Bittere Schatten
Tag 1, Mittag
Aus der Ferne war ihr die Bergkette wie eine Antwort auf ihre Gebete erschienen, beinahe wie ein Märchen: Höhenzüge in Smaragdgrün und Kupfergold, die sich emporreckten, um mit dem Blau des Himmels zu verschmelzen.
Doch aus der Nähe war es ein Albtraum.
Das rechte Vorderrad ihres Autos drehte durch und ein Stakkato von hochgeschleuderten Steinen hämmerte gegen den Wagenboden. Der kleine Citroën rutschte ein Stück zur Seite, tiefer in die ausgewaschene Fahrspur hinein. Angéla umklammerte das Lenkrad, gab zögernd Gas: Die Reifen griffen erneut, das Fahrzeug schüttelte sich und fand auf dem Geröll etwas Halt.
»Wer biegt auch in so einer Gegend von der Hauptstraße ab?« Sie sagte es laut, einfach nur, um eine menschliche Stimme zu hören. »Ich hätte bloß weiterfahren müssen, dann wäre ich jetzt schon längst angekommen. Irgendwo.«
Das Wort auf dem Schild hatte so ähnlich ausgesehen wie ›Zlatana‹ – aber eben nur ähnlich. Sie war dumm gewesen. Mal wieder.
Und jetzt? Sie musste unbedingt die nächste Stadt erreichen. Aber die Straße war seit heute Morgen immer schlechter geworden, hatte sich aufgelöst: erst in ein Schotterband, dann zu zwei steinigen Furchen, die ohne Ende weiterführten, hinein in die Wildnis der Trascău-Berge.
Das Auto rutschte und bockte, quälte sich mit jaulendem Motor den nächsten Hang hinauf, bis es endlich die Kuppe erreichte. Mit einem Aufatmen ließ sie das Fahrzeug ausrollen und löste die verkrampften Hände.
Das Stück Weges vor ihr war um nichts besser als der Teil, der bereits hinter ihr lag. Sand, Geröll, kaum mehr als zwei ausgespülte Kerben. Rechts und links drängte sich Unterholz an die Fahrspuren, beschattet von den tiefhängenden Ästen der Bäume.
Überall lauerte Wald. Nichts als Wald. Ein finster wartendes Grün – in genau jenem Farbton, der auch große Bereiche auf ihrer Landkarte bedeckte. Sie lehnte den Kopf gegen die Nackenstütze, ließ den Blick wandern. Durch ein Seitenfenster. Durch die Frontscheibe und das andere Seitenfenster. Zum Rückspiegel. Ringsum war nichts zu sehen als das Schwanken der Zweige.
Sie öffnete die Verriegelung und drückte die Fahrzeugtür auf.
Kalte Luft schlug ihr entgegen. Sie strömte unterm Blätterdach hervor, trug mit sich den Geruch nach Harz und verrottendem Holz, so herb wie die Duftmarke eines Tieres. Sie spähte einen langen Moment ins Dickicht, warf dann die Autotür zu. Das Geräusch hallte zwischen den Baumstämmen. Irgendwo stoben ein paar Vögel auf. Dicke Äste krümmten sich über die Straße und oberhalb der Baumspitzen huschten dunkle Schatten vorüber. Sie sah ihnen nach – von oben musste das Fahrzeug aussehen wie ein verlorener blauer Käfer in einem Meer aus Grün.
»Nur kann dieser Käfer leider nicht fliegen.«
Sie dehnte den schmerzenden Rücken und horchte: Einige kleine Steine knirschten unter ihren Schuhsohlen. Zweige knarrten. Die Baumwipfel rauschten im Wind. Sonst war alles still; keine Motorengeräusche, kein Flugzeug am Himmel. Nicht einmal Vogelstimmen waren zu hören. Sie schaute den Weg entlang nach hinten, von wo sie gekommen war. Dort war nichts zu erkennen außer den zerrupften Vorhängen aus Tannengrün, die sich über die Straße neigten. Niemand folgte ihr.
Sie fröstelte. Wie spät mochte es sein? Die Uhr im Armaturenbrett war schon kaputt gewesen, als sie den Wagen letztes Jahr gekauft hatte. Kurz nachdem sie –
Sie zwang ihre Gedanken wieder in die Gegenwart. Die Uhrzeit war egal; das Tageslicht hielt sicher noch einige Stunden, genug um die nächste Stadt zu erreichen. Die Strecke zurück nach Bărlesti war jedenfalls zu lang, um sie vor Anbruch der Nacht zu bewältigen. Und die Tankanzeige – noch etwas, an das sie nicht denken wollte.
Vom Beifahrersitz zog sie ihren kleinen Rucksack herüber, fischte das Handy heraus. Ein einzelner Balken für die Signalstärke zitterte kurz – dann war er weg. Sie stopfte das Gerät zurück, holte stattdessen die Trinkflasche hervor und nahm einen Schluck; das Wasser war lauwarm und schmeckte nach Plastik.
Sie streckte sich noch einmal, fand in ihrer Jackentasche den letzten Rest Rosinenbrot vom Frühstück, biss ein Stück ab. Neben ihr im Gras landete ein kleiner, brauner Vogel, legte den Kopf schräg und schaute sie an. Sie warf ihm einen Brotkrümel hin, aber er stob erschrocken davon.
Mit einem Seufzen schob sie den Rucksack zurück ins Auto. Sie hatte eine halbe Scheibe Brot dabei und auf der Rückbank lag ihre Reisetasche; nicht sehr viel, um ein Leben neu aufzubauen.
Wie fremd jetzt alles war – noch vor vier Tagen hatte das Auto auf dem Boulevard vor ihrer Wohnung gestanden, eingeklemmt zwischen einem Müllcontainer und dem Zeitungsständer vor Didiers Kiosk – jetzt war Lyon weit weg.
Aber nicht weit genug.
Unwillkürlich rieb sie sich die linke Handfläche. Die Narben darin formten ein hässliches Muster, das hoffentlich bis zum Frühling verblassen würde. Nun, hier in der Berglandschaft Rumäniens würde niemand sie finden, sie wusste ja nicht einmal selbst, wo sie war. Im Unterholz knackte es. Ihr Kopf ruckte zur Seite: Nur Zweige, Büsche, die im Wind schwankten. Sie reckte sich noch ganz kurz und stieg dann schnell wieder ins Auto, ließ den Motor an. Irgendwo musste die Straße ja hinführen.