als einmal erfolgreich geholfen, wo Sie scheiterten.“
„Bei allem Respekt, Sir, aber Edward Corby ist ein Trickser. Auch wenn ich noch nicht verstehe, wie er das alles macht.“ Abersteen war ein Mann, der an Logik glaubte. An Ursache und Wirkung.
„Da gibt es nichts zu verstehen. Es ist genau das, was er behauptet.“
„Magie?“ Abersteen klang so abwertend, als würde er über etwas ganz besonders Ekliges reden.
Frederick beugte sich ein wenig vor. „Nennen Sie es, wie Sie wollen.“
„Ich bin ein Mann der Wissenschaften. Was Mister Corby zu sein behauptet, ist das komplette Gegenteil von dem, was mich ausmacht.“
„Das ist offensichtlich. Also gut, Mister Abersteen. Wir können ja schlecht den ganzen Tag mit derartigem Gezänk verplempern. Sind Sie über den Fall im Bilde?“
„Ja, Sir. Eine Frau Anfang vierzig. Prostituierte. Aufgeschlitzt und ausgeweidet. Falls Sie es noch nicht bemerkt haben, es steht gerade in jeder Zeitung.“
„Wie gut, dass ich morgens Besseres zu tun habe, als mich der Sensationslust hinzugeben“, erwiderte Frederick ungerührt. „Was halten Sie davon?“
„Ich schätze, das Grauen von Whitechapel ist immer noch steigerbar.“
„Ich sage Ihnen, was ich gestern Nacht schon meinem Sergeant gesagt habe: Ich kenne Whitechapel. Es ist schmutzig, böse und voll mit dem schlimmsten Gesocks von ganz London, aber selbst hier gibt es Regeln. Die Regeln der Banden und Zuhälter. Die Regeln der Arbeitslosigkeit. Hier wird gestohlen, gehurt, gemordet, verstümmelt. Man schneidet den Leuten einen Finger ab oder ein Ohr, wenn sie nicht zahlen können. Vielleicht rammt man ihnen ein Messer in die Kehle und lässt sie dann am Straßenrand verbluten. Aber man weidet sie nicht aus. Man stellt sie nicht zur Schau. Das Gesetz der Straße ist praktisch veranlagt. Es geht immer ums Geschäft, selbst wenn jemand eine Dirne absticht. Verstehen Sie, was ich meine?“ Frederick sah Abersteen herausfordernd an.
„Sie bleiben also dabei, dass dieser Mord etwas Besonderes ist?“, fragte der Detektiv.
„Ich bin seit dreißig Jahren Polizist. Sie sind nicht mal halb so lange dabei. Man lernt, einen Riecher dafür zu entwickeln, wenn ein Mord seltsam ist. Und dieser ist es. Sie können gerne versuchen, mit ihren Gerätschaften und Formeln an diese Sache heranzugehen, aber Edward Corby ist mein Mann, wenn es um das Seltsame und Eigenartige geht. Es gibt wahrscheinlich im ganzen Land niemanden, der das besser zu handhaben weiß. Sie können dem Commissioner also gerne bestellen, dass ich weiß, was ich tue.“
Bei seinen letzten Worten verdrehte Abersteen die Augen und atmete tief aus. Natürlich wollte er nichts davon hören.
Frederick nahm seinen Mantel von der Garderobe und setzte seinen Hut auf.
„Wo wollen Sie hin?“
„Zu unserem Scharlatan.“
„Frederick, Sie können nicht ...“
„Und ob ich kann. Kommen Sie mit, ich will doch nicht, dass Sie meinen Vorgesetzten nichts zu erzählen haben. Ich erkenne nämlich nicht nur seltsame Tatorte, sondern auch einen Spitzel, wenn ich ihn sehe“, entgegnete Frederick und verschwand aus seinem Büro.
Abersteen blieb zunächst stocksteif stehen, besann sich dann jedoch und folgte ihm nach draußen.
Vor dem Revier hielt der Inspector eine Kutsche an. Er gab dem Fahrer einige Pfund und nannte ihm die Adresse, ehe er einstieg. Kurz bevor der Kutscher losfuhr, kam Abersteen die Treppen vor dem Revier heruntergerannt, öffnete im allerletzten Moment die Kutschentür und schwang sich auf den Sitz ihm gegenüber.
