JADEDRACHE - Das Geheimnis des Admirals Zheng He
Hongkong, Sonderverwaltungszone Volksrepublik China – Gegenwart
»Sind Sie sicher, dass Sie hier aussteigen wollen?« Der Blick des Taxifahrers im Rückspiegel zeugte von Skepsis.
Sie sah kurz aus dem Fenster, bevor sie antwortete. »Absolut. Was macht das?«
Der Taxifahrer zog eine Augenbraue hoch. Einen Moment später zuckte er verständnislos mit den Schultern. »Wie Sie meinen. Das macht fünfundachtzig Dollar.«
Sie kramte ein Bündel Geldscheine aus ihrer Hosentasche, zog zwei Scheine heraus und reichte sie nach vorne. »Stimmt so.«
»Soll ich Sie später abholen?«
Sie meinte, so etwas wie echte Sorge in seiner Frage zu hören. »Das wird nicht nötig sein, vielen Dank.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete sie die Tür und stieg aus. Kaum dass sie auf den Gehsteig getreten war, hörte sie hinter sich, wie das Taxi davonfuhr.
Sie schaute ihm nicht nach, zu sehr war sie von der Kulisse vor sich eingenommen. Wie gebannt starrte sie auf die unzähligen Reklametafeln, die ihr vornehmlich in pinken, blauen und gelben Neonfarben entgegenstrahlten und die Nacht über der Stadt erhellten. Begleitet wurden diese optischen Reize von einer durchdringenden Geräuschkulisse aus einem Stimmengewirr und Musik, die an die Videospielhallen der Achtziger- und frühen Neunzigerjahre erinnerte. Alles wirkte auf sie so hell, so laut, so künstlich …
Eine Gruppe aus drei Männern in teuren Anzügen, die von mehreren Damen in aufreizender Abendgarderobe begleitet wurden, kam ihr entgegen. Während die Männer sie teilweise abschätzend und lüstern anschauten, waren die Blicke der Frauen weit weniger wohlwollend.
Hier war sie also nun: Mitten in der Portland Street in Kowloon, einem der berüchtigten Rotlichtviertel Hongkongs.
Sie warf einen Blick auf das Display ihres Smartphones. Die Navigations-App zeigte ihr den Weg zum Ziel an. Aufmerksam schaute sie sich nach allen Seiten um, orientierte sich und ging los. Sie schwenkte in eine breite Gasse ein und fühlte sich, als würde die Umgebung sie augenblicklich verschlucken. Die Musik wurde lauter und wechselte vor jedem Etablissement die Melodie. Unweigerlich wurde sie an die Jahrmärkte erinnert, die sie in Europa kennengelernt hatte. Schrille Geräusche und hektisch blinkende Lichter machten es nahezu unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Leicht bekleidete Damen an den Eingängen der Bars und Clubs versuchten das zu nutzen. Immer wieder gelang es ihnen, die flanierende – meist männliche – Kundschaft in einen dieser überteuerten Läden zu locken.
Für sie selbst hatten die Damen allerdings nur wütende Blicke und die eine oder andere Beschimpfung übrig. Gut, sie war nicht besonders sexy gekleidet mit ihrer Jeans und dem einfachen T-Shirt. Aber mit ihren neunundzwanzig Jahren, ihren europäisch-asiatischen Gesichtszügen und ihrer schlanken Figur, machte sie dennoch einen passablen Eindruck. Manche nannten sie sogar hübsch. Ihr selbst fiel das nicht einmal auf – und wenn doch, war es ihr schlicht egal. Es gab für sie Wichtigeres im Leben.
Sie bog in eine andere Gasse ein, die sich kaum von der vorherigen unterschied. Die gleichen Lichter, die gleiche Musik, die gleiche Art von Menschen erwarteten sie hier.
Vor einer der Bars blieb sie stehen. Mit einem Blick auf ihr Smartphone vergewisserte sie sich, dass es die richtige Adresse war. Sie schaute die Fassade hinauf, an der ein stilisierter Tigerkopf aus grell leuchtenden, gelben Neonröhren angebracht war. Darunter blinkte in neonpinker Schrift der Name des Clubs: Little Tiger Club.
Sie steckte ihr Smartphone weg und ging auf den Eingang zu. Das aufgesetzte Lachen und Kichern der Animierdamen erstarb, als sie an ihnen vorbeiging. Zwei der Frauen tuschelten etwas, das sie nicht verstand. Sie ließ sich davon nicht beirren und hielt auf den Eingang zu.
Erst der Türsteher stoppte ihren Weg. »Wohin soll’s denn gehen?«, fragte er und baute sich vor ihr auf. Er war für einen Chinesen riesig – geradezu ein Berg aus Fleisch und Fett. Seine Glatze verlieh ihm etwas von einem dicken buddhistischen Mönch in einem viel zu engen T-Shirt.
Sie musste ihren Kopf in den Nacken legen, um mit ihm zu sprechen. »Ich möchte zu deinem Boss.«
Er schmunzelte, was ihn für eine Sekunde fast schon freundlich wirken ließ, dann schaute er an ihr herab. »Momentan vergeben wir keine Jobs.« Er lachte laut auf, als hätte er den besten Witz des Jahres erzählt.
Sie wartete geduldig, bis er sich beruhigt hatte. »Hör zu, mein Großer. Ich möchte mit Qiang Chen sprechen. Es geht um ein wichtiges Geschäft und ich wurde angekündigt.«
Die amüsierte Miene des Türstehers wich einer Mischung aus Langeweile und Verachtung. »Was für ein Geschäft würde Mr. Chen mit dir schon machen? Außer …« Er trat einen Schritt vor und strich ihr mit der Rückseite des Zeigefingers über die Wange.
Sie griff blitzschnell zu, umfasste den Finger und knickte ihn zur Seite.
Der Mann schrie auf und fiel abrupt auf die Knie. Die anwesenden Animierdamen riefen wild durcheinander. Die, die dem Eingang am nächsten stand, rannte in den Club, was in ihren Pumps ungelenk aussah.
Sie schaute auf den Türsteher hinab, der ihr nur noch bis zur Brust reichte. »Nicht anfassen!«, sagte sie betont langsam, den Finger weiter fest im Griff.
Der Mann nickte eilig, begleitet von einem schmerzerfüllten Jammern. Tränen standen in seinen Augen.
»Ich werde dich jetzt loslassen. Ich möchte dich bitten, dich ab jetzt höflicher mir gegenüber zu verhalten.«
Er nickte wieder.
Sie löste den Griff. Sofort zog er die Hand zurück und begutachtete seinen Finger, der auf den ersten Blick intakt aussah. Danach funkelte er sie an. Wut hatte den Schmerz in seinen Augen verdrängt. Wie ein wild gewordener Bär richtete er sich auf.
So viel dazu, dachte sie, trat einen Schritt zurück und nahm beide Fäuste hoch.
Der Türsteher verharrte einen Moment verunsichert. Dann schnaubte er verächtlich und zog ein Messer hinter seinem Rücken hervor.
Sie wich zwei weitere Schritte zurück.
»Du willst zu meinem Boss? Ich werde dich ihm in Scheibchen geschnitten vor die Füße legen.« Dann stürmte er nach vorn.
»Halt!«, ertönte eine männliche Stimme.
Im Eingang des Clubs war ein Chinese aufgetaucht. Neben ihm stand die Animierdame, die kurz zuvor hinein gelaufen war.
Sie überlegte, ob das Chen sein konnte. Der Chinese trug einen sündhaft teuren, maßgeschneiderten Anzug und verfügte offensichtlich über genügend Autorität, dass der Türsteher sich vor ihm verneigte. Aber nach allem, was sie über Qiang Chen wusste, war dieser Mann hier mit seinen höchstens Mitte dreißig gut und gerne fünfzehn Jahre zu jung. Seine Erscheinung, nicht zuletzt durch seine akkurat zur Seite frisierten Haare, verlieh ihm eine vornehme, fast schon aristokratische Aura, die einen gewisse Distanziertheit vermittelte. Sie kannte solche Männer nur allzu gut.
Es verging ein langer Moment, in dem der Fremde sie eindringlich musterte. Schließlich nickte er. »Willkommen im Little Tiger Club. Mr. Chen erwartet Sie bereits.«
Sie zögerte. »Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?«
Er lächelte. »Sie dürfen! Mein Name ist Tao Lee. Ich bin so etwas wie …«, er zögerte und schien nach den richtigen Worten zu suchen, »… ein Concierge. Ich regele Dinge für Mr. Chen.«
Sie zog eine Augenbraue hoch. »So, Dinge also?!«
Er ging nicht darauf ein. »Wenn ich Sie nun bitten dürfte?« Er machte eine einladende Geste zum Eingang.
Mit einem letzten Blick auf den Türsteher, dessen Wut noch immer unter der Oberfläche zu brodeln schien, setzte sie sich in Bewegung und folgte Lee.
Im Club schlug ihr eine feuchtwarme Mischung aus süßlichem Parfüm, frischem Schweiß und Zigarettenqualm entgegen. Ein DJ stand hinter seinem Mischpult und hielt sich einen überdimensionierten Kopfhörer an ein Ohr. Die Bassstöße der elektronischen Musik erfüllten den Raum, als wollten sie sich direkt in den Körper hämmern. Die Wände waren in grell pinkes und blaues Licht getaucht, das mit Schwarzlicht vermengt war – wie sie an den neonfarbenen Lippen und Augenlidern der anwesenden Frauen auf den Tanzpodesten und Sitzgruppen erkannte. Die Damen und ihre männliche Kundschaft nahmen kaum Notiz von ihr.
Tao Lee steuerte sie zielstrebig zwischen den Tischen und Sitzgruppen hindurch. Neben der Bar hielt er auf die Treppe zu, an deren Fuß ein weiterer Türsteher postiert war. Als er Lee sah, verbeugte er sich und machte wortlos den Weg frei. Lee bedeutete ihr, ihm zu folgen.
Der Treppenaufgang endete vor einer Tür. Auch wenn sie unscheinbar aussah, fielen ihr sofort die beiden Kameras an der Decke auf, die offensichtlich die Treppe und den Flur beobachteten.
Lee klopfte an. Einen Augenblick später ertönte ein Türsummer und entriegelte das Schloss.
»Bitte, treten Sie ein«, bat Lee, während er ihr die Tür aufhielt.
Sie versuchte, möglichst selbstbewusst zu wirken, und schritt mit erhobenem Kopf an ihm vorbei. In ihrem Innern machten sich allerdings immer mehr Zweifel breit, ob das alles wirklich so eine gute Idee war. Vielleicht hätte sie nicht alleine kommen sollen oder wenigstens jemandem Bescheid geben, wo sie … Hinter ihr fiel die Tür ins Schloss. Ohne es zu wollen, zuckte sie zusammen, widerstand aber dem Verlangen, sich umzudrehen und das Weite zu suchen.
In dem Raum war es deutlich leiser. Die Musik und das Stimmengewirr drangen nur gedämpft herein. Das Licht war gedimmt und stammte größtenteils von der Lampe auf dem Schreibtisch, der in der Mitte des Raumes stand und nahezu dessen gesamte Breite ausfüllte. An den Wänden hingen Monitore, die das Geschehen im Club aus jeder erdenklichen Perspektive zeigten.
»Miss Zhao, nicht so schüchtern. Treten Sie näher.« Das Gesicht des Mannes, der am Schreibtisch saß und zu ihr sprach, lag im Schatten. Sie wusste allerdings sehr genau, wen sie vor sich hatte.
Qiang Chen – oder auch Schwarzer Tiger genannt – war das Oberhaupt des größten Triaden-Clans in Hongkong und Macao. Seine Macht reichte zudem weit über deren Grenzen hinaus. Auch auf dem chinesischen Festland, Malaysia, Singapur und sogar in Australien sowie den Vereinigten Staaten gab es Ableger seines Clans.
»Ich bin durchaus nicht schüchtern«, entgegnete sie und machte zwei Schritte auf den Schreibtisch zu.
Chen lachte. »Das schätze ich bei einer Frau.«
Das glaube ich sofort, dachte sie, beließ es aber dabei. »Ich hörte, man kann mit Ihnen Geschäfte machen«, sagte sie stattdessen.
»So, hörten Sie das?« Seine anfängliche Heiterkeit verflüchtigte sich hörbar – wenngleich die ohnehin nur aufgesetzt gewirkt hatte. »Wer sagt denn so etwas? Ihr Reiseführer?« Die gespielte Heiterkeit war zurück und Chen lachte auf.
Auch im Hintergrund lachten Männer, die sie bislang nicht bemerkt hatte.
»Ich dachte, ich würde Sie alleine treffen …?!«
Die Zimmerbeleuchtung wurde heller. Jetzt erkannte sie im Hintergrund die zwei Bodyguards, die sich zu beiden Seiten hinter Chen aufgestellt hatten.
»Lassen Sie sich von meinen Mitarbeitern nicht stören. Sie sind lediglich für unser beider Schutz hier.«
Sie überlegte, wie sie diesen Satz interpretieren oder darauf reagieren sollte. »Brauche ich denn Schutz?«, fragte sie schließlich.
Chen legte beide Hände übereinander auf die Schreibtischplatte. »Wenn es nach mir geht, nicht.«
Sie hatte keine Lust mehr auf Spielchen und kam zum Punkt. »Ich bin gekommen, weil ich etwas kaufen möchte. Etwas, von dem ich weiß, dass es seit einiger Zeit in Ihrem Besitz ist.«
»Nun, es gibt viele Dinge, die in meinem Besitz sind. Sie müssen schon konkreter werden.«
Sie machte einen weiteren Schritt an den Schreibtisch heran. »Ich interessiere mich für die kaiserliche Medaille des Hongxi.«
Stille erfüllte den Raum. Sie versuchte, in Chens Gesicht zu lesen, aber die fleischigen Gesichtszüge des Mannes zeigten keinerlei Regung.
Schließlich lehnte er sich zurück und verschränkte die Hände auf seinem runden Bauch. »Ein interessanter Wunsch«, kommentierte er.
Sie entschied, nichts zu sagen und ihn stattdessen seine Gedanken weiterverfolgen zu lassen.
»Ein wirklich interessanter Wunsch«, wiederholte Chen nach einer Weile. »Wie kommen Sie darauf, dass Sie bei mir an der richtigen Stelle sind?«
Gekonnt den Ball zurückgespielt, dachte sie mit einem Anflug von Anerkennung. »Die Leute reden«, antwortete sie knapp.
»Zu viel, wie mir scheint.«
Sie erkannte den Hauch der Unzufriedenheit in der Aussage.
»Sei es drum«, fuhr er fort. »Die Medaille ist nicht zu verkaufen.«
»Aber … warum? Ich kann Ihnen –«
»Was wollen Sie mit der Medaille?«, unterbrach Chen sie.
Sie zögerte. Eigentlich war ihr Plan, herzukommen, ein Bündel Geldscheine auf den Tisch zu legen und mit der Medaille zu verschwinden. Rein und raus – ganz einfach! Sie überlegte, was sie dem Triaden-Oberhaupt preisgeben wollte und was er vielleicht schon wusste. »Sie wird für wissenschaftliche Zwecke gebraucht«, begann sie vage. »Ich schreibe eine Arbeit über Hongxi.«
»Soso … über den Kaiser also. Ich verstehe.« Er beugte sich nach vorn und legte seine gefalteten Hände und die Unterarme auf dem Tisch ab. »Oder geht es vielleicht um dessen Admiral?«
Also weiß er doch Bescheid! Sie erstarrte. »Ich … ich weiß nicht, was Sie –«
Chen hob die Hand und schnitt ihr damit das Wort ab. »Bitte, keine Lügen! Sie wissen, wer ich bin.«
Sie nickte stumm.
Er ließ einen Moment verstreichen, bevor er fortfuhr. »Weil alles gerecht zugehen soll, weiß ich natürlich auch, