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Felicia Th. Grey

Bittere Schatten

Kapitel 4 - So leicht zu töten

Das Messer funkelte grell.
Viktor führte den Schleifstein mit langsamen, gewissenhaften Bewegungen, doch die angespannte Haltung seines Nackens verriet, dass ihm etwas im Kopf herumging.
Lucas wandte sich zum Spülbecken und wusch gründlich die letzten Kräuterreste aus der Tasse: Das Mädchen würde jetzt tief schlafen.
Der Alte räusperte sich. »Ähm, sag mal, fährst du morgen zum Sägewerke runter?«
»Hmhm.«
Das Geräusch von Stein an Metall … Fünfmal, sechsmal.
»Hm, du magst sie, oder?«
Er verharrte kurz, die tropfende Tasse in der Hand, dann stellte er sie vorsichtig ab. »Kann schon sein.«
Dreimal, viermal.
»Na ja, sie ist ganz hübsch.«
Einmal.
»Aber nur weil sie zufällig die erste Frau ist, die wir hier zu Besuch haben … Du kannst sie nicht einfach behalten, nur weil du sie im Wald gefunden hast.«
Er schloss die Augen. Welche Frau würde schon in diesem dunklen, kalten Gemäuer bleiben wollen. Noch dazu in seiner Gesellschaft?
»Also Junge, wie lange willst du noch warten, bevor du sie wegschickst?«
»Sie ist noch ziemlich schwach. Ein paar Tage noch.«
»Jeder Tag, der vergeht, macht die Lage schwieriger. Und gefährlicher. Sie kann nicht hierbleiben.« Der Schleifstein prallte auf den Tisch. »Ich habe gehört, dass da so ein Kerl unten im Dorf ist. Ausländer. Wollte im Magazin eine Straßenkarte kaufen. Sie haben Andreu geholt, weil keiner ihn verstehen konnte.«
Lucas Nackenhaare stellten sich auf.
»Na ja, vielleicht kann der das Mädchen mitnehmen.«
»Wer ist der Mann?«
Viktor zuckte die knochigen Schultern. »Das wusste Andreu auch nicht. Er sagt, der Fremde ist schwer zu verstehen. Spricht kaum Englisch. Vermutlich ist er Franzose.«
Kalte Wut kam heran wie eine Woge. Wieder sah Lucas den aufgewühlten Waldboden, Fetzen von Kleidung, eine zerrissene Buchseite im Wind.
Seine Hände spannten sich um den Rand des Waschbeckens, die klauenartigen Finger dunkel vor dem Metall. Er senkte den Kopf, rang um seine Beherrschung. Zwischen zusammengebissenen Zähnen presste er zwei Worte hervor: »Geh raus!«
Dem hastigen Scharren des Stuhls folgte einen Wimpernschlag später das Zuschlagen der Tür. Er hörte Viktors Schritte den Flur hinuntereilen, hörte ihr Echo in der Halle, konnte sie selbst die Treppe hinauf noch wahrnehmen.
Mit einer bewussten Anstrengung löste er seinen Griff und sank mitten in der Küche auf die Knie. Stöhnend verbarg er den Kopf in den Händen, schwankte vor und zurück.
Es wäre so leicht, dem Zorn nachzugeben. Nur ein kurzes Loslassen, und das Schicksal des Franzosen wäre besiegelt.
Er tastete nach dem silbernen Kreuz, das er unter dem Hemd trug. Seine Hände waren gefühllos. »Tatãl nostru – Vater unser, der du bist im Himmel.«
Der Fremde war eine Bedrohung.
»Geheiligt werde dein Name.«
Eine Gefahr für Angelica.
»Dein Reich komme, dein Wille geschehe.«
Nur ein Mensch.
»Führe mich nicht in Versuchung, sondern erlöse mich von dem Bösen.«
So leicht zu töten.