„Na schön“, gab sich Abersteen geschlagen. „Spielen wir nach Ihren Regeln.“
„Ich spiele nie. Das hier ist todernst.“ Frederick gab dem Kutscher zu verstehen, dass er endlich losfahren konnte.
„Wohin geht es?“, wollte Abersteen wissen.
„Ins Black Swan.“
Abersteen schnalzte mit der Zunge und machte ein Gesicht, als wäre das weit unter seiner Würde.
„Sie können ja draußen warten.“ Ein amüsiertes Grinsen zuckte an Fredericks Mundwinkeln.
„Ich komme sehr gut damit zurecht“, antwortete Abersteen kühl.
Frederick sah ihn zweifelnd an. „So?“
Schweigen kehrte ein. Die Kutsche rumpelte über die löchrigen Straßen und schüttelte sie hin und her.
„Sie wissen, was man über Mister Corby sagt?“, fing Abersteen plötzlich an. „Wegen seiner Herkunft und allem?“
„Ich dachte, Sie sind ein Mann der Wissenschaft?“, stichelte Frederick.
„Eben. Ein Mann, der als Kind angeblich in einem Steinkreis gefunden wurde. Manche behaupten, er sei bei einem satanischen Ritual gezeugt worden. Aufgewachsen bei einem dieser Druidenkulte vom Lande. Und er soll zu schwarzer Magie fähig sein.“
„Die Regenbogenpresse hat da sicher einiges ausgeschmückt.“ Frederick sah desinteressiert aus dem Fenster.
„Lebt seit dem gewaltsamen Tod seiner Geliebten zurückgezogen auf seinem Anwesen.“
Frederick verdrehte genervt die Augen. Ja, er hatte bereits alles gehört, was die Leute so sagten. Edward Corby war kein Unbekannter, sondern ein Phänomen. Nicht das, was Scotland Yard als vertrauenswürdigen Mitarbeiter betiteln würde. Das interessierte den Inspector aber nicht. Corby hatte seine Art, Dinge zu sehen. Wo andere schlichten Mord oder Entführung sahen, erkannte er die Abgründe, das ungesehene Böse, die Dämonen, wie er sie nannte. Deshalb brauchte er ihn auch. Wenn seine Eigenartigkeit dabei half, Blutvergießen zu verhindern, dann war es ihm nur recht.
„Wie haben Sie ihn kennengelernt?“, wollte Abersteen wissen.
„Während des Ruthgard-Falles. Damals wurden die Kinder von Lord Ruthgard entführt. Ich war damals zuständiger Ermittler. Corby arbeitete parallel an dem Fall. Offenbar hatte ihn die Mutter engagiert. Sie traute der Polizei nicht. Womit sie übrigens völlig recht hatte. Wir waren keinen Schritt weitergekommen und hatten keine Ahnung, wie oder warum. Dann kam Corby völlig aufgelöst auf das Revier. Meinte, er wisse, wo die Kinder sind und dass ich ihm sofort mit einer Armee von Polizisten folgen sollte.“ Ein trockenes Lachen entfuhr Frederick.
Der Detektiv sah ihn zweifelnd an, unterbrach ihn jedoch nicht.
„Mir ging es damals genau wie Ihnen, Mister Abersteen. Für mich war er ein Verrückter, ein Scharlatan. Ich kannte ihn nur aus der Presse und durch seine ständigen Konfrontationen mit der Kirche. Wenn jemand behauptet, der Schwarzen Künste mächtig zu sein, dann dauert es meist nicht lange, bis das für eine gewisse, religiöse Unruhe sorgt.“
Nun war es an Abersteen, amüsiert zu schmunzeln. Auch die Wissenschaft war bei der Kirche nicht gern gesehen.
„Ich weiß nicht, wie oft er in irgendeiner Zelle saß, weil er sich in einer Auseinandersetzung blasphemisch geäußert und verhalten hat. Wie dem auch sei. Er führte uns zu den Kindern und ihrem angeblichen Entführer. Und wie sich herausstellte, war dieser nicht von dieser Welt. Ein Geist oder Dämon, so was in der Art. Corby kann das sicher besser erklären. Aber ich sah das Unmögliche mit eigenen Augen. Seitdem bin ich sehr vorsichtig damit, ob ich das alles nur als Hirngespinste abtue“, beendete der Inspector seinen Bericht.
Abersteen räusperte sich. „Das klingt sehr, nun ja, abenteuerlich.“
„Das war es. Wie jeder Fall, zu dem ich Edward Corby hinzugezogen habe. Und ich weiß, dass mich der Commissioner hinterher am liebsten gefeuert hätte. Aber er tat es nie. Und warum? Weil ein gelöster Fall eben ein gelöster Fall ist!“ Zufrieden verschränkte Frederick die Arme vor der Brust.
Die Kutsche hielt und sie stiegen direkt vor ihrem Ziel aus. Das Black Swan war ein schräger Laden, selbst für Londoner Verhältnisse. Es war eine Mischung aus Bordell und Varietétheater, mit der Besonderheit, dass darin nur Menschen wie Edward Corby ein und aus gingen. Zauberkünstler, Meister der schwarzen Künste, Okkultisten oder wie auch immer man diesen Schlag Mensch nun nennen wollte. Frederick war sich sicher, der verklemmte Abersteen würde nach spätestens fünf Minuten in Ohnmacht fallen.
Der Inspector ging voran. „Gehen wir.“
Von außen sah das Black Swan aus wie ein normales Freudenhaus mit bunten Fenstern und leicht bekleideten Damen, die auf dem Gehweg versuchten, willige Freier zu angeln. Bereits in der Vorhalle wurde jedoch klar, dass hier irgendetwas anders war.
Der Boden war mit rotem Teppich ausgelegt und die Wände bestanden aus schwarzen Ziegeln. Die Lampen verströmten rote und grüne Lichttöne und tauchten die ganze Szenerie so in ein unnatürlich wirkendes Licht. Es gab eine Bar, Sessel und Sofas, auf denen sich Freier mit ihren Dirnen vergnügten. Alkohol floss in Strömen, Opium und andere Mittelchen wurden herumgereicht. Würde Frederick hier eine Drogenrazzia durchführen, hätte er mit dem erbeuteten Stoff wohl die ganze Stadt versorgen können.
Was für ein Glück, dass er nicht beim Drogendezernat war.
Am Tresen schlug er mit der Hand auf die Klingel und eine leicht bekleidete Frau mit einer schwarzen Federboa um die Schultern kam heran.
„Womit kann ich dienen?“ Sie musterte Frederick und erst recht den übernervösen Abersteen. Der Ärmste schien die Luft anzuhalten.
„Ich suche Edward Corby. Ist er hier?“, kam Frederick sofort auf den Punkt.
„Was ist dir diese Information denn wert, mein Süßer?“ Die Frau zwinkerte ihm zu.
Frederick griff in die Innentasche seines Mantels und zeigte ihr seinen Polizeiausweis. „Ich bin nicht zum Spaß hier!“
„Wie langweilig. Na schön, er ist oben.“ Sie winkte ein anderes, leichtes Mädchen heran. „Nelly, bring diese Herren zu Mister Corby. Hoher Besuch.“
Diese Nelly sah verdächtig jung aus. Sicher war sie gerade so dem Jugendalter entwachsen. Frederick sagte jedoch nichts. Er hatte gelernt, über solche Dinge zu schweigen, denn würde er auf jede Straftat eingehen, die er sah, dann käme er zu nichts. So traurig das auch war.
Frederick folgte ihr mit Abersteen im Schlepptau. Sie gingen die Treppe nach oben. Hier gab es eine Art Bühne, auf der gerade eine äußerst lüsterne Aufführung stattfand. Die Männer grölten volltrunken. Manche trieben mit ihren Gespielinnen sogar Unzucht in aller Öffentlichkeit. Das Mädchen führte sie an der Szenerie vorbei zu einem Hinterzimmer.
„Da wären wir. Wenn ich Sie wäre, würde ich vorher anklopfen.“ Mit einem kurzen Nicken verschwand Nelly wieder.
Frederick schlug mit der Faust hart gegen die Tür, konnte jedoch durch den allgemeinen Trubel nicht hören, was genau passierte. Er klopfte noch einmal.
„Edward Corby, machen Sie die Tür auf!“, rief Frederick schließlich. „Hier ist Scotland Yard! Öffnen Sie die verdammte Tür!“
Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie hörten, wie die Tür entriegelt und schließlich geöffnet wurde. Ein Mann Ende dreißig stand vor ihm. Er war splitternackt und von drei Frauen umschwärmt. Er hatte kurzes, schwarzes Haar und dunkle Augen. Um seinen Hals hingen diverse Anhänger mit verschiedenen Symbolen. Manche waren religiös, andere entstammten dem Okkulten. Sein Blick war völlig entrückt und er hatte die Arme um zwei der Frauen gelegt. Die Stimmung war ausgelassen.
„Seht mal, wer da ist“, lallte der Mann und wandte sich schon wieder einer der Frauen zu, um sie zu küssen.
„Mister Corby, ziehen Sie sich verdammt noch mal etwas an!“, forderte Frederick ungehalten. Er war eine solche Zurschaustellung von Mutter Naturs Gegebenheiten nicht gewohnt, obwohl er es oft mit Prostituierten und ihren Freiern zu tun hatte.
„Wieso das denn? Es ist doch gut so, nicht wahr, Mädels?“ Corby drehte Inspector Abberline seinen nackten Hintern zu.
„Ich bin nicht zur Unterhaltung hier, Edward.“
Corby stolperte und flog geradewegs auf die Dielen. Die Frauen schrien auf und hoben den völlig zugedröhnten Mann vom Boden auf.
„Nichts passiert, Schätzchen. Bin nur ausgerutscht“, lallte Corby und bekam einen Lachanfall.
Frederick verdrehte die Augen genervt. Abersteen neben ihm sah zwanghaft an den nackten Menschen vorbei. So wirkte er noch hölzerner als ohnehin schon.
Frederick wandte sich den Frauen zu. „Meine Damen, entschuldigen Sie, aber Mister Corby ist Teil einer Ermittlung. Wenn Sie ihn also bitte beim Anziehen helfen würden?“
„Anziehen?“, lallte Corby. „Ich bin mehr fürs Ausziehen!“
Zur Freude des Inspector taten die Frauen, was er gesagt hatte. Sie sammelten die wild im Raum verstreuten Sachen ihres Kunden ein und halfen ihm, sich anzukleiden.
„Sie können jetzt wieder hinsehen“, gab Frederick dem Detektiv leise zu verstehen. Der wagte es jedoch noch immer nicht, einen Blick in das Innere des Raumes zu werfen.
Corby zog seine schwarze Hose hoch und stopfte sein Hemd hinein. Eine der Frauen streckte ihm die Hosenträger hoch und half ihm in seinen schwarzen Herrenmantel.
„Also dann, meine Schönen, die bösen Leute von der Polizei wollen mich entführen.“ Corby wollte jeder der Frauen noch einen lasziven Abschiedskuss geben. Allerdings packte Frederick ihn ungeduldig an der Schulter und zog ihn aus dem Raum.
„Nicht so grob, Inspector!“, meinte Corby, der kaum auf zwei Beinen stehen konnte. „Sie sind nicht meine Mutter!“
„Komisch, ich fühle mich aber immer so!“
Corby wand sich aus seinem Griff und torkelte den Gang entlang bis zur Treppe. Er machte einen Schritt und flog kopfüber die Stufen hinunter und überschlug sich mehrmals.
„Waren die schon immer hier?“, fragte Corby verwirrt, als Frederick zu ihm heruntereilte, um ihn wieder aufzuheben.
„Mister Abersteen, helfen Sie bitte mal!“
Der packte Corby widerwillig an einem Arm und zog ihn zusammen mit Frederick auf die Füße.
„Und wer ist dieser gut aussehende Bursche hier?“, fragte Corby und sah Abersteen an, als wäre er eine neue Vergnügung. Der wandte schnellstmöglich sein Gesicht ab, als ihn Corbys Fahne erreichte.
Sie schleppten ihn zu zweit nach draußen und setzten ihn auf den Bürgersteig, wo Corby sogleich wieder umfiel und plötzlich zu schnarchen begann. Frederick ging entnervt zur Pferdetränke an der Straße und füllte einen Eimer mit Wasser. Ohne Rücksicht schüttete er ihn über Corby aus. Der zuckte plötzlich zusammen und richtete sich auf.
„Habe ich jetzt Ihre Aufmerksamkeit?“, fragte Frederick ungerührt.
Corby sagte nichts, dafür nahm sein Gesicht eine blassgrüne Verfärbung an.
„Och, nicht doch!“ Der Inspector und hielt ihm den Eimer hin, in den sich Corby sogleich ausgiebig erbrach.
„Das ist also der große Edward Corby?“, fragte Abersteen hinter seinem Rücken, man hörte deutlich heraus, wie angewidert er war.
„Genau der.“ Zugegeben, immer wenn er Corby so vorfand, wäre er manchmal gern selbst zum Mörder geworden, aber es nützte ja nichts.

Edward Corby saß in Inspector Frederick Abberlines Büro. Sein Kopf dröhnte gewaltig und er hielt sich einen Eisbeutel an den Kopf. In seinem Schädel war alles völlig verschwommen und er hatte nicht die geringste Ahnung, wie er eigentlich hierhergekommen war.
Neben ihm saß ein Kerl, der ihm vage bekannt vorkam, doch es klingelte einfach nicht. Sein alter Freund Frederick redete mit ihm, aber Edward hatte das Gefühl, nur die Hälfte von dem zu verstehen, was er sagte.
Verflucht, habe ich einen Kater!
„Edward, hören Sie mich?“, fragte der Inspector laut.
„Hä?“
„Sie haben mir nicht zugehört, oder?“
„Ähm ...“ Edward stützte sich auf die Lehne seines Stuhles.
„Entschuldigen Sie, Inspector, aber das ist absolute Zeitverschwendung!“, sagte Abersteen neben ihm.
„Wer ist das?“, wollte Edward mit schmerzerfüllter Stimme wissen.
Frederick atmete tief durch, kurz davor, seine berühmte Geduld zu verlieren. „Das ist Andrew Abersteen. Ich habe Sie einander bestimmt schon drei Mal vorgestellt!“
„Oh“, machte Edward.
Abersteen? Da klingelte etwas.
„Der Meisterdetektiv“, versuchte Frederick, ihm auf die Sprünge zu helfen – mal wieder.
„Was? Doch nicht dieser aufgeblasene Vogel, der behauptet, allein durch Beobachtung und Indizien das Reichenbach-Gemälde wiedergefunden zu haben?“ In Edwards Kopf hatte es endlich klick gemacht.
„Die Wissenschaft der Deduktion“, erwiderte Abersteen und wirkte äußerst beleidigt. „Die Wissenschaft, allein durch kleinste Hinweise den Täter zu überführen.“
Edward schnaubte laut. Ja, jetzt erinnerte er sich! Er hatte einmal einen Vortrag von ihm in der City Hall gehört, wo er seine sogenannte Wissenschaft vorgeführt hatte. Es war völlig albern gewesen! Manche Leute behaupteten ja, Edward wäre ein Scharlatan, aber dieser Mann war offensichtlich ein Hochstapler.
„Mumpitz!“, entfuhr es Edward.
„Sagt der Mann, der behauptet, mit Geistern und Dämonen im Bunde zu stehen!“ Abersteen schenkte ihm einen selbstgefälligen Blick.
„Schluss!“, ging Frederick dazwischen. „Ich weiß, was Sie beide voneinander halten, aber ich möchte, dass Sie in dieser Sache zusammenarbeiten.“
Edward und Abersteen sahen den Inspector an, als hätten sie nicht recht gehört.
Nun war Edwards Neugier geweckt. „In welcher Sache?“
„Mord!“ Inzwischen klang Frederick genervt. „Kommen Sie, gehen wir in die Leichenhalle, dann vergessen Sie es wenigstens nicht wieder!“
Edward erhob sich unsicher aus seinem Stuhl. Sein Kopf fühlte sich zwar an, als würde er gleich bersten, aber zumindest konnte er laufen. Wenngleich er den beiden hinterher tapste wie ein besoffener Hundewelpe.
In der Leichenhalle gingen sie sogleich zu einem Obduktionstisch, auf dem eine Leiche durch ein weises Laken verhüllt wurde.
Frederick zog es weg und zeigte ihm die Tote. „Können Sie sich darauf einen Reim machen?“, fragte Frederick.
Edward sah sich den Leichnam an. Durchgeschnittene Kehle. Offene Bauchdecke. Heraushängendes Gedärm.
„Fehlt was?“, wollte Edward wissen.
„Wie fehlen?“ Der Inspector sah ihn verwundert an.
„Hat der Täter etwas mitgenommen? Ach, vergessen Sie's, ich schau selbst nach!“
Edward fasste ohne Umschweife in die große, offene Wunde des Opfers.
„Sie werden doch nicht …!“, ereiferte sich Abersteen, doch der Inspector ließ ihn gewähren.
„Nö, alles da.“ Corby zog nach einigen Augenblicken seine Hand aus dem Unterbauch der Toten. Er sah sich suchend nach einem Waschbecken um und wusch sich die Hände.
„Und?“, fragte Frederick.
„Wer auch immer das war, brauchte sie offenbar nicht für einen Ritus, sonst hätte er was mitgehen lassen. Ich kann Ihnen leider nicht wirklich weiterhelfen, Fred. Er hat ihr wohl zuerst die Kehle durchgeschnitten, um sie zum Schweigen zu bringen, und sie dann ausgeweidet. Wäre es irgendeine Opferung gewesen, hätten sie die Frau lebend gewollt. Nein, ihr Mann wurde offenbar gestört.“
Frederick besah sich nachdenklich die Verletzungen der Toten. „Das sagte mein Leichenbeschauer auch.“
„Und warum holen Sie mich dann?“ Nun war es an Edward, ungehalten zu werden.
„Weil mir etwas an diesem Mord und dem Tatort seltsam vorkam. Ich hatte eine vage Ahnung, dass etwas nicht stimmte.“ Der Inspector hob ein wenig hilflos die Arme.
„Mhm“, machte Edward. Er kannte Frederick schon lange und wusste, dass der eine gute Intuition besaß. Das Problem war nur, dass selbst die besten Ahnungen nicht weiterhalfen, wenn es darauf ankam.
„Argh! Mein Sergeant hat mich ja gewarnt.“ Inspector Abberline schüttelte den Kopf.
„Wovor?“, fragte Edward.
„Dass ich aufgrund unserer gemeinsamen Erfahrungen zum falschen Schluss gekommen sein könnte.“ Frederick klang ärgerlich.
Corby wusste, was er meinte. Wenn man sich einmal darauf eingelassen hatte, dass Übernatürliches existierte, dann witterte man es irgendwann überall. Dann war ein brutaler Mord nicht nur ein brutaler Mord, sondern man versuchte die Zeichen zu deuten – und bog falsch ab.
Aber vielleicht war doch Verlass auf die Intuition des Inspectors.
Ernst sah er Frederick an. „Denken Sie nach, was hat Ihnen ihr Gefühl vermittelt?“
„Whitechapel ist ein elender Ort, an dem ich schon alles gesehen habe, aber noch nie ist mir so etwas begegnet. Warum sollte man sich die Zeit nehmen, das Opfer auszuweiden? Das ging mir nicht in den Kopf. Wieso sie dermaßen entstellen, wenn es nur darum ging, sie umzubringen? Sie war bereits tot. Es hätte völlig gereicht, ihr die Kehle durchzuschneiden und zu verschwinden. Warum dieses Spektakel?“
Edward kannte einige Rituale, aber sie alle wurden an lebenden Opfern durchgeführt. Das Ganze hatte keinen Sinn, wenn die Opfergabe bereits tot war. Sicher gab es Magier, die aus Innereien lasen und Blut tranken, aber wie alles in seinem Gewerbe, brauchte es den richtigen Zusammenhang.
„Weil er pervers ist“, brachte sich Abersteen leise in das Gespräch ein.
„Was gut sein kann“, pflichtete Edward ihm bei. „Wir sind in London. Hier ist alles möglich. Ich muss darüber nachdenken.“
„Sagt der große Edward Corby? Sind das seine Zaubertricks?“, fragte Abersteen gehässig.
„Das, was sie so verachten, Mister, ist ein komplexes Gefüge. Glauben Sie, ich schwinge den Zauberstab, sage einmal Abra Kadabra und schon ziehe ich das weiße Kaninchen aus dem Hut? So funktioniert das nicht!“ Edward wurde nun wirklich ärgerlich. „Ich sehe Sie dann später, Frederick.“
Corby verließ die Leichenhalle und das Revier. Sein Kopf schmerzte noch immer. Langsam kam die Erinnerung wieder. Er hatte vergnügt mit drei herzlichen Weibern im Bett gelegen, als Scotland Yard an die Tür gehämmert hatte. Jetzt noch mal ins Black Swan zu gehen, kam jedoch nicht infrage. Diese Sache hatte ihm gründlich die Laune verdorben. Also rief er sich eine Kutsche und ließ sich zu Hause abliefern.
Edward wohnte in einer Villa am äußersten Rand von London. Das Haus war alt und hatte sicherlich schon bessere Tage gesehen. Im Dach gab es das eine oder andere Loch und der Garten war ungepflegt. Die Hecke wucherte wild vor sich hin und überall lag Laub. Drinnen jedoch erwartete ihn die altehrwürdige Gemütlichkeit, die Edward so mochte. Mit dicken Teppichen, vollgestopften Regalen und seinem persönlichen Chaos. Es gab wohl kein Möbelstück, auf dem er nicht irgendwelche Notizen, Kleidungsstücke oder schlicht Essen deponiert hatte.
Ja, Essen! Kaum jemand ahnte, wie viel Hunger man bekam, wenn man sich den magischen Künsten widmete. Es war nicht wie in den Groschenromanen, in denen man lange Formeln aufsagte und dabei bedeutungsvoll vor einem kochenden Kessel stand. Magie erforderte Körper und Geist, war mit mentalen Anstrengungen verbunden, die einfach Hunger auf Törtchen und Kuchen machten.
Edward ging durch die schlecht gekehrte Eingangshalle. Der Steinboden war alt und abgetragen. An den holzgetäfelten Wänden hingen klassische Gemälde romantischer Maler. Mit einem Wink seiner Hand entzündete er die Petroleumlampen im Haus. Er hängte seinen Mantel an den Kleiderhaken in der Garderobe und ging über die verwinkelte Treppe nach oben. Hier gab es neben seinem Arbeitszimmer und dem Zimmer mit seinem Bett – Schlafzimmer konnte man es wirklich nicht nennen – noch einige leer stehende Räume, deren Einrichtung mit schwarzen Laken verhängt worden war.
Am Ende des Flures lag noch ein Zimmer, das einzig und allein seiner Entspannung diente. Es gab einen Kamin und mehrere Sofas, ein Stück des Bodens war mit Kissen ausgelegt und auf einem kleinen Tischchen lag eine Opiumpfeife samt Zubehör. Der Rausch half ihm, zu vergessen, was immer er zu vergessen gewillt war.
Corby ließ sich in die bequemen Kissen sinken und nahm die Pfeife. Mit einem Schnippen seiner Finger erschien eine kleine Flamme in seiner Hand, mit der er die Pfeife anzündete. Er nahm einen Zug und ließ sich dann nach hinten sinken. Frederick hatte eine Phase persönlicher Tiefenentspannung unterbrochen, also tat er, was er konnte, um diesen Zustand halbwegs wieder herzustellen. Edward verbrachte viele Nächte hier. In seinem eigenen Bett konnte er schon seit Jahren nicht schlafen. Seit dem Tag, an dem … Darüber wollte er jetzt nicht nachdenken. Auch wollte er nicht daran denken, was er heute im Leichenschauhaus gesehen hatte.
Der Anblick der Frauenleiche hatte böse Erinnerungen in ihm geweckt. Solche, die er nur zu gerne bei einem tiefen Zug Opium vergaß.
Edward legte sich hin. Während er rauchte, entglitt er langsam dem Hier und Jetzt. Tiefe Zufriedenheit erfüllte ihn. Machte die Welt erträglich auf eine Weise, wie es andere Genüsse nicht vermochten. Schlussendlich döste er weg. Sein Geist glitt hinüber in die Welt der Träume. Endlich.