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Anja Weinhold

Edward Corby - Erwachen

Kapitel 2 - Misses Murble

„Edward? Edward?“, fragte die sanfte Stimme einer Frau.
Er schlug die Augen auf. Sein Blick war müde und verschwommen, doch er konnte die Konturen eines Gesichtes erkennen. Eine Frau in seinem Alter, mit wunderschönem, schwarzem Haar. Sie lächelte ihn an.
Edward Corby blinzelte und sie war verschwunden.
Der helllichte Tag brach durch die Fenster. Er stöhnte und erhob sich aus seinem Kissenlager. Die Opiumpfeife auf seinem Schoß legte er zurück auf das Tischchen neben sich. Viele seiner Tage begannen genau an diesem Punkt und endeten hier auch wieder.
Er stand auf und ging ins Badezimmer, um sich frisch zu machen. Nachdem er sich ein neues Hemd und eine Hose aus dem Schrank geholt und angezogen hatte, tapste er müde die Treppe hinunter und ging in die Küche. Er kochte sich einen Tee und machte sich lustlos ein Brot mit Schinken. Es war ein karges Frühstück, wie jeden Tag. Danach ging Edward zurück in die Vorhalle, holte seinen Mantel und verließ das Haus.
Er hielt es allein in seinem Heim oft nicht aus, also schlenderte er durch die Gassen Londons. Sog den Geruch der Straße ein und gab sich dem Gefühl des Anrüchigen hin. Die Stadt pulsierte unter dem treibenden Herzschlag ihrer Einwohner. Die Massen an Arbeitern, die jeden Morgen zu ihren Fabriken pendelten. Rußverschmutzte Gesichter, die in den Kraftwerken den Puls der Stadt antrieben. Menschen, die auf den Märkten etwas Nützliches oder Schönes suchten. Feine Damen und Herren, die auf einen Spaziergang ausgingen. Gangster, die in den Seitenstraßen auf Gelegenheiten warteten. Spieler, die auf einem Fass würfelten, und an den Rändern die Dirnen, die ihre Körper für zwei Pennys verkauften. Dazwischen die Bobbys, die versuchten, dem Chaos Herr zu werden.
Und sie alle, die über die Armen und Obdachlosen hinweg stiegen, als würde sie das Elend nicht berühren.
Ganz weit unter dieser offensichtlichen Schicht aus Vergnügen, Gewalt und Grauen lebten sie: die Magier. Es gab nicht allzu viele von ihnen. Ihre Gaben ängstigten selbst heute, in einer Zeit, in der Dampfmaschinen die Welt eroberten und elektrisches Licht die Dunkelheit erhellte, noch immer genug Leute. Es war ein Urinstinkt der gewöhnlichen Menschen, das Unbekannte zu fürchten. Die Pfaffen in den Gotteshäusern taten ihr Übriges, um diese ureigene Angst zu befeuern.
Die moderne Welt meinte, den Schatten hinter sich gelassen zu haben, und nun mit der rasenden Geschwindigkeit der Lokomotiven vorwärtszuschreiten. Da irrten sie sich aber. Sie hatten die Finsternis nicht besiegt, sondern sie nur gebannt. Tief in ihrem Inneren wussten die Menschen das – und deshalb fürchteten sie alles Übernatürliche.
Manche, wie dieser Schwachkopf Andrew Abersteen, retteten sich in den Glauben an die Wissenschaft, die ihnen die Welt und alles, was sich darin bewegte, rational zu erklären versprochen hatte. Die Welt bestand jedoch aus mehr als nur den Dingen, die man sehen, anfassen und zur Not nachmessen konnte.
Edward wusste das seit seiner Kindheit. Es gab viele Geheimnisse, Licht, Schatten und noch viel mehr, was buchstäblich aus dem Gedächtnis der Menschheit getilgt worden war, weil es sich einfach zu fürchterlich zeigte.
Edward Corby tappte, wie so viele Magier, an diesem Abgrund herum, den sich der Rest der Menschheit zu sehen weigerte, und hoffte einfach das Beste. Die Welt von Geistern, Dämonen und Kobolden war nur durch einen dünnen Schleier vom Hier und Jetzt getrennt. Es reichte ein winziger Riss und sie würden in ihre Welt strömen. Manchmal taten sie das auch.
Was Edward tat, konnte man in modernem Wortgewand wohl am besten als okkulten Ermittler bezeichnen.
Leute konnten ihn engagieren, wenn sie Probleme mit Hausgeistern oder anderen Magiern hatten. Auch Scotland Yard hatte ihn schon öfter in seine Dienste genommen. Einigen seiner Zunftgenossen missfiel es natürlich, dass er mit der Polizei zusammenarbeitete. Viele Magier waren von Natur aus misstrauisch, wenn es darum ging, irgendeiner Autorität zu vertrauen. Die meisten von ihnen waren ihre eigenen Herren. Sie wollten nicht regiert werden. Schon gar nicht von irgendwelchen gottesfürchtigen Nichtmagiern.
Edward verstand das, hatte er das doch lange auch so gesehen. Heute wusste er allerdings, dass sie auf sich allein gestellt untergehen würden. Abschottung hatte einen zu hohen Preis. Also lebten sie versteckt in kleinen Nebengassen und in Hinterhöfen. Betrieben ihre Geschäfte so, dass sie das Gesetz weder berührten noch brachen. Ein Graubereich zwischen dem täglichen Ringen der normalen, unwissenden Mehrheit und jenen, die sich der arkanen Künste bedienten.
Edward bezahlte einen Kutscher, damit er ihn in die Altstadt brachte. Während der Fahrt nahm er ein kleines Notizbuch aus der Innentasche seines Mantels und blätterte darin herum. Das Buch war eine Stütze, für den Fall, dass er einmal spontan nachschlagen musste. Darin befanden sich Zauber sowie Rituale und wie man sie anwendete.
Er suchte nach den Maßnahmen gegen einen Poltergeist. Der Fall, den er letzte Woche angenommen hatte, gestaltete sich etwas schwierig. Im Haus einer Witwe hatte sich ein Geist eingenistet und nicht die geringste Absicht, wieder zu gehen. Das war bereits Edwards dritter Versuch, die Erscheinung zu bannen. Poltergeister waren immer problematisch. Sie drangen in die Welt der Lebenden und stifteten Chaos, wo immer sie konnten. Man musste herausfinden, was sie wollten, und ihnen dann genau das geben. Das Problem war, dass sich diese Geister in einem permanenten Tobsuchtsanfall befanden und ihr Geschrei oft ihren Willen übertönte.
Schließlich hielt die Kutsche vor einem alten Haus, das am Rand des Hyde-Parks lag. Eines dieser Herrenhäuser, in denen sonst die bessere Gesellschaft ein- und ausging. Seit einiger Zeit wagte sich in dieses Haus jedoch noch nicht einmal die arme Witwe Murble. Sie wohnte bei Freunden, bis er den Poltergeist loswurde.
Edward stieg aus der Kutsche und betrat das Anwesen. Drinnen war es still. Überall lagen zerbrochene Vasen, Geschirr und Essbesteck herum. Messer steckten in Türen und Gabeln in der Tapete. Bilder waren von den Wänden gerissen und wie in einem Wutanfall quer durch den Raum geschleudert worden. Poltergeister neigten nicht dazu, halbe Sachen zu machen. Wenn sie sich vorgenommen hatten, Bewohner zu vertreiben, dann zogen sie vom Leder.
Edward steckte das Notizbuch beim Eintreten in die Jackentasche, schloss die Tür hinter sich und verriegelte sie. Mittlerweile wusste er, dass dieses Haus eine blutige Vorgeschichte hatte. Verwandte, die aus dem Fenster gesprungen waren oder sich am Treppengeländer erhängt hatten. Ein Mord im oberen Schlafzimmer. So etwas lockte Geister an. Hier war die Grenze zwischen ihren Welten besonders dünn.
Es klopfte an der Tür. Edward sah verwirrt zurück und rollte mit den Augen. Er hatte doch gesagt, dass er keine Hilfe brauchte! Dennoch entriegelte er das Schloss und öffnete. Vor ihm stand Misses Murble. Die kleine Frau hatte sich das lange, graue Haar zu einem Knoten gebunden, trug ein schwarzes, hochgeschlossenes Kleid und eine Handtasche hing an ihrem Arm.
„Mister Corby, ich dachte, ich komme vorbei, ehe Sie mein Haus endgültig verwüsten.“ Misses Murble warf einen kritischen Blick in die Vorhalle.
„Hatten wir nicht ausgemacht, dass Sie mich allein arbeiten lassen?“, fragte Edward, bemüht darum, einen höflichen Ton zu behalten.
„Ich habe es mir anders überlegt.“ Misses Murble drängte sich an ihm vorbei durch die Tür.
„Seien Sie vorsichtig, er ist nicht gut aufgelegt“, warnte Edward.
„Ja, ja.“ Sie winkte lediglich mit der Hand ab.
Edward ging an ihr vorbei ins Esszimmer. Der Ort, an dem alles begonnen hatte. Um den runden Esstisch waren die Stühle angeordnet, als hätten die Bewohner eine Séance abhalten wollen. Für viele war es reiner Nervenkitzel, mit einem angeblichen Medium die Welt der Toten kontaktieren zu wollen. Séancen waren mancherorts eine Modeerscheinung wie die neuste Kollektion aus Paris. Meistens passierte dabei auch nichts, in einem Haus wie diesem, hätten sie es allerdings lieber sein lassen sollen.
„Sie haben mir immer noch nicht verraten, ob Ihnen Mister Murble geantwortet hat an jenem Abend“, wandte sich Edward an die Witwe.
„Sehen Sie sich um, Mister Corby. Das war ganz sicher mein Mann. Einmal habe ich mit der Büste seines Großvaters nach ihm geworfen. Das fand er gar nicht witzig“, Misses Murble klang plötzlich ganz vergnügt.
„Dann helfen Sie mir, denn Ihr Mann weigert sich beharrlich, in das Reich der Toten zurückzukehren.“
„Das sieht ihm ähnlich. Feierwütiger, alter Bock, der er war!“ Misses Murble kicherte.
Edward atmete beherrscht durch. Er mühte sich seit Tagen mit diesem Geist ab und sie schien auch noch Spaß daran zu haben. Das war absolut kontraproduktiv!
„Er ist ein Poltergeist!“, belehrte Edward entnervt. „Und so lange sein Zorn nicht befriedigt ist, wird er dieses Haus weiter verwüsten, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Also bitte, Misses Murble, wenn Sie wissen, was ihn so erzürnt, dann raus damit!“
„Ich!“ Die Witwe schnaufte. „Und ehrlich, diese Séance war ganz anders geplant. Vielleicht hätten wir ein anderes Medium nehmen sollen?“
Edward wurde hellhörig – und misstrauisch. „Was für ein Medium?“
„Mister Piggels“, sagte sie in einem Ton, als hätte ihm das etwas sagen sollen.
„Wer?“
Misses Murble öffnete die Handtasche und holte einen Chihuahua heraus. Der Hund bellte Edward an. Innerlich schrie er auf. Die alte Witwe hätte ihm das vorher sagen können!
„Sie haben den Hund als Medium benutzt?!“, rief Edward ungläubig. „Sind Sie von Sinnen?“
„Ach, kommen Sie. Niemand will mit einer alten Witwe eine Séance abhalten, die nur mal ihren Mann wieder sehen will. Das ist langweilig. Für die Jugend von heute muss es ja immer gleich richtiger Nervenkitzel sein, also dachte ich mir, ich versuche mal etwas Ungewöhnliches!“
„Aaaargh!“ Edward raufte sich das Haar. „Wissen Sie eigentlich, was Sie getan haben? Das Medium soll Ihre Bitten an die Geister übermitteln. Was glauben Sie, wie das ein Hund tun kann?“
Misses Murble sah ihn beleidigt an, legte den Chihuahua auf ihren Arm und streichelte ihn.
„Nicht hinhören, Mister Piggels“, flüsterte sie dem Hund zu.
Edward rieb sich die Nasenwurzel. Kein Wunder, dass all seine Versuche, den Poltergeist zu verbannen, gescheitert waren. Schließlich hatte ihn diese Töle gerufen! Er atmete tief durch und versuchte, klar zu denken.
In diesem Augenblick flog ein silberner Pokal auf Edward zu und traf ihn am Kopf. Er schrie auf. Nicht schon wieder! Das war ihm während der letzten Tage nun schon mehrmals geschehen, dass ihn dieser verfluchte Geist mit allem bewarf, was er in seine psychokinetischen Finger bekam. Edward ging unter dem Tisch in Deckung. Wenig später kletterte Misses Murble zu ihm.
„Schön kuschelig, nicht?“, sagte die Witwe zweideutig zu ihm.
Edward ging nicht darauf ein. „Sagen Sie dem Hund, er soll den Geist zurückschicken!“
„Wie soll er das machen?“, fragte Misses Murble.
„Woher soll ich das wissen? Ich kann kein Hundisch!“, knurrte Edward finster.
Da kam ihm plötzlich eine Idee. Er schnappte sich den Chihuahua und kam mit dem Hund von sich gestreckt unter dem Tisch hervor.
„Ich biete dir dieses Opfer dar!“, rief Corby.
Nichts. Er bekam nur wieder einen der silbernen Trinkpokale an den Kopf geworfen. Mühsam wich er einigen Tellern und Kerzenständern aus und schüttelte wütend den Hund.
„Sag deinem Herrchen, es soll verschwinden!“, giftete Edward den Chihuahua an.
Unvermittelt, aus dem Nichts heraus, begann der Hund zu heulen und zu bellen. Edward dachte erst es, sei nur das übliche Gekläffe, doch mit einem Mal war er nicht mehr die Zielscheibe des Poltergeistes. Stattdessen nahm nun ein Messer seinen Blick gefangen, das Worte in die Tischplatte kratzte.
Ich nehme das Opfer an!, stand da.
Der Hund heulte auf, als würde er von einer unsichtbaren Macht gepackt.
„Corby, was haben Sie getan?“, rief die Witwe und sah ihn unter dem Tisch hervor an. In ihren Augen lag der Schrecken, als der Hund von einer unsichtbaren Hand durch den Raum geworfen wurde.
„Er nimmt den Hund als Opfer an. Hatte Ihr Gemahl eine Aversion gegen das Tier?“ Inzwischen konnte sich Corby einen Reim auf diese skurrile Situation machen.
Kreischend stürzte sich Misses Murble auf den erneut in der Luft schwebenden Hund. Sie packte ihn, entriss ihn den unsichtbaren Händen ihres polternden Mannes und rannte aus dem Haus. Sie hatte den Hund ganz offensichtlich ihrem Mann vorgezogen.
Auf einmal bildeten sich unter grollendem Knacken Risse in Wänden und Gebälk. Edward nahm die Beine in die Hand und rannte Misses Murble nach draußen hinterher. Direkt hinter ihm brach das Haus zusammen. Eine Staubwolke hüllte die gesamte Straße ein. Das nannte er mal einen Tobsuchtsanfall! Misses Murble saß weinend auf der Straße und drückte ihren Hund ganz fest an ihre Brust. Als sie Edward bemerkte, stand sie auf, ging schnellen Schrittes auf ihn zu und knallte ihm eine, dass ihm die Ohren schlackerten.
„Fassen Sie niemals wieder meinen Hund an!“, rief sie unter Tränen.
Edward rieb sich die Wange. Die gute alte Witwe hatte einen Schlag drauf wie ein Preisboxer. Aus dem Augenwinkel sah er, wie sie die Straße hinunter ging, ohne sich noch einmal nach ihm umzudrehen.
Damit war sein Honorar wohl hinfällig.
Gut, Corby hatte ihren Hund einem jähzornigen Mann von Poltergeist opfern wollen. Davon abgesehen, hatte Letzterer ihr Haus gerade in einen Haufen Bauschutt verwandelt. Die Ehe mit Mister Murble musste die wahre Freude gewesen sein.
Edward klopfte seinen Mantel ab und rief den nächsten Kutscher. Das war genug Arbeit für einen Tag. Er brauchte einen Drink, also ließ er sich zum Black Swan bringen.
Am Eingang grüßten einige der Damen freundlich. Edward war hier ein bekannter Gast. Ohne viel Federlesen ging er nach oben zur Bar. Um diese Zeit war nicht viel Betrieb. Am Tresen saßen nur ein paar abgerissene Gestalten und einige der Frauen hingen vor der Bühne herum.
Edward bestellte sich eine Flasche Whisky und ertränkte seine Sorgen. Nach dem zweiten Glas, das er schweigend zu sich genommen hatte, kam der Barkeeper zu ihm. Der war ein stämmiger Mann in Hemd und Seidenweste. Seine Haare waren abrasiert und er trug einen Anhänger mit dem Bildnis Samaels um den Hals.
„Keinen guten Tag gehabt?“, fragte der Barkeeper.
Edward schüttelte nur schweigend den Kopf. Er wollte nicht darüber reden. Es war ihm schon irgendwie peinlich, wie ihn dieser Poltergeist vorgeführt hatte. Er und dieser blöde Hund. Wie konnte man auch nur auf die Idee kommen, ein Chihuahua wäre ein geeignetes Medium für eine Totenanrufung?
Corby kannte die alte Witwe Murble seit dem Tod ihres Mannes. Er hatte hin und wieder kleinere Aufträge für sie erledigt. Alchemistische Zutaten besorgt und dergleichen. Dass diese Sache derart eskaliert war, machte ihn verlegen und bestürzte ihn auf seltsame Art und Weise.
Er hatte schon viele Geisteraustreibungen vollzogen. Allerdings waren die meisten auch nicht von einem Hund ins Diesseits gerufen worden. Etwas war furchtbar schief gegangen. Sicher war es streitbar, ob er den Hund als Opfer hätte anbieten müssen. Allerdings war Edward verärgert gewesen, dass Misses Murble ihn so hinters Licht geführt und ihn dann noch tagelang herumexperimentieren lassen hatte, während sie bei ihren Freundinnen saß und Tee trank. Die gute Frau war ja schon immer etwas eigen gewesen, aber das schlug dem Fass den Boden aus.
Edward sah auf den Boden seines Glases. Dort die Antworten auf seine Fragen zu suchen, hatte sich in den letzten Jahren zu einer schlechten Gewohnheit entwickelt.
Jemand legte ihm die Hand auf die Schulter, Edward zuckte zusammen.
„Alles in Ordnung“, sagte ein großer Mann hinter ihm entschuldigend.
Er hielt in jedem Arm eine Frau und war in eine offene, schwarze Robe gekleidet, die Kapuze hatte er abgelegt. Darunter trug er eine feine, schwarze Weste mit silbernen Seidenstickereien. Wie der Barmann hatte er kurz rasiertes Haar und einen Anhänger mit dem Abbild Samaels um den Hals hängen. An den Fingern trug er viele silberne Ringe.
Henry Charlston. Jeder hier kannte ihn. Er war so etwas wie der Boss des Black Swan. Edward kannte ihn zudem beruflich. Sie hatten gemeinsam den einen oder anderen Auftrag erledigt.
„Henry.“ Edward drehte sich auf seinem Barhocker zu ihm um.
„Ich habe gehört, was passiert ist“, sagte Charlston ohne Umschweife.
„Schlechte Neuigkeiten verbreiten sich schnell“, schloss Edward.
„Eine verpatzte Geisteraustreibung macht noch keinen schlechten Magier“, beteuerte Henry sanft. „Mich beunruhigt eher dein Freund Freddy Abberline.“
„Ach herrje ...“ Corby schnaufte, doch er wurde von Henry gleich unterbrochen.
„Du weißt, dass die Leute hier keine Polizei mögen. Ich im Übrigen auch nicht. Das Black Swan soll ein Zufluchtsort für alle unserer Zunft sein, ohne dass sie befürchten müssen, von irgendwelchen übereifrigen Schutzmännern in Gewahrsam genommen zu werden.“
Edward hob beschwichtigend die Hände. „Es ist doch überhaupt nichts passiert. Fred hat mich bloß abgeholt, weil er dachte, ich könnte bei einem Fall helfen.“
„Und, kannst du das?“, fragte Henry. Er sah zu den beiden Frauen in seinen Armen. „Schätzchen, verlasst ihr mich kurz? Es geht ums Geschäft.“
Die leicht bekleideten Damen gingen davon und suchten sich woanders eine Beschäftigung.
Henry lehnte sich an den Tresen und blickte ihn eindringlich an. „Hast du heute schon Zeitung gelesen?“
„Du weißt, dass ich das nie tue“, mehr sagte Corby nicht dazu.
Henry rief den Barkeeper heran und bat ihn um die neuste Ausgabe der London Times. Er entfaltete die Titelseite und zeigte sie Edward.
„Das Monster von Whitechapel?“, las Edward vor und rümpfte die Nase. Die Sensationspresse hatte auch schon mal bessere Namen auf Lager.
„Der Frau den Bauch aufgeschlitzt und die Eingeweide herausgerissen. Erinnert dich das an etwas?“ Henry sah ihn herausfordernd an.
„Diese Zeitungsfritzen lassen auch kein Detail aus, was? Ich war in der Leichenhalle. Ich habe sie gesehen. Ihr fehlten keine Organe“, tat Edward Henrys Einwand ab.
Dieser schüttelte den Kopf. „Schmettere es nicht ab!“
„Was mache ich?“, fragte Edward ehrlich verwirrt.
„Seit ihrem Tod bist du nicht mehr du selbst. Das ist jetzt drei Jahre her. Wie lange willst du dir noch die Schuld geben, Ed?“
Über Edwards Gesicht huschte ein dunkler Schatten. „Ich will nicht darüber reden!“
Henry tippte ungeduldig auf die Zeitung. „Genau das ist das Problem. Du weißt, dass dies kein einzelner Mord bleiben wird. Es wird noch mehr geben!“
„Du musst es ja wissen“, grollte Edward und fragte sich, woher Henry das Recht nahm, ihn derart zu bedrängen.
„Mit Menschenopfern gibt sich unsere kleine Vereinigung nicht ab. Außerdem wäre das viel zu auffällig. Du bist nicht der einzige Mensch, der jemanden an diese Irren verloren hat. So zu tun, als sei das alles nicht da, hilft niemandem weiter!“ Mit jedem Wort wurde Henry zunehmend lauter. Er konnte nicht verstehen, weshalb Corby das Offensichtliche verdrängte.
„Und was soll ich deiner Meinung nach tun? Es gibt keinen Beweis! Nur das, was wir vor drei Jahren gesehen haben.“ Nun erhob auch Edward die Stimme. Er wollte nichts davon hören. Es gab keinen Hinweis darauf, dass dieser Mord mit der Sache damals in Verbindung stand.
Der Chef des Black Swan bemühte sich, wieder einen versöhnlicheren Tonfall anzuschlagen. „Dein Freund Abberline weiß es. Er hätte dich nicht geholt, wenn er nichts geahnt hätte.“
Edward schüttelte nur den Kopf und wandte sich wieder seinem Schnaps zu.
„Na schön, dann ignoriere es. Mach das, was du seit drei Jahren tust! Aber sag dann nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!“, entgegnete Henry ärgerlich. Er ging davon und überließ Edward Corby dem Whisky.

Am Abend wankte Edward die Treppen seines Hauses hoch. Verwundert stellte er fest, dass die Tür nicht abgeschlossen war. Obwohl er betrunken war, reichte es noch, um zu wissen, dass er die Tür abgeschlossen hatte. Von den ganzen Bannen und Flüchen zur Abwehr von Eindringlingen mal abgesehen, die er um sein Haus gewirkt hatte. Ein normaler Einbrecher hätte die Tür nicht auf bekommen, ein Magier wäre von seinen Schutzzaubern gegrillt worden.
Vorsichtig öffnete Corby die Tür und trat ein. Alles sah aus wie immer, außer das Licht, das aus dem Wohnsaal kam. Er wollte sich ungesehen und vorsichtig nähern, doch das knarzende Parkett unter seinen Füßen machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Ebenso die ungeölten Scharniere der Salontür, die bestialisch quietschte, als er sie öffnete.
Zu seiner eigenen Überraschung saß auf dem Sofa vor dem Kamin Misses Murble. Sie las in einem Buch und ihr Chihuahua lag neben ihr. Als sich Edward nährte, fuhr er herum und bellte.
„Mister Corby, wird ja auch mal Zeit, dass Sie hier auftauchen“, ließ Misses Murble verlauten, ohne von ihrem Buch aufzuschauen.
„Was in Gottes Namen tun Sie hier?“, entfuhr es Edward, nachdem er seine anfängliche Überraschung überwunden hatte.
„Sie haben mein Haus zerstört, falls Sie sich erinnern.“ Jetzt sah sie tatsächlich auf.
Edward sah sie bloß an. Sein Blick lag irgendwo zwischen kompletter Entgeisterung und Verwirrung. „Was?“, fragte er bloß, weil ihm ob seiner Verblüffung nichts Besseres einfiel.
„Nun, ich war für so zwei oder drei Stunden recht wütend auf Sie, weil Sie Mister Piggels meinem Poltergeist von einem Ehegatten opfern wollten. Mister Piggels setzte mich jedoch darüber in Kenntnis, dass er Ihnen vergibt.“
„Moment, was? Ihr Hund hat mit Ihnen gesprochen?“ Corbys Verwirrung nahm stetig zu.
„Sie sind kein Hundemensch, oder?“, fragte Misses Murble.
Es dauerte einige Augenblicke, bevor Edward verstand, was sie meinte.
„Wie sind Sie in mein Haus gekommen?“, wechselte er prompt das Thema.
„Mister Piggels war so frei, die Tür zu öffnen. Ich habe mir ja gedacht, dass Sie da irgendeine Beschwörung drauf liegen haben. Wie das Magier nun mal so machen.“
„Mister Piggels?“, fragte Edward entgeistert.
Mit diesem Hund stimmte doch etwas nicht!
Er kam näher und blickte den Chihuahua an. Der knurrte, bleckte die Zähne und bellte ihn an. Corby erhob zwei Finger und machte ein Handzeichen, um zu prüfen, ob der Hund irgendwelche Spuren von Magie aufwies, doch nichts. Er war nur ein Hund.
„Wussten Sie, dass die alten Azteken diese Hunde als Erste züchteten? Die Azteken achteten sie und bauten sogar Tempel ihnen zu ehren“, gab Misses Murble zum Besten.
Edward kannte die Geschichte. Sie waren Tempelhunde. Einige sagten dem Chihuahua sogar magische Fähigkeiten nach. Er wusste, dass manche Tiere derartige Merkmale ausprägten, doch dieses Exemplar war ihm nicht geheuer, Folklore hin oder her! Ein Hund, der als Medium dienen und seine magischen Banne umgehen konnte? Das war ja ein Fellknäuel von einem Türöffner!
„Also gut, warum sind Sie hier?“, fragte Edward und riss sich von Mister Piggels los.
„Das sagte ich bereits.“
„Nein. Sie haben sich tagelang von ihren Freundinnen haushalten lassen, während ich mich mit ihrem Mann gequält habe!“, entgegnete Edward ungehalten.
„Mein Lieber, bei besten Freundinnen kann man nicht länger als eine Woche wohnen. Ich brauche jedoch einen Wohnsitz, da mein Haus ja dank Ihnen nur noch eine Ruine ist.“ Misses Murble sah ihn durchdringend an.
Langsam verlor Edward die Geduld. Diese ganze Situation war einfach lächerlich. „Wie kommen Sie darauf, dass ich Sie hier haben will?!“
„Oh, natürlich nicht ohne Gegenleistung. Ich dachte, ich könnte ihre Haushälterin sein. Und seien Sie ehrlich, Edward, Sie können wirklich eine gebrauchen!“
„Wagen Sie es nicht!“, rief Edward entrüstet. „Hier bleibt alles an seinem Platz! Außerdem habe ich noch nie eine Haushaltshilfe gebraucht!“
„Ja, das sieht man auch“, entgegnete Misses Murble mit einem kritischen Blick auf einen von Edwards Haufen aus Klamotten und Zetteln.
„Ich will Sie aber nicht!“ Enerviert rieb er sich mit den Händen über das Gesicht.
„Ach, kommen Sie, das Haus ist groß. Ich finde hier sicher eine Ecke, wo ich Sie nicht störe.“
„Aber …!“, begann Edward.
„Genug geredet!“, unterbrach Misses Murble ihn. Sie stand auf und ging an ihm vorbei in die Vorhalle. Dort stand bereits ihr Koffer, den sie nun packte. Zusammen mit ihrem Hund marschierte sie die Treppe nach oben.
„Was, Mister Corby, habe ich Sie etwa nach Ihrer Meinung gefragt? Alles gut, Mister Corby. Ja, wirklich!“, ereiferte sich Edward, nachdem sie außer Hörweite war.
So eine Unverfrorenheit –und dann auch noch von einer Dame! In seinem Kopf sah er, wie er die gute Misses Murble packte und aus dem Haus warf, doch der echte Edward Corby stand nur schulterzuckend und in sich hinein grummelnd in der Vorhalle. Er ging zurück in den Wohnsalon und sah zu dem kieferlosen Totenschädel auf dem Kaminsims.
„Und jetzt, alter Herbie? Was sagst du dazu?“ Doch der Alte Herbie grinste nur schweigend. „Immer das Gleiche mit dir!“, schimpfte Edward in Richtung des Totenschädels.
Er ging zu einem der Bücherregale und zog einen unbeschrifteten, rot marmorierten Einband heraus. Es gab ein Klacken in der Regalwand und sie öffnete sich. Dahinter befanden sich ein Safe sowie eine Auswahl seines besten Weins. Er nahm eine Flasche und schloss die Regalwand wieder. Edward holte aus der Küche ein Weinglas und einen Korkenzieher. Danach genehmigte er sich das eine oder andere Schlückchen, um seinen Ärger hinunter zu spülen. Schnaps betäubte ihn, aber Wein sorgte für ein warmes, langsames Ermatten.
Corby sah in die Flammen und spürte, wie er langsam einschlief und seine Gedanken in die Welt der Träume hinüber schwebten.