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Anja Weinhold

Edward Corby - Erwachen

Kapitel 3 - Erste Nachforschungen

Am nächsten Morgen weckte Edward ein lautes Hämmern an seiner Haustür. Ein Blick an sich hinunter zeigte ihm, dass er mal wieder in seinen Sachen geschlafen hatte. Müde rieb er sich den steifen Hals und tapste zur Haustür. Er hatte keine Ahnung, wie spät es war. Draußen war jedoch schon der Tag angebrochen.
„Ja. Ja! JA!“, schimpfte er vor sich hin, während er die Tür öffnete.
Vor ihm standen Frederick und dieser Pfau Abersteen.
Letzterer ließ seinen Blick abschätzig über sein Erscheinungsbild gleiten, doch Abberline interessierte sich nicht für solche Nichtigkeiten und kam direkt zur Sache:
„Es gibt eine weitere Leiche. Ich möchte, dass Sie uns zum Tatort begleiten.“
„Einen Moment.“ Edward nahm seinen Mantel und folgte den beiden zur Kutsche.
„Haben Sie darüber nachgedacht?“, fragte Frederick.
„Hm“, machte Edward jedoch nur.
Sie stiegen in die Kutsche und fuhren zum Ort des Verbrechens.
„Bevor wir aussteigen, möchte ich Sie kurz instruieren. Das Opfer heißt Annie Chapman. Siebenundvierzig Jahre alt. Sie wurde in einem Hinterhof gefunden. Das Ganze ist dem letzten Mord sehr ähnlich. Allerdings konnte der Täter dieses Mal sein Werk vollenden. Kehle durchgeschnitten. Ihr Bauch aufgebrochen und ausgeweidet. Laut Doktor Mood fehlt die Gebärmutter“, erklärte Frederick.
Edward wurde heiß und kalt zugleich. „Ist die Leiche noch vor Ort?“
„Ja, wir versuchen, die Schaulustigen fernzuhalten, aber natürlich hat sich das schon herumgesprochen. Wir kämpfen gerade den aussichtslosen Kampf gegen den Sensationsjournalismus“, sagte Frederick.
„Sie haben dem Kerl sogar schon einen Namen gegeben“, ergänzte Abersteen.
„Ach?“
„Jack the Ripper“, antwortete Abersteen in einem Ton, als wäre das völlig unter seiner Würde.
Edward sah ihn skeptisch an. „Dabei könnte es genauso gut eine Frau sein, oder nicht?“
„Eine Frau?“ Abersteen schüttelte empört den Kopf. „Eine Frau wäre doch gar nicht fähig ...“
Frederick und Edward sahen ihn an, woraufhin er sofort verstummte.
Endlich kamen sie an. Ein Polizeiaufgebot bemühte sich, die aufgewühlte Menge von dem Hauseingang fernzuhalten. Edward folgte Frederick in den Hinterhof. Jemand hatte sich erbarmt und die Leiche mit einem Tuch zugedeckt, während aus den oberen Etagen die Leute aus den Fenstern schauten und versuchten, einen Blick auf die Gemeuchelte zu ergattern.
„Zeigt uns die Leiche! Wir wollen was sehen!“, hörten sie jemanden von oben rufen.
„Unsere mitfühlenden Londoner. Wieder alle in Bestform!“ Frederick schnaubte.
Er nahm das Laken und entblößte die Leiche. Plötzlich war es still. Die Neugierde war offenbar dem Schrecken gewichen. Immerhin etwas. Edward sah auf die Frau hinab. Die herausgezogenen Gedärme waren ihr wie ein Schal um den Hals gelegt worden.
Abersteen hielt sich ein Tuch vor den Mund, um den bestialischen Gestank ein wenig zu dämpfen. Frederick sah ihn kurz an, schwieg jedoch dazu. „Was sagen Sie dazu?“, wandte er sich an Corby.
Edward sah nach oben. Von den Fenstern in den Innenhof konnte jeder die Leiche sehen, genauso wie die Schaulustigen es jetzt taten. Nein, hierbei ging es nicht darum, die Toten zu verstecken.
„Um welche Uhrzeit geschah der Mord?“, fragte Edward.
„Heute Nacht. Ein Nachtwächter fand sie gegen drei Uhr früh. Da lag sie aber schon ein paar Stunden hier, warum?“, wollte der Inspector wissen.
Was sich hier zeigte, konnte Edward nicht länger verdrängen. „Es ist, wie Sie vermutet haben, Fred. Das hier ist nicht nur ein besonders grausamer Mord. Wir haben es mit Ritualmagie zu tun.“
Die Art von Ritualmagie, von der Edward gehofft hatte, sie nie wieder sehen zu müssen. Für ihn fühlte es sich wie ein grausames Déjà-vu an. Er ließ sich jedoch nichts anmerken.
„Erklären Sie das!“, forderte Abersteen, obwohl man ihm deutlich ansah, wie wenig er von dieser Einschätzung hielt.
„Das möchte ich nicht auf offener Straße tun“, wehrte Corby ab.
Abersteen hingegen zückte ein Vergrößerungsglas aus einer seiner Manteltasche, beugte sich über die Leiche und suchte damit jeden Zentimeter ab. So wirkte er wie die Karikatur eines Detektivs – wie aus einem dieser Kriminalromane.
"Was soll das werden?", fragte Edward irritiert.
"Sie können mir nicht weiß machen, dass Ihnen ein flüchtiger Blick auf die Leiche sämtliche Details enthüllt hat!", echauffierte sich Abersteen. "Sehen Sie diese ausgefransten Wundmerkmale? Ich bin mir sicher, dass es sich bei der Mordwaffe um ein gezacktes Messer handelt. Vielleicht eine Tranchierklinge?"
"Natürlich tut es das. Es ist ein verdammter Ritualmord!", entgegnete Corby ungehalten und packte Abersteen am Kragen, um ihn von der Leiche fortzuziehen. Anschließend nahm er das Laken und deckte die Tote wieder zu.
"Ich darf doch sehr bitten! Sie wollen also absichtlich sämtliche Hinweise übersehen?", fragte Abersteen missmutig.
Edward fragte sich, womit er es verdient hatte, sich mit diesem Schnösel von Detektiv abgeben zu müssen. "Ich habe alle Hinweise, die ich brauche."
"Das glaube ich kaum!", erwiderte Abersteen und deckte die Leiche wieder auf. Erneut suchte er sie mit seiner Lupe ab.
Corby hatte genug. "Fred, sagen Sie mir, dass ich mir das nicht weiter antun muss!"
Der Inspector atmete tief durch, schnappte sich das Laken und deckte die Leiche vor Abersteens Nase wieder zu. Er packte sowohl Edward als auch Andrew jeweils an einem Arm und zog sie in Richtung Hofausgang.
"Das ist unerhört! So arbeite ich nicht!", meckerte Abersteen lauthals.
„Also gut, fahren wir zum Revier.“ Frederick überging die Schimpftirade des Detektives einfach. „Sie da, lassen Sie die Leiche abtransportieren. Wir sind hier fertig.“
Einer der Constables nickte. Sie gingen zurück zur Kutsche, stiegen ein und fuhren auf einen Wink an den Kutscher los.
„Also?“, fragte der Inspector.
„Ich schätze, ich muss beim Urschleim anfangen, oder?“, fragte Edward müde mit einem Blick auf den sichtlich angesäuerten Detektiv.
„Das wäre von Vorteil“, entgegnete Frederick.
Abersteen verschränkte die Arme vor der Brust und brummte irgendetwas in sich hinein. Sie ignorierten ihn.
„Wir Magier kommen mit der Fähigkeit auf die Welt, die magischen Energien spüren und nutzen zu können. Die Magie ist eine unsichtbare Kraft. Sie durchzieht diese Welt in jedem Winkel, dennoch ist sie für die meisten absolut unsichtbar. Wir Magier benötigen jahrelanges Training, um die durch Handzeichen und Riten richtig fokussieren zu können, um aus dieser wilden, freien Energie einen Nutzen zu ziehen. Ein Ritualmagier ist im Prinzip fast jeder von uns. Bestimmte Handlungen ergeben nur in bestimmten Zusammenhängen Sinn. Manche Riten gehen nicht über das Verbrennen von Kräutern hinaus, andere arbeiten mit Symbolismus, Pentagrammen und derartigen Dingen. Wieder andere benötigen Blut.“
Hier sah Andrew doch auf, sein Blick ungläubig wie angewidert.
„Es ist jedoch ein Unterschied, ob ich für einen Ritus ein Schaf schlachte oder einen Menschen ausweide. Ob Sie es glauben oder nicht, aber Menschenopfer sind selbst in unserem Geschäft nicht die Regel. Im Gegenteil, wer Menschenopferungen betreibt, gilt unter Magiern als ziemlich widerwärtig. Kein aufrechter Verfechter der Zunft möchte mit so jemandem Geschäfte machen, geschweige denn gesehen werden!“
Frederick glaubte, zu verstehen. „Also sind das Opferrituale?“
„Die Frau lag so auf dem Hof, dass Sie jeder sehen konnte. Wichtiger noch, des Nachts hätte sie der Mondschein voll getroffen. Dazu die Ausweidung und das Entfernen ihrer Organe.“ Ernst blickte Corby erst Frederick und dann Abersteen an.
„Es war aber kein Vollmond.“ Abersteen klang belustigt.
„Ich muss Sie enttäuschen, aber es ist ein Irrglaube, dass es immer Vollmond sein muss. Wichtig ist die richtige Ausrichtung zum Erdtrabanten, wenn man seine Kräfte anrufen will. Sie muss in einer direkten Sichtlinie liegen. Wäre der Mond auf oder untergegangen, hätte sie also irgendwann in seiner direkten Sichtlinie gelegen. Der durchgeschnittene Hals ist das direkte Opfer. Je nachdem, was man erreichen will, dienen herausgeschnittene Organe zur Anrufung alter Geister oder Dämonen.“
„Klingt ganz so, als würden wir den Täter in ihrem Umfeld suchen, Mister Corby“, begriff Abersteen.
Offenbar war der Detektiv nicht ganz so auf den Kopf gefallen, wie Edward zunächst angenommen hatte. „Sieht ganz so aus. Sie wissen, wie allergisch unsereins auf die Polizei reagiert. Mit Ihnen würden sie kein Wort wechseln, es sei denn, es ginge darum, Ihnen die Pest auf den Hals zu wünschen.“
„Also nur ein ganz normaler Arbeitstag“, sagte Frederick sarkastisch.
Die Kutsche hielt vor dem Revier Whitechapel. Sie stiegen aus und gingen in das Büro des Inspectors. Dort setzten sich Edward und Abersteen vor den Tisch, wie sie es vor einigen Tagen schon einmal getan hatten.
„Was schlagen Sie also vor?“, wollte Abersteen wissen.
„Dass Sie beide sich an die Fersen dieses Magiers hängen, egal wer er ist. Ich kenne mich nicht wirklich mit der Kunst des Okkulten aus, aber nach all den Jahren mit Edward Corby weiß ich, dass wir mit weiteren Morden zu rechnen haben. Ich muss hierbleiben und die Stellung für wütende Anwohner, Journalisten und erzürnte Vorgesetzte halten. Sie beide gehen los und tun, was immer möglich ist“, befahl Frederick.
„Ich? Mit ihm?“ Andrew wurde plötzlich nervös und sah zu Edward hinüber.
„Ich werde das nicht mit Ihnen diskutieren“, entgegnete der Inspector.
„Sind Sie sicher?“, fragte Edward. „Wenn ich mich nicht irre, dann führt uns diese Reise in die dunkelsten und tiefsten Winkel, die man sich vorstellen kann. Nichts für zartbesaitete Akademiker.“
Abersteen richtete sich auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Glauben Sie ja nicht, ich hätte nicht auch schon etwas Schmutz von der Straße abbekommen.“
„Hier geht es aber nicht um eine Kneipenschlägerei oder irgendeine vertrackte Beziehungstat. Hier geht es um etwas, dass Ihrer Weltanschauung komplett widerstrebt. Um Menschenopfer, Magier und Schwarze Kunst“, versuchte Corby, dem weltfremden Detektiv begreiflich zu machen, worauf er sich da einließ. Und er verspürte keinerlei Lust, mit ihm zusammenzuarbeiten.
„Versuchen Sie gerade, den armen Abersteen abzuschrecken?“, fragte Frederick mit einer gewissen Belustigung in der Stimme. „Etwas Dunkelheit wird ihm sicher nicht schaden.“
Andrew sah zwischen Edward und dem Inspector hin und her. Er sagte jedoch nichts, sondern gab nur ein ungehaltenes Brummen von sich.
„Für gewöhnlich arbeite ich allein“, versuchte Edward noch einmal sein Glück.
„Gewöhnlich ist nichts an alledem“, erwiderte Frederick nüchtern. „Außerdem könnte ich es mir nicht verzeihen, wenn Ihnen unter meiner Obhut etwas passieren würde. Als Ermittlungsleiter ist es zudem meine Pflicht.“
„Jetzt kommen Sie mir nicht so.“ Doch Edward wusste, wann er sich geschlagen geben musste.
Frederick Abberline musterte den Detektiv, der plötzlich in Schweigen verfallen war. „Abersteen, Sie sind ja so ruhig.“
„Sie fragen nach meiner Meinung? Hört, hört!“, erwiderte Abersteen schnippisch. „Ich werde es überleben. Außerdem bekomme ich so die fulminante Gelegenheit, diesen Scharlatan ein für alle Male zu enttarnen.“
„Jetzt geht das wieder los …“ Edward fuhr sich müde über das Gesicht. Wie oft hatte er solcherlei Anfeindung schon ertragen müssen.
„Sie werden sich vertragen, wie Profis das eben tun.“ Mehr ein Befehl, denn eine Feststellung, seitens Frederick, den er mit einem scharfen Blick auf die beiden untermauerte. Weder Corby noch Abersteen antworteten etwas darauf, sondern beäugten einander nur aus dem Augenwinkel.

Nach dieser Standpauke des Inspectors wich Abersteen Edward nicht mehr von der Seite. Er hatte es sich offensichtlich in den Kopf gesetzt, ihn auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Nicht nur, weil er jetzt sein Partner sein sollte, sondern auch, um Edward zu enttarnen. Er fand das zwar lächerlich, nahm es aber hin.
Ihr erster Weg führte sie in das Black Swan. Wenn man einen Prostituierten-Mörder suchte, gab es keinen besseren Ort als ein Freudenhaus. Abersteen war es sichtlich unangenehm. Gut, das konnte er ausnutzen. Edward steckte einigen der leichten Mädchen eine Zehn-Pfund-Note zu. Mehr als sie sonst an einem Tag verdienten. Sie kümmerten sich mit ungeahntem Enthusiasmus um seinen Partner. Sie überfielen ihn regelrecht, um ihn dann in irgendein Zimmer zu zerren.
Der Arme, dachte Edward belustigt, bestimmt ist er noch Jungfrau.
Er selbst hingegen suchte sich die Frauen ganz genau aus. Er kam schon so lange in dieses Etablissement, dass er sie alle mit Namen kannte. Seine Wahl fiel auf eine junge Frau mit langen, schwarzen Haaren, die sie zu einem Zopf geflochten hatte. Sie trug ein langes, ebenfalls schwarzes Kleid, rauchte aus einem Zigarettenhalter und trug einen Fächer in der anderen Hand. Weniger für frische Luft, sondern als modisches Accessoire.
Elizabeth McKinnley, aber alle nannten sie nur Elli.
„Oh, Mister Corby, du hast dich ja schon lange nicht mehr bei mir blicken lassen. Viel zu tun?“ Sie trat zu ihm heran.
„So, wie ich das sehe, kannst du dir diese Frage selbst beantworten“, entgegnete Edward.
„Mhm, hier gibt es ja gar kein anderes Thema mehr als diese schrecklichen Morde. Wenn du mir jetzt auch noch damit kommst, verfalle ich womöglich in Depressionen.“
„Schade, dabei wollte ich dich gerade in eine Ermittlung verwickeln.“ Corby schenkte ihr ein gewinnendes Lächeln, von dem er wusste, welche Wirkung es hatte.
Elli ließ sich jedoch nicht so leicht umgarnen, weshalb er sie so mochte. „Du willst mich ausfragen, stimmt’s? Ich sollte dafür doppelt so viel verlangen wie für meine sonstigen Dienste, sonst sterbe ich noch ärmer, als ich ohnehin schon bin.“
„Wir können das auch gerne in deinem Zimmer besprechen.“ Edward grinste spitzbübisch.
„So ein Charmeur!“ Elli zog an ihrer Zigarette. „Dann komm, ich habe gerade niemanden.“
Sie führte Edward zu dem hintersten Zimmer im Gang. Etwas abgelegen von den anderen. Das passte ihm, denn Elizabeth war auch keine normale Prostituierte. Sie bot neben den Diensten der fleischlichen Befriedigung auch gewisse magische Gefälligkeiten an. Die meisten davon hatten etwas mit speziellen Tränken und Cremes für die erhöhte Lustbefriedigung zu tun, aber auch Wahrsagerei und das Legen von Karten gehörten zu ihrem Repertoire. Für Edward hingegen tat sie mehr als das. Sie war für ihn Augen und Ohren im Black Swan. Wenn es also Gerüchten nachzugehen ging, dann war sie seine Frau.
„Nun, kann ich dir etwas anbieten?“, fragte Elli, als er das Zimmer betrat.
Es war vollgestopft mit allerlei Dingen, die man brauchte, um alchemistische Tränke herzustellen, dazu Bücherregale mit dicken Folianten, ein kleiner, runder Tisch mit Stühlen und dicken Sitzkissen sowie natürlich ein hinter einem Vorhang abgetrennt stehendes Bett, wo sie für gewöhnlich ihre Kunden bediente.
Edward setzte sich an den Tisch. „Nur das Übliche, falls du welches da hast.“
Elisabeth ging zu einem Schrank und holte ein kleines Fläschchen daraus hervor. Sie schüttete den Inhalt in ein Glas und reichte es ihm. Darin befand sich eine Mischung aus Absinth und einer ihrer Tränke für das allgemeine Wohlbefinden. Edward wollte hier noch eine Weile bleiben. Schon allein, damit er diesen dussligen Abersteen nicht sehen musste.
Elli setzte sich ihm gegenüber, überschlug die Beine und fächelte sich etwas Luft zu. Nicht, dass sie das nötig gehabt hätte.
Corby trank den Inhalt seines Glases in einem Zug aus, ehe er sich ihr widmete. „Also, hast du etwas gehört?“
„Nichts Bestimmtes. Alle haben nur Angst vor dem Verrückten, der diese Frauen abgeschlachtet hat.“
Edward schüttelte den Kopf. „Es ist kein Verrückter. Es handelt sich um Ritualmagie. Menschenopfer. Allerdings unausgereift. Fast so, als würde er noch üben.“
„Das ändert die Dinge natürlich.“ Elli schluckte. „Aber warum kommst du damit zu mir?“
„Abberline hat mir diesen weltfremden Kerl da draußen aufgehalst.“
„Wer? Doch nicht den kleinen Schüchternen, den diese Gottesanbeterinnen weggeschleift haben?“ Edward grinste zur Antwort jedoch nur. „Böse, Mister Corby. Sehr, sehr böse!“
„Ich möchte doch nur, dass er sich mal etwas amüsiert. Der Kerl ist steif wie ein Brett!“ Edward ließ sich auf seinen Stuhl zurückfallen. „Ich brauche einen Partner, der etwas hiervon versteht. Abersteen ist der Wachhund des Scotland Yards, damit ich keine unklugen Sachen anstelle.“
„Und? Soll ich ihn in Säure auflösen und Seife aus seinen Knochen machen?“, bot Elisabeth ganz ernsthaft an.
Nun wurde Edward streng. „So etwas würde ich nie verlangen.“
Jetzt war es an Elli, ihn anzugrinsen. „Nun, lass einer Hexe doch ihre Späße.“ Gleich darauf wurde sie jedoch ernst. „Die Jagd auf einen Magier, der Blutopfer begeht … Sollen wir das nicht lieber dem Orden des Samael überlassen?“
„Nein, der Orden wäre in dieser Angelegenheit genauso nutzlos wie die Polizei.“
Elli legte ihren Zigarettenhalter sowie den Fächer beiseite und griff über den Tisch, um Edwards Hände in ihre zu nehmen. „Ist es ihretwegen?“, fragte sie vorsichtig.
Edward wollte eigentlich nicht über dieses Thema reden. Obwohl so viel Zeit vergangen war, lastete es noch so schwer auf ihm, dass er jedes Mal glaubte, daran ersticken zu müssen.
„Wir haben das Schwein damals nicht erwischt. Noch einmal lasse ich das nicht geschehen!“
„Ed, manches liegt nicht in unserer Macht. Der Tod deiner Frau war ein grausames Verbrechen. Eines, für das dieser Mistkerl hoffentlich in der Hölle schmort, aber es ist geschehen. Es lag nicht an dir, sondern daran, dass ein böser Mensch böse Taten beging.“
„Nein!“ Corby zog seine Hände zurück, als hätte er sich an ihr verbrannt. „Ich war nicht schnell genug. Ich dachte, mit der Hilfe des Ordens könnte ich ihn kriegen, aber sie sind nutzlos, wenn es drauf ankommt. Genauso wie die Polizei oder Scotland Yard. Frederick bemüht sich, aber er kann es dennoch nicht ändern, wenn der Fisch vom Kopf her stinkt!“
Edward war wütend. Wie immer, wenn er über dieses Thema sprach. Die Trauer um seine Frau war schlimm, doch die Gewissheit, dass er sie vielleicht hätte retten können, wenn er nicht auf Verstärkung gewartet hätte … Es brachte ihn um den Schlaf. Deshalb betrank er sich, nahm Opium und tat alles, um zu vergessen.
Und nun hatte er diesen Klotz Abersteen bei diesem Fall am Bein, der in seiner verbohrten Art womöglich verhindern würde, dass er den Kerl dieses Mal kriegte.
Elizabeth bemerkte, wie sich Edwards Miene verfinsterte. Sie erhob sich und reichte ihm die Hände. Er blickte mürrisch an ihr vorbei, doch er nahm schließlich ihre Geste an und erhob sich.
Elli nahm sein Gesicht in seine Hände und küsste ihn sanft. „Ich bin mir sicher, ich kann etwas tun, damit es dir besser geht.“
Corby atmete tief durch und sah sie nun doch an. „Warum nicht? Wäre ja schlimm, wenn Abersteen allein den ganzen Spaß hätte.“
„Böser Mann“, hauchte Elli. Sie zog ihm den Mantel von den Schultern und bugsierte ihn mit sanfter Gewalt auf das Bett.
Edward wusste, was sie vorhatte. Er wehrte sich nicht, etwas fleischliches Vergnügen sollte ihm nicht schaden – und Elizabeth verstand ihr Handwerk, ob es dabei um ihre Tränke oder etwas Handfesteres ging.
Betont langsam ließ sie die Träger ihres Kleides von ihren Schultern rutschen und entblößte, was sie vermeintlich gut verborgen hielt. Wie alle Frauen hier trug sie keine Unterwäsche. Warum auch? Das hätte sie nur gehindert. Nackt wie sie war, setzte sie sich auf Edwards Schoß.
Er roch genüsslich an ihr. Sie trug kein handelsübliches Parfüm. Vermutlich auch eine ihrer eigenen Tinkturen. Es war ein dunkler und dennoch angenehmer Geruch. Edward legte die Arme um sie und atmete tief dieses berauschende, düstere Gefühl ein, dass auf ihrer Haut lag.
Elli glitt mit ihren Fingern durch sein Haar und streichelte sanft seinen Nacken. Mit seinen eigenen Händen wanderte er hinab zu ihrem Hintern. Er packte sie mit einem Ruck und bugsierte sie mit dem Rücken auf das Laken vor sich. Edward fuhr mit seinen Lippen ihren Hals hinab. Sanft küsste er ihr Schlüsselbein und legte seine Arme um ihre Schultern. Elli öffnete ihm mit geschickten Handgriffen das Hemd und zog es ihm aus. Mit ihren Händen fuhr sie über seine Brust und schließlich hinunter zu seinem Gürtel.
Corby fühlte die in sich anschwellende Lust. Er zog seine Hose hinunter und entblößte sein bereits steifes Glied.
Sanft nahm Elli seinen Penis in ihre Hände und streichelte ihn behutsam. Edward schloss die Augen und genoss ihre Berührungen. Leise seufzte er, spürte den Druck in sich. Wie die Lust zwischen seinen Lenden brannte. Sanft drückte er ihre Schenkel auseinander und ließ sich in sie gleiten. Elli schlang ihre Beine um seine Hüfte und ihre Arme um seine Schultern. Ein Stöhnen entfuhr ihm und er begann, sich rhythmisch in ihr zu bewegen. Er legte seine Stirn an ihre und küsste sie. Stetig berührten sich ihre Lippen, während sie sich unaufhaltsam ihrem Höhepunkt nährten.
Edward stöhnte genüsslich und wurde schneller. Er baute sich über ihr auf und umklammerte ihren Hintern, trieb sich nun wild in ihren Körper. In der Ekstase schrie er laut auf und spürte schließlich voller Befriedigung, wie er sich in Ellis Schoß ergoss.
Er atmete heftig und seine Bewegungen erstarben jäh. Elli legte ihre Arme um ihn und streichelte sanft über seinen Rücken. Der Sex fegte sein Gehirn leer. Er dachte nur noch daran, wie sehr er es genossen hatte.
Nach einigen Augenblicken regte sich Edward wieder. Sanft zog er sich aus Elli zurück und rollte sich auf den Rücken. Was sie hier miteinander taten, war weder normale Prostitution noch irgendeine Form von fester Beziehung. Es lag irgendwo dazwischen. Elli hatte ein offenes Ohr und verlangte für Augenblicke wie diesen nichts. Eine seltsame Art von Verbindung bestand zwischen ihnen. Eine, die dafür sorgte, dass Elisabeth auch seinen Schutz genoss, sollte sie einmal in Bedrängnis geraten.
Nach dem, was mit seiner Frau geschehen war, wusste Edward auch gar nicht, ob er es anders gewollt hätte. Liebe machte so verletzlich. Er wusste nicht, ob er diesen Schmerz noch ein zweites Mal hätte ertragen können.
„Ed?“
„Mhm“, brummte Edward.
Bevor er jedoch hören konnte, was sie ihm zu sagen hatte, sprang die Tür auf und ein nackter, sichtlich gehetzter Abersteen kam in den Raum gestürmt. Er schmiss die Tür hinter sich zu und lehnte sich dagegen, als wäre er gerade einem Rudel Wölfen entkommen.
„Wa-?“, entfuhr es ihm, als er Edward und Elizabeth auf dem Bett entdeckte.
„Das ist doch der kleine Schüchterne, oder?“, fragte Elli mit einem amüsierten Glitzern in den Augen.
Corby wusste sich nicht ganz so gut zu beherrschen und grinste breit. „Aber Mister Abersteen, warum denn so nervös?“
„Diese Frauen! Die sind vollkommen von Sinnen!“, entgegnete Abersteen atemlos.
„So sind sie eben.“ Edward lachte leise genüsslich.
„Und Sie? Was tun Sie hier?“, fragte Abersteen völlig von der Rolle.
„Wir machen Nacktkuscheln, aber uns fehlt noch ein Partner.“ Edward zwinkerte ihm zu und klopfte neben sich auf das Laken.
„W-was?“, sagte Abersteen erschrocken. „Argh, warten Sie mal, Sie stecken doch mit denen unter einer Decke!“
„Ich?“, fragte Corby mit Unschuldsmiene. „Außerdem habe ich meine Decke hier – und da steckt schon jemand anderes mit drunter.“
Abersteen, dem offenbar jetzt erst gewahr wurde, dass er noch immer nackt war, griff sich ein Kissen von den Stühlen am Tisch und hielt es vor sein bestes Stück. Ganz so, als könnte das verdecken, was ohnehin bereits alle von ihm gesehen hatten.
„Sind Sie etwa …?“, Abersteen deutete auf Edward. „Und haben Sie gerade …?“
„Sie etwa nicht? Was haben Sie nur mit Ihrer liebreizenden Begleitung angestellt?“, entgegnete Edward gespielt brüskiert.
Elli, an seine Brust gelehnt, versuchte krampfhaft, sich das Lachen zu verkneifen.
„Das waren drei Frauen gegen einen! Und was die mit mir machen wollten! Unaussprechlich! Das hier verstößt doch gegen alle guten Sitten!“
„Er weiß aber schon, warum man es Bordell nennt?“, fragte Elli amüsiert.
„Es ist schlimm genug, dass jemand von meinem Stand in diese Spelunke geschleppt wurde, da muss ich mich nicht noch von einer Dirne belehren lassen!“
„Moment, wie hat er mich genannt?“ Elli erhob sich aus dem Bett. Edward verschränkte die Arme hinter dem Kopf und konnte nicht aufhören, zu grinsen. Oh, das wollte er unbedingt sehen!
Abersteen wandte pikiert das Gesicht ab und hielt sich die Hand vor die Augen. Als würde das ungesehen machen, was er bereits erblickt hatte – eine nackte Frau, die es sich nicht gefallen ließ, wie er mit ihr sprach.
Elisabeth stand mit in die Hüften gestemmten Armen vor ihm. „Ed, wo hast du nur diesen Kasper aufgegabelt?“
„Frag das Scotland Yard. Angeblich der genialste Kopf der Kriminologie“, antwortete Edward, nicht ohne sarkastischen Unterton.
„Deduktion! Wie oft denn noch! Das ist bei Weitem nicht bloße Kriminologie!“ Vor lauter Wut auf Edward Corby vergaß Abersteen, sein Gesicht abzuwenden.
„Und mich nennt er einen Scharlatan. Ist das zu fassen?“, fragte Edward, noch immer höchst belustigt, die fassungslose Elli.
„Ich glaube, du hast recht“, sagte sie plötzlich. „Ihr braucht meine Hilfe. Beide. Und zwar ganz dringend.“
„Was weiß eine Dirne schon von …?“
„Jüngelchen, wenn du noch einmal dieses Wort zu mir sagst, dann schwöre ich dir, du findest deine Eier in deinem Hals wieder!“, entgegnete Elli bedrohlich. „Und du, Mister Corby, hattest für heute wirklich genug Spaß.“ Sie hob ihr Kleid vom Boden auf und zog es sich wieder an.
„Ich frage die Mädchen, wo sie seine Sachen haben. Währenddessen könnt ihr zwei euch ja vielleicht wie erwachsene Männer benehmen!“ Sie ging aus dem Raum.
Abersteen sah ihr nach. Schließlich wandte er sich zornig an Edward. „Was haben Sie sich dabei gedacht?“
Edward legte eine Unschuldsmiene auf und erhob sich. „Ich dachte, Ihnen täte etwas Vergnügen gut.“
„Vergnügen? Das hier ist gleicht einem Tollhaus!! Vergnüglich ist eine Symphonie von Beethoven oder eine vorgetragene Komödie von Oscar Wild. Somit ist das hier das pure Gegenteil von Vergnügen!“
„Sie sind also tatsächlich so steif, wie Sie tun“, schloss Edward nüchtern.
„Was spielt das bei einer Mordermittlung für eine Rolle?“, entgegnete Abersteen entrüstet. Mittlerweile hatte er vollkommen vergessen, dass er noch so dastand, wie Gott ihn geschaffen hatte.
„Das hier ist aber keine Mordermittlung. Das hier ist die Jagd auf einen Blutopferkultisten. Oder vielleicht sogar auf Mehrere. Noch bevor das alles hier endet, werden wir durch Blut und Gedärme waten. Ihre feinsinnigen Bücher und ihr gehobener Stand werden Sie hier das Leben kosten. In meiner Welt werden Menschen wie Sie zum Frühstück verspeist. Ich frage mich wirklich, welcher Naivling bei Scotland Yard glaubt, Sie könnten diesen Fall in einem Stück überleben.“
„Ich habe mich wahrlich nicht darum gerissen und wäre auch lieber bei meinen Büchern. Doch wenn Scotland Yard sagt, es braucht Sie, dann sagen Sie nicht einfach Nein! Ich bin Wissenschaftler, verdammt noch mal!“
„Na, sehen Sie? Sie tauen doch langsam auf!“ Edward klatschte freudig in die Hände. „Und genau deshalb brauchen wir Elizabeth.“
„Ihre Freundin?“, fragte Abersteen.
„So weit würde ich nicht gehen“, wehrte Corby gelassen ab.
Die Tür schwang erneut auf und Elli kam mit einem Bündel unter dem Arm herein. „Vertragt ihr euch wieder?“, fragte sie und drückte Abersteen die Sachen in die Hände. „Los, anziehen! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit! Du auch, Mister Corby!“
Edward sammelte seine sieben Sachen ein und zog sich wieder an. Abersteen war es sichtlich unangenehm, sich unter ihren Blicken anzukleiden, doch er gab keine Widerworte von sich.
„Und wohin nun?“, fragte er schließlich.
„Zu mir nach Hause“, sagte Edward. „Ich muss Elizabeth die Akten zeigen. Sie können derweil so tun, als seien Sie nicht da.“
„Auf keinen Fall, ich begleite Sie beide!“, erwiderte Abersteen.
Elisabeth legte Corby beruhigend die Hand auf den Arm. „Lass ihn, Ed. Wenn er uns unbedingt begleiten will, soll er das tun. Vielleicht lernt er dabei sogar noch etwas.“
Edward runzelte die Stirn. Ihm war leider klar, dass er Abersteen nicht mehr loswerden würde.
Also gut, was bleibt mir auch anderes übrig?, resignierte er innerlich.
Gemeinsam verließen Sie das Black Swan und Edward winkte einen Kutscher heran, der sie zu seiner Villa brachte. Als sie durch die Haustür eintraten, stockte Edward zunächst der Atem. Das ganze Haus war blitzblank geputzt! Der Marmor glänzte, die Fenster waren sauber und, was am schlimmsten war, jemand hatte aufgeräumt!
„Miss Murble!“, rief Edward außer sich. „Was zum Teufel haben Sie getan!?“
Miss Murble erschien am oberen Ende der Treppe. Sie war in eine weiße Schürze gekleidet und trug einen Schrubber in der Hand.
„Guten Abend, Mister Corby. Oh, wie ich sehe, haben Sie Besuch mitgebracht.“
„Was haben Sie getan?“, rief Edward erneut.
„Nun, ich habe mir erlaubt, ihr Haus etwas wohnlicher zu gestalten. Ehrlich, Edward, wie konnten Sie nur so leben?“
„Ich habe Ihnen gesagt, dass Sie nicht aufräumen sollen!“, presste Edward zornig hervor.
Miss Murble verdrehte jedoch nur die Augen. „Ja natürlich, nur das Genie beherrscht das Chaos und so weiter, trotzdem werden Sie mir später sicherlich noch dafür danken. Und keine Angst, ich habe ihr Wirrwarr gut sortiert auf dem Wohnzimmertisch hinterlassen.“
„Argh-hmpf!“, machte Edward ungehalten und ging schnellen Schrittes in den Wohnsalon.
Dort stapelten sich seine Papiere plötzlich sortiert nach Datum und Fall, ordentlich getrennt durch beschriftete Papierstreifen.
„Ich habe ein verdammtes Ablagesystem und sie bringt es mir völlig durcheinander!“, grummelte Edward ungehalten und suchte in dem Stapel nach der Akte über die jetzigen Morde. Er fand sie schließlich ganz oben auf. Das war zwar logisch, jedoch befand er sich nicht in der Verfassung, das jetzt zuzugeben.
Darin enthalten war der Obduktionsbericht der beiden Frauen, den er Elisabeth zeigte.
Noch während sie las, runzelte sie die Stirn. „O verdammt! Das klingt ja wie …“
„Genau“, schloss Edward.
„Entschuldigen Sie, aber wovon reden Sie da?“, mischte sich Abersteen ein.
Elli warf Abersteen einen kurzen Blick zu. „Willst du oder soll ich?“
„Vor drei Jahren hat jemand schon einmal Frauen ermordet. Auf ähnlich bestialische Art und Weise. Allerdings waren seine Werke ausgereifter. Er machte aus den Leichen regelrechte Kunstwerke aus Blut und Gedärmen. Sein letztes Opfer war meine Frau. Danach verschwand er spurlos“, erklärte Corby mit eiseskalter Stimme.
Abersteen starrte ihn an, in seinem Kopf arbeitete es. „Sie glauben, es ist derselbe Täter?“, fragte Abersteen vorsichtig.
„Nein, nicht derselbe. Vielleicht ein Lehrling, der sich an Blutopfern versucht. Die erste Leiche schlitzt er nur auf, ohne Organe zu entfernen. Die Zweite weidete er dann schon aus und stahl die Gebärmutter. Er steigert sich von Mal zu Mal. Wer weiß, was er dem dritten oder vierten Opfer antun wird.“
Abersteen zog die Augenbrauen zusammen und musterte Corby abschätzig. „So haben Sie das Inspector Abberline aber nicht erzählt.“
„Frederick muss nicht mehr wissen als nötig. Außerdem weiß er, was mit meiner Frau passiert ist. Deshalb hat er mich hinzugezogen. Anders als seine Vorgesetzten hat er sofort geahnt, worauf das hinauslaufen wird. Sie hingegen sind nur dabei, weil Scotland Yard um seinen guten Ruf fürchtet, wenn es mit mir zusammenarbeitet. Offiziell befasst sich die Polizei nicht mit dem Okkulten.“
„Na schön, ich verstehe jetzt, warum Sie sich gegen meine Anwesenheit wehren, Mister Corby. Für Sie ist es etwas Persönliches. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“ In Abersteens Stimme schwang ein Hauch von Versöhnung mit.
„Weil es niemanden etwas angeht, der nicht involviert war!“, presste Edward düster hervor.
„Also gut, ihr beiden, ich würde vorschlagen, wir schlafen alle eine Runde darüber. Mister Abersteen, wenn Sie uns nun verlassen wollen?“
„Ich komme morgen früh vorbei“, teilte der kurz angebunden mit. Dass Elli ihn regelrecht aus dem Haus schmiss, war ihm eindeutig nicht genehm, doch er legte es nicht auf einen Streit an und ging zur Tür. Auf dem Absatz wendete er sich jedoch noch einmal an sie.
„Und Mister Corby, Sie hätten mich nicht in eine unschickliche Lage bringen müssen, um mit mir zu reden.“ Dann drehte sich Andrew um und verschwand aus dem Anwesen.
Edward spähte zur Tür hinaus und sah ihm nach, bis er die Straße hinunter verschwunden war.

Andrew James Abersteen war mit dem Commissioner Sir Ruthger Ward und Inspector Frederick Abberline verabredet. Sie saßen an einem Tisch in einem Separee eines der gehobeneren Restaurants Londons. Weit genug von den übrigen Gästen entfernt, um auch über Brisantes sprechen zu können.
Der Commissioner war ein älterer Herr mit zum Scheitel gekämmten grauen Haaren und einem dicken Backenbart. Er trug ein weißes Hemd mit Stehkragen, darüber einen schwarzen Anzug und ein ebenso schwarzes Halstuch. An seinem Ringfinger war der Siegelring der Londoner Freimaurerloge zu sehen. Viele Freimaurer versuchten, zu vermeiden, als solche erkannt zu werden, doch der Commissioner verfolgte eine andere Politik diesbezüglich. Diese mehr oder weniger illustre Gesellschaft saß da und trank Wein, während sie auf ihr Essen wartete.
„Nun denn, Mister Abersteen, was können Sie uns berichten?“, kam der Commissioner zu dem Grund dieses Treffens.
Abersteen überlegte einen Moment, ehe er antwortete: „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wo ich anfangen soll. Mister Corby hat mehr als einmal versucht, mich loszuwerden und das – wie ich im Nachhinein sagen muss – aus gutem Grund.“
Commissioner Ward hatte seine volle Aufmerksamkeit. „Ich höre.“
„Dieser Fall … Mister Corby erwähnte, dass vor drei Jahren bereits etwas Ähnliches geschehen sei. Ich habe in die Fallakten von Scotland Yard geschaut und nichts Derartiges gefunden.“
„Das ist richtig, weil es keine Akten gibt. Der Geheimdienst unserer Majestät besitzt diese – und bevor sie versuchen, Akteneinsicht zu beantragen, mein Freund, vergessen Sie es lieber gleich! Diese Protokolle wurden als Top Secret eingestuft. Selbst ich müsste eine lange Liste von Überprüfungen über mich ergehen lassen, wollte ich einen Blick hinein werfen.“
Nun war es an Abersteen, mehr erfahren zu wollen. „Was ist damals geschehen?“
„Inspector Abberline hat es nicht erzählt?“, fragte der Commissioner.
„Ich habe versucht, das Thema nicht mehr als nötig anzuschneiden“, entgegnete Frederick ruhig.
„Mister Corby erwähnte, dass seine Frau ermordet wurde.“ Andrew konnte es gerade so unterdrücken, einen missbilligenden Gesichtsausdruck zur Schau zu stellen.
„Ja, seine Frau und noch sechs andere. Es war ein blutiges Gemetzel. Anders als bei diesem Ripper-Fall konnten wir es jedoch der Öffentlichkeit verheimlichen. Die Leichen wurden nicht annähernd so aufmerksamkeitsheischend zur Schau gestellt. Dieser Fall und der jetzige überschneiden sich auf ungewöhnliche Art. Es ist Ihre Aufgabe, die wahre Natur dieser Verbrechen nicht ans Licht kommen zu lassen. Würde öffentlich, was sie beide wissen, könnte das zu einer Massenpanik innerhalb der Stadt führen. Manchmal muss die Wahrheit zum Wohle aller im Verborgenen bleiben“, erklärte der Commissioner in gedämpften Tonfall, obwohl sie hier niemand hören konnte.
„Dann wird es keine Gerechtigkeit geben“, schloss Andrew sachlich.
„Bei der Polizeiarbeit geht es nur selten um Gerechtigkeit. Die Polis, die Stadtwache im alten Griechenland, hatte nicht nur die Aufgabe, Raub und Mord zu verhindern, sie sollte das Gleichgewicht wahren. Wenn das hieß, dass man zum Wohle der Gesellschaft manche opfern musste, dann war das eben so. Auch die heutige Polizei muss sich immer der Frage stellen, ob das Opfer einzelner nicht dem Schutze des Großen und Ganzen dient. Wenn ein paar Frauen ermordet werden, ist das sicherlich bedauerlich, aber denken Sie nur daran, was geschehen würde, wenn die Öffentlichkeit erfahren würde, dass wir von Magiern, Okkultisten und Zauberwesen umgeben sind. Der Aufruhr, den ein Mister Corby veranstaltet, reicht völlig. Stellen Sie sich vor, es gäbe Hunderte Edward Corbys in dieser Stadt. Die Ordnung würde völlig zusammenbrechen“, schloss Commissioner Ward.
Da musste Andrew zustimmen, doch ihm gefiel die Richtung nicht, in die dieses Gespräch ging. „Also bin ich nur dafür da, um die Dinge zu vertuschen“, entgegnete Abersteen unwirsch.
„Sie sind noch jung. Als ich in ihrem Alter war, dachte ich auch noch, ich müsste die Welt verändern. Aber die Dinge liegen genau andersherum. Die Welt verändert uns. Wenn Sie damit nicht fertig werden, muss ich mir jemand anderen für diese Aufgabe suchen.“ Ruthger Ward bedachte Andrew mit einem Blick, der nahelegte, wie ernst es ihm damit war.
„Sie wollen, dass Inspector Abberline und ich schweigen?“, fragte Andrew empört.
„Der Inspector weiß um die Problematik und hat sich mir gegenüber immer treu ergeben gezeigt. Sie, Andrew, werden mit diesem Fall auf die Probe gestellt. Es geht nicht nur um ihr Schweigen, sondern auch darum, ob sie bereit sind, das Nötige zu tun.“
Andrew wurde ganz anders. Ihm wurde langsam klar, worauf diese Unterredung hinauslief. „Wie definieren Sie das Nötige?“
„Wenn die Gefahr besteht, dass alles ans Licht kommt, müssen Sie es verhindern. Mister Corby ist ein wankelmütiger Verbündeter. Da dieser Fall so sehr mit dem Tod seiner Frau verflochten ist, macht ihn das nur unberechenbarer. Ich brauche Ihre Versicherung, dass Sie Mister Corby, sollte es zum äußersten kommen, ausschalten.“
Andrew wusste nicht, was er sagen sollte. Er löste Verbrechen, er beging sie nicht! Dennoch wusste er, dass der Commissioner in gewisser Weise recht hatte. Die Politik folgte ihrer eigenen Logik und in dieser gab es keinen Platz für richtig oder falsch. Es gab nur Interessen. Und die Interessen von Scotland Yard und die des Magiers waren nicht unbedingt immer dieselben.
„Sie haben meine Versicherung“, antwortete Abersteen schließlich.
„Ich bin froh, das zu hören“, der Commissioner schenkte ihm ein wohlwollendes Lächeln. „Ah, sehen Sie, da kommt unser Essen.“
Andrew tauschte einen Blick mit dem Inspector, der ihn zur Vorsicht gemahnte.
Anschließend sah er erleichtert dem Essen entgegen, bot es doch eine hervorragende Möglichkeit, in Ruhe über die Worte des Commissioners nachzudenken.