JADEDRACHE - Das Geheimnis des Admirals Zheng He
Caracas, Venezuela – Gegenwart
Die Luft war erfüllt von einem trüben Dunst, und die feuchtwarme Luft ließ die Kleidung am Körper kleben. Es roch nach einer Mischung aus salziger Meeresluft, städtischem Smog und heiß gewordenem Teer des Straßenbelags, über den sich das nie enden wollende Verkehrschaos von Caracas hinwegschob.
Vincent Baxter ging die Avenida Universidad entlang und schaute sich um. Er war nicht zum ersten Mal in der venezolanischen Küstenstadt, aber ihr pulsierendes Treiben beeindruckte ihn stets aufs Neue. An der Avenida Sur bog er ab und überquerte den Plaza El Venezolano, der wie eine grüne Oase in dem einheitlichen Grau der Betonwüste des Zentrums hervorstach. Am anderen Ende des Parks steuerte er eines der Straßencafés an. Seine Wahl fiel auf das Panorama Café, in dessen Außenbereich an diesem frühen Vormittag bereits ein paar Gäste saßen.
Touristen verirrten sich nicht sehr oft nach Caracas und noch viel seltener in diesen Teil der Stadt. Hier gab es nur wenige Sehenswürdigkeiten, die es verdient hätten, als Hintergrund auf den Selfies der Besucher verewigt zu werden. Bürokomplexe und Hochhäuser der Banken und international agierenden Firmen prägten das Bild dieses Stadtteils.
Vincent betrat den Außenbereich des Cafés und schaute sich um.
»Einen Tisch für zwei?«, fragte eine weibliche Stimme hinter ihm.
Er drehte sich um. Eine Kellnerin war lächelnd an ihn herangetreten. In einer Hand hielt sie eine Menükarte. Ihre saubere und fast schon blendende weiße Bluse, die sie in eine schwarze Stoffhose gesteckt hatte, wollte nicht so recht in diese dunstige Gegend passen.
Sie sah ihn mit freundlichen braunen Augen an. »Einen Tisch für zwei?«, wiederholte sie ihre Frage.
»Ich bin alleine«, antwortete Vincent.
Ihr Lächeln schien noch ein wenig breiter zu werden. »Frühstück oder Lunch?«, hakte die junge Frau nach.
»Weder noch. Ich möchte nur einen Tee trinken, wenn das möglich ist.« Vincent zeigte auf einen der Tische am Randbereich. »Außerdem wäre ich sehr verbunden, wenn ich hier draußen sitzen könnte.«
»Ah, Engländer?!«, konstatierte die Kellnerin mit einem Hauch Begeisterung in der Stimme.
»Was hat mich verraten?« Vincent erwiderte ihr Lächeln. »Der Tee?«
Aus ihrem Lächeln wurde ein amüsiertes Lachen. »Folgen Sie mir, bitte!«, sagte sie schließlich und machte eine einladende Geste. Sie führte ihn an den gewünschten Tisch und reichte ihm die Speisekarte. »Hier, falls Sie es sich doch anders überlegen möchten. Unsere Baked Beans sind vielleicht nicht so gut wie in England, aber ich kann sie trotzdem empfehlen.«
Vincent schaute sie an und meinte, mehr als nur Freundlichkeit in ihrem Blick zu sehen. »Vielen Dank! Ich werde es mir überlegen. Fürs Erste hätte ich gerne einen Earl Grey mit einem Schuss Milch.«
Sie nickte. »Kommt sofort.«
Vincent sah ihr kurz nach, bis eine wohlbekannte männliche Stimme sein rechtes Ohr erfüllte. »Haben wir jetzt genug geflirtet?«
Vincent hob den Kopf und schaute über die Straße. Er sah Luka Sefic in einem der anderen Cafés sitzen. Neben ihm saß Senija Anic, die ihre Augen hinter einer viel zu großen Sonnenbrille verborgen hielt und in ihrer Tasse rührte.
»Ich würde niemals bei der Arbeit flirten«, entgegnete Vincent. »Das wäre schließlich in höchstem Maße unprofessionell.« Vincent konnte auf diese Distanz das Gesicht des Kroaten nicht erkennen, aber er spürte förmlich dessen Gesichtsausdruck.
»Ach, komm schon, Vincent. Das würde dir mal ganz guttun«, kam auch prompt die Bestätigung.
»Da kann ich Luka ausnahmsweise beipflichten«, schaltete sich unerwartet Senija in das Gespräch ein.
Etwa ein Jahr war vergangen, seit die Ereignisse rund um die Jagd nach der Göttermaske ihre Gruppe zusammengeführt hatten. Nachdem der Milliardär Robert Bend die neue Abteilung FORCE innerhalb der Bend Corporation ausgerufen hatte, war das Team bei seinen Einsätzen rund um die Welt zusammengewachsen. FORCE, die Foundation for the Organization and Recovery of Cultural Exhibits, hatte seitdem rund ein halbes Dutzend Kulturgüter aufgespürt und gerettet. Gerettet traf es in diesem Fall ziemlich genau. Nicht selten hätte ein Scheitern ihrer Mission wahrscheinlich den dauerhaften Verlust des jeweiligen Artefakts bedeutet.
»Ich werde den Ratschlag beherzigen«, antwortete Vincent und gab dabei seiner Stimme einen sarkastischen Unterton.
»Ich unterbreche eure Plauderei nur ungern, aber der Wagen des Botschafters nähert sich eurer Position.« Es war die Stimme von Dominique Moreau, die Vincents Aufmerksamkeit zurückholte.
Die junge französische Computerspezialistin saß in diesem Moment mit den beiden Archäologen Francesca Bianchi und Salvatore Russo in der professionell eingerichteten Zentrale von FORCE auf dem Privatgrundstück von Robert Bend. Der Milliardär hatte eigens für ihre Gruppe einen der Gästeflügel seiner Villa in Venedig umbauen lassen. Das war naheliegend, da die meisten Teammitglieder ohnehin bereits in Venedig wohnten und Robert Bend gerne hautnah dabei war, wenn sich eine Mission ihrem Höhepunkt näherte.
»Ihr Tee«, unterbrach die Kellnerin Vincents Gedanken. »Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«
»Ich wüsste da etwas«, hörte Vincent Luka in seinem Ohr.
»Mon Dieu, Jungs! Dafür ist jetzt echt keine Zeit.« Dominique versuchte offenbar, streng zu klingen, was ihr mit ihrem französischen Akzent nur leidlich gelang.
»Vorerst nicht, vielen Dank. Ich melde mich, wenn ich etwas brauche.« Vincent schenkte der Kellnerin ein freundliches Lächeln und hoffte, damit das Thema für alle zu beenden.
»Ich nehme Sie beim Wort«, antwortete die junge Frau und zwinkerte dabei, bevor sie zurück ins Café ging.
»Der Wagen des Botschafters biegt gerade ein«, teilte Senija über Funk mit.
Vincent entdeckte die schwarze Mercedes-Limousine, die sich zielstrebig ihren Weg durch den dichten Verkehr bahnte.
Eduardo Garcia, der mexikanische Botschafter in Venezuela war nahezu pünktlich. Eine Eigenschaft, die Vincent eigentlich zu schätzen wusste – wäre da nicht der Umstand, dass der Botschafter heute hier war, um eine seltene goldene Azteken-Statue aus seinem Heimatland auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen.
Luka würde wahrscheinlich verschachern sagen, dachte Vincent. Auch wenn das nicht zu seinem üblichen Sprachgebrauch gehörte, so musste Vincent seinem kroatischen Freund in diesem Fall zustimmen.
Es war erst ein paar Tage her, dass Robert Bend von einem Museumsdirektor aus Mexico City kontaktiert worden war. Der Direktor hatte dem Milliardär mitgeteilt, dass sich der Botschafter illegal die Figur aus purem Aztekengold beschafft haben könne und sie nun im Ausland verkaufen wolle. Weder die Behörden von Mexiko noch von Venezuela zeigten großes Interesse daran, sich der Sache anzunehmen.
So kam FORCE ins Spiel. Lukas Recherchen bei einigen seiner ehemaligen Kontakten hatten ergeben, dass der Botschafter die Statue wahrscheinlich an einen russischen Geschäftsmann verkaufen wollte. Außerdem konnte der Kontakt eine vage Örtlichkeit nennen, weshalb sie sich heute hier eingefunden hatten.
Vincent erwartete nicht, dass der Kunde persönlich erscheinen würde. Üblicherweise behalfen sich derartige Kreise diverser Mittelsmänner, die das Geschäftliche abwickelten und den Transport organisierten. Aber ihnen ging es auch nicht darum, den Hintermännern habhaft zu werden. FORCE war schließlich keine Strafverfolgungsbehörde, sondern wollte in erster Linie die Artefakte retten. Um die beteiligten Personen kümmerten sich die zuständigen Behörden – oder eben nicht, wie man im aktuellen Fall sieht. Vincent schüttelte bei dem Gedanken verständnislos den Kopf.
Die schwarze Mercedes Benz S-Klasse kam direkt vor einem Bürogebäude an der östlichen Seite des Platzes zum Stehen. Der Beifahrer stieg aus und öffnete die hintere Tür.
»Es ist Garcia«, teilte Senija mit leiser Stimme mit. Sie und Luka saßen nur wenige Meter entfernt und hatten beste Sicht auf die Ankunft des Botschafters.
»Verstanden«, bestätigte Vincent. »Dominique, er geht auf die Hausnummer 12 zu, ein Bürokomplex. Kannst du versuchen, die Überwachungskameras zu hacken?«
»Das sollte kein Problem sein. Gib mir ein paar Sekunden.«
Vincent beobachtete aus der Ferne, wie der Botschafter eine der Türklingeln betätigte, woraufhin ihm einen Augenblick später geöffnet wurde.
»Dominique?« Vincent spürte einen Anflug von Spannung.
Es vergingen weitere zähe Sekunden, in denen der Funk still blieb.
»Ich habe es«, meldete Dominique schließlich. »Ich schicke euch die Bilder. Momentan steht der Botschafter mit seinem Bodyguard am Aufzug und wartet. Ich übernehme nun die Bildübertragung, damit ihr ihn immer im Blick habt.« Sie unterbrach sich kurz, ließ aber die Sprechtaste aktiviert, sodass das Klappern ihrer Tastatur zu hören war. »Im Aufzug werde ich wahrscheinlich noch ein Bild haben. Ob es allerdings weiter oben Kameras gibt, kann ich im Moment nicht sagen. Über den Server der Haustechnik konnte ich keine finden, aber ich bleibe dran.«
»Danke, Dominique. Senija, Luka, jetzt seid ihr dran.« Kaum hatte Vincent den Satz beendet, sah er, wie die beiden aufstanden und auf das Bürogebäude zugingen.
»Er betritt soeben den Aufzug«, erklang wieder Dominiques Stimme. »Er fährt in den 5. Stock.«
»Verstanden«, sagte Luka. Er und Senija waren am Eingang des Bürogebäudes angekommen. »Laut dem Schild neben der Tür handelt es sich um eine Rechtsanwaltskanzlei. Rechtsanwalt Viktor Akrokov, Steuer- und Wirtschaftsrecht.«
»Sollen wir bei der Kanzlei klingeln?«, fragte Senija.
»Besser nicht«, antwortet Luka. »Die werden kaum weitere Termine zur selben Zeit vereinbart haben. Dominique, kannst du uns helfen und die Tür öffnen?«
»Leider nein. Die Türöffnung ist analog und funktioniert nicht drahtlos, pardon.«
»Dann versuchen wir es mit der klassischen Methode.« Luka trat näher an das Tastenfeld und überflog die Beschriftungen. »Das hier ist doch vielversprechend.« Er drückte die Klingel der obersten Etage.
Einen Augenblick später, ertönte eine trällernde weibliche Stimme aus dem Lautsprecher: »Montalbano Beauty Clinic.«
»Schönen guten Tag«, sagte Luka in die Sprechanlage. »Entschuldigen Sie bitte, dass wir Sie so spontan überfallen. Wir wollten uns erkundigen, ob wir von Ihnen einen Info-Flyer oder eine Broschüre bekommen könnten. Meine Frau interessiert sich für eine Gesichtsstraffung insbesondere wegen ihrer Schlupflider.«
Senija boxte Luka fest gegen den Oberarm, konnte sich aber ein Schmunzeln nicht verkneifen. Auch Luka musste grinsen.
»Selbstverständlich!«, ertönte wieder die Stimme aus dem Lautsprecher. »Kommen Sie doch bitte nach oben.«
Der Türöffner summte und gab den Zutritt frei.
»Das zahle ich dir irgendwann heim, das ist dir doch hoffentlich klar?! Schlupflider, also wirklich …«, murmelte Senija und trat ins Treppenhaus. Ihr Schmunzeln war noch nicht verschwunden.
»Das sagst du jedes Mal«, entgegnete Luka und zwinkerte ihr zu.
Er erinnerte sich an ihre erste Begegnung vor etwas mehr als einem Jahr im archäologischen Museum in Zadar, wo Senija als stellvertretende wissenschaftliche Leiterin gearbeitet hatte. Luka jagte damals im Auftrag der kroatischen Generalstaatsanwaltschaft den bosnischen Mafiaboss Danko Vladic. Eine Spur hatte ihn in die kroatische Küstenstadt geführt. Anfänglich war Lukas und Senijas Verhältnis angespannt gewesen, aber das hatte sich schnell geändert. Ihre gemeinsamen Abenteuer hatten sie zu einem Team werden lassen. Wenn es nach Luka ginge, wären sie sogar noch mehr als das – bislang war das aber kein Thema zwischen ihnen. Luka schaute Senija hinterher, während sie vor ihm die Treppe hinaufging. Aber wer weiß schon, was noch kommt?
»Hier ist die Tür.« Senijas Feststellung holte Luka aus seinen Gedanken zurück.
Sie standen vor dem Eingang der Rechtsanwaltskanzlei.
Luka ließ seinen Blick über die Etage wandern. Es war das einzige Büro auf dieser Ebene. »Und was machen wir jetzt?«
»Ich würde sagen, das, was wir meistens machen: improvisieren.« Sie läutete.
Luka schaute sie mit großen Augen an. Eine Weile passierte nichts, weshalb Senija nochmals die Klingel betätigte. Plötzlich waren energische Schritte zu hören.
In dem Moment, als die Tür geöffnet wurde, drehte sich Senija zu Luka. »Ich habe jetzt echt genug von dir!«, schrie sie ihn an. »Irgendwann ist es genug. Und dieses ›irgendwann‹ ist jetzt!«
Luka starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an und war unfähig, etwas darauf zu erwidern.
»Schau mich nicht so an!«, fuhr Senija ihn mit lauter Stimme an. »Ich habe dir bereits gesagt, dass dieser Moment kommen wird, wenn du dich nicht endlich änderst.«
»Würden Sie mir bitte sagen, was Sie hier suchen und was das ganze Geschrei soll?«, unterbrach sie der Mann in der Tür, sichtlich um Höflichkeit bemüht.
»Ich will mich scheiden lassen.« Senija schluchzte und trat unaufgefordert an dem Mann vorbei in die Kanzlei.
Bei Luka fiel der Groschen. Er folgte Senija hinein. »Liebling, ich habe dir doch gesagt, dass es mir leidtut.«
»Ach, hör mir bloß auf damit.« Sie hob abwehrend die Hand und wandte sich dem Mann zu. »Ich will die Scheidung und brauche einen Anwalt. Wissen Sie … die ganzen Affären hätte ich ihm ja noch verzeihen können. Aber erst vor Kurzem hat er mich alt und hässlich genannt.« Sie zeigte vorwurfsvoll auf Luka. »Sogar operieren sollte ich mich lassen. Ein Facelifting. Hat man da noch Worte?«
Die Retoure kam schneller als erwartet, dachte Luka. Senija war gut, richtig gut! Luka zog innerlich den Hut vor ihr.
»Aber Liebling«, flehte er und machte einen Schritt auf sie zu, doch Senija trat weiter zurück.
»Nun«, begann der Mann, »es tut mir wirklich leid, das zu hören, aber ich muss Sie enttäuschen. Ich bin kein Anwalt für Scheidungsrecht. Außerdem habe ich keine Zeit für Sie und …«, er schaute Luka abschätzig an, »… Ihren Gatten.«
Plötzlich wurde die Tür zu einem der Büros geöffnet. Zwei Männer traten heraus, die Luka sofort als den Botschafter und dessen Leibwächter identifizierte.
»Was ist denn hier los?«, fragte der Botschafter sichtlich aufgebracht. »Senior Akrokov, ich bin hier, um ein Geschäft abzuwickeln. Zeit ist Geld.« Er tippte auf das Glas seiner Armbanduhr. »Wenn ich Sie also bitten dürfte?!«
»Sofort, Herr –«
»Keine Namen!«, unterbrach ihn der Botschafter harsch.
Der Anwalt erschrak. »Sie haben natürlich recht. Entschuldigen Sie bitte die Unterbrechung.« Weit weniger höflich wandte er sich an Senija und Luka: »Sie beide verlassen jetzt augenblicklich meine Kanzlei, haben Sie verstanden?«
Senija sah zu Luka.
Er verstand. Sie mussten jetzt handeln, eine zweite Chance würden sie so schnell nicht bekommen. Was den Botschafter anging, hatten sie so etwas wie die stillschweigende Zustimmung der mexikanischen Regierung. Bei einem russischen Käufer, der einen russischen Anwalt mit einem Büro in Venezuela beschäftigte, würden die betreffenden Regierungen wahrscheinlich nicht so nachsichtig mit ihnen sein. Sie sollten sich also die Statue schnappen, bevor sie den Besitzer wechselte.
»Wir können leider noch nicht gehen«, sagte Luka und trat dabei zwei weitere Schritte in den Empfangsbereich der Kanzlei.
Rechtsanwalt Akrokov blickte ihn mit einer Mischung aus Überraschung und Zorn an. »Was … was soll das?«
»Botschafter Garcia hat etwas bei sich, das er nicht besitzen dürfte. Wir sind hier, um es den rechtmäßigen Eigentümern zurückzubringen.« Luka sah den Botschafter eindringlich an. »Ich denke, Ihre Regierung wird nicht viel davon halten, dass Sie landeseigenes Kulturgut verschachern. Sie sollten uns also dankbar sein.«
Dem Botschafter stand für einen Moment die Überraschung ins Gesicht geschrieben. Dann fing er sich und lachte laut auf. »Wer sind Sie, junger Mann?«, fragte er. »FBI? CIA? Ich bin Botschafter und genieße diplomatische Immunität. Sie können mir nichts tun, das wissen Sie sicher. Und jetzt: Machen Sie, dass Sie hier verschwinden.«
In diesem Moment sprang der Leibwächter nach vorn und warf sich gegen Luka. Der taumelte seitwärts und prallte gegen den Anwalt, der über einen der Wartestühle stolperte und stürzte. Dabei stieß er hart gegen einen Tisch, auf dem ein paar Zeitschriften lagen. Benommen blieb er am Boden liegen und stöhnte.
Luka fand derweil sein Gleichgewicht wieder. Er sprang dem Leibwächter entgegen und stieß ihn mit voller Wucht gegen die Garderobe. Aus dem Augenwinkel bemerkte Luka, wie der Botschafter zurück in das Büro eilte. »Senija, der Botschafter! Die Statue, schnell! Ich kümmere mich um den hier.« Kaum hatte er das letzte Wort ausgesprochen, traf ihn beinahe ein Faustschlag des Bodyguards im Gesicht. Gerade rechtzeitig konnte er ausweichen.
Senija zögerte keine Sekunde. Sie eilte durch den Empfangsbereich und betrat den offen stehenden Büroraum. Dort war der Botschafter gerade dabei, die Statue in einem Koffer zu verstauen. Als Garcia sie bemerkte, packte er den Koffer und klemmte ihn sich unter den Arm.
»Sie machen es nur noch schlimmer!«, rief Senija quer durch den Raum. Dabei hob sie beschwichtigend die Hände. »Geben Sie mir den Koffer und wir verschwinden. Von uns haben Sie dann keine Konsequenzen zu befürchten.«
»Señorita, wir werden noch sehen, für wen das Ganze Konsequenzen haben wird. Und jetzt: Gehen Sie mir aus dem Weg!« Er machte einen Schritt nach vorne und wollte sich an Senija vorbeidrängen.
Sie stemmte einen Arm gegen den Türrahmen und hielt ihn zurück. »Ich sage es Ihnen noch einmal höflich: Geben Sie mir den Koffer!«
»Jetzt reicht es mir! Aus dem Weg, du Schla–«.
Senija schlug ihm so kräftig mit der Faust ins Gesicht, dass er den Satz nicht beenden konnte. Grunzend taumelte er zwei Schritte zurück. Dabei ließ er den Koffer fallen und hielt sich beide Hände vor die Nase.
Senija hechtete vor, griff sich den Koffer und rannte aus dem Büro.
Im Empfangsbereich kämpfte noch immer Luka mit dem Leibwächter. Beide Männer lagen am Boden und wälzten sich in einem Ringkampf. Der Rechtsanwalt hatte sich inzwischen in eine Ecke des Foyers zurückgezogen und hielt sich benommen den Kopf.
Senija hörte hinter sich den Botschafter fluchen. Offensichtlich hatte er den ersten Schmerz überwunden. Sie sprang über Luka und den Leibwächter hinweg. »Ich habe die Statue!«, rief sie. »Hör auf, rumzualbern, und komm!« Damit stürzte sie aus der Kanzlei ins Treppenhaus.
Eine Etage tiefer hörte sie schnelle Schritte hinter sich. Mit einem Blick nach oben stellte sie erschrocken fest, dass ihr nicht Luka, sondern der Botschafter folgte. Der ältere Mann war überraschend fit und holte mit jedem Treppenabsatz weiter auf. Seine blutende Nase schien ihn nicht zu behindern – im Gegenteil. Offenbar trieb ihn die Wut auf Senija regelrecht an.
»Vincent«, keuchte sie in den Funk. »Ich habe die Statue und bin auf dem Weg nach draußen.« Sie sprang mehrere Stufen hinab und zog sich am Geländer um die Kurve in die nächste Etage. Noch drei Stockwerke, dachte sie. »Ich könnte ein wenig Hilfe gebrauchen.«
»Verstanden«, gab Vincent knapp zurück.
Noch zwei. Senija glaubte, den Atem des Botschafters direkt hinter sich zu spüren. Es war, als würde sich die Hitze seiner Wut in ihren Nacken fressen wollen. Plötzlich packte sie eine Hand an der Schulter und hielt sie zurück.
»Hab ich dich, du Schlampe«, zischte der Botschafter, als er sie herumwirbelte und an die Wand drückte.
Senija flogen dabei Tropfen aus Schweiß und Speichel entgegen. Angewidert drehte sie den Kopf zur Seite.
»Gib mir den Koffer, sonst –«
Senija riss ein Knie in die Höhe, traf den Botschafter direkt in dessen Weichteile und unterbrach damit wirkungsvoll seinen Satz.
Er jaulte auf, seine Augen wurden von einem Moment auf den nächsten glasig und er krümmte sich nach vorne. Allerdings ließ er Senija nicht los. Sie schob, drückte und schlug gegen den Kopf des Botschafters. Garcia versuchte, gegen sie anzukämpfen, war aber durch den Schmerz offenbar nicht vollständig dazu in der Lage. Mit aller Kraft stieß sich Senija von der Wand ab und drückte ihn von sich weg. Der Botschafter taumelte einen Schritt zurück und sie war frei.
Sofort klemmte sie sich den Koffer fester unter ihre Arme und sprintete die Treppe hinunter. Aber Garcia wollte wohl nicht aufgeben. Er setzte sofort nach und für Senija klang es, als wäre er nur wenige Zentimeter hinter ihr.
Die letzte Etage. Sie erreichte den untersten Absatz und sah bereits den Ausgang vor sich. Ihre Beine brannten, ihr Herz hämmerte, aber das Keuchen und Fluchen des Botschafters direkt hinter ihr ließen sie ihre letzten Kräfte mobilisieren. Sie erreichte das Erdgeschoss und eilte auf die rettende Tür ins Freie zu.
»Verstanden.« Noch während Vincent die Antwort per Funk durchgab, sprang er von seinem Platz auf.
Die Kellnerin stand gerade an einem der Nachbartische und sah ihn überrascht an.
»Ich bin in einer Sekunde zurück«, erklärte er mit einem charmanten Lächeln. »Wären Sie so nett und würden mir in der Zwischenzeit die Rechnung fertigmachen?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte er los. Er sprintete über den Platz auf das Bürogebäude zu. Gerade in dem Moment, als er den Eingang erreichte und sich seitlich davon positionierte, wurde die Tür aufgerissen und Senija stürmte heraus. Kaum hatte sie ihn passiert, trat Vincent einen Schritt vor. Er stellte sich dem Botschafter direkt in den Weg. Der kam mit weit aufgerissenen Augen und Überraschung im Blick auf ihn zu gerannt. Noch bevor er stoppen oder anderweitig reagieren konnte, riss Vincent einen Arm in die Höhe und hieb ihn gegen den Brustkorb des Botschafters.
Wie von einer sich schließenden Schranke getroffen, wurde der Botschafter gestoppt und zu Boden geschlagen. Mit einem Aufschrei, der abrupt in ein gequältes und schmerzerfülltes Stöhnen überging, schlug Garcia hart auf dem Rücken auf. Gekrümmt und jammernd blieb er liegen.
Vincent wandte sich an Senija. »Alles in Ordnung?«
Sie nickte völlig außer Atem.
»Wo ist Luka?«
»Ich bin hier«, vernahm Vincent die Stimme seines Freundes hinter sich, der in diesem Moment aus dem Gebäude joggte.
»Ist alles okay?«, fragte Senija, die langsam zu Atem kam. »Was ist mit dem Bodyguard?«
»Der ruht sich oben ein wenig aus«, war Lukas Antwort, begleitet von dem typischen Grinsen des Kroaten.
»Das werden Sie noch bereuen«, keuchte der Botschafter vom Boden. »Ich genieße diplomatische Immunität.«
»Nicht mehr!«, hörte Vincent eine strenge weibliche Stimme hinter sich.
Er fuhr herum. Es war die Kellnerin aus dem Straßencafé. Sie hatte eine Ausweismappe mit goldener Marke um den Hals hängen und war in Begleitung von zwei uniformierten Polizisten.
»Eva Mendoza vom venezolanischen Büro Interpols. Ich bin hier, da uns die mexikanische Regierung um Unterstützung gebeten hat.« Sie beugte sich über den Botschafter. »Señor Garcia, Mexiko hat Ihnen den diplomatischen Status entzogen. Venezuela erkennt Ihren Status somit nicht länger an. Außerdem wurde ein internationaler Haftbefehl gegen Sie erlassen.« Sie wandte sich an die beiden uniformierten Beamten. »Festnehmen! Bringen Sie ihn ins Office – ich komme gleich nach.«
Die Beamten salutierten zackig, hoben Garcia auf die Beine und führten ihn ab.
Mendoza schaute zu Senija, die noch immer den Koffer mit der Statue umklammert hielt. »Mein Auftrag umfasst auch die Rückführung der Statue.« Sie zeigte auf den Koffer.
Senija sah abwechselnd von Luka zu Vincent. Vincent nickte schließlich. Mit offensichtlichem Widerwillen händigte Senija den Koffer an Mendoza aus.
»Danke, stellvertretend auch im Namen der Regierung von Mexiko.«
»Sie haben uns also die ganze Arbeit machen lassen?«, fragte Luka. »Wir haben doch beide Regierungen informiert. Warum haben die sich nicht selbst darum gekümmert, wenn es ihnen so wichtig ist?« Luka war hörbar ungehalten.
Mendoza blieb ruhig. »Das wäre aus mehreren Gründen nicht so einfach gewesen. Mexiko befürchtete, dass russische Interessen betroffen sein könnten. Diese Sorge hatten wir auch. Außerdem hätten wir einem Einsatz der mexikanischen Beörden in Venezuela nicht zugestimmt. Zuletzt war es zudem eine Zeitfrage – ich selbst bekam den Auftrag erst gestern. Daher wurde von allen Seiten meinem Vorschlag zugestimmt, Sie einfach machen zu lassen und erst in einem günstigen Moment einzugreifen.«
Luka schnaubte, sagte aber nichts weiter.
»Na ja, am Ende hätten wir die Statue ohnehin an Mexiko zurückgegeben«, erklärte Vincent.
Eva Mendoza nickte anerkennend.
»Aber uns wären einige blaue Flecken erspart geblieben, wenn die sich selbst darum gekümmert hätten«, gab Luka zu bedenken.
Mendoza ließ die Aussage unkommentiert und wandte sich an Vincent. »Ich hoffe, Sie verzeihen mir mein kleines Schauspiel vorhin. Mir erschien es so am unauffälligsten.«
»Ich werde es überleben. Wenngleich ich mich einer gewissen Enttäuschung nicht erwehren kann.«
Sie lächelte. »Das ist nicht angebracht. Ein Gangster wird seiner Strafe zugeführt, die Statue kehrt wohlbehalten nach Hause zurück und ich habe bereits Ihren Tee bezahlt.« Sie kramte einen Zettel aus der Hosentasche. »Hier, Ihre Quittung.« Sie schaute kurz alle nacheinander an. »Jetzt muss ich los. Es war mir eine Freude.« Sie machte auf dem Absatz kehrt und hielt auf einen am Straßenrand geparkten Wagen zu. Zehn Sekunden später war sie verschwunden.
»Ich bin gespannt, was Robert dazu sagen wird«, sagte Luka und ging ebenfalls. Senija folgte ihm.
Vincent schaute auf die Quittung. Unter der Summe stand handschriftlich der Name von Eva Mendoza und darunter eine Telefonnummer – daneben ein kleines gemaltes Herz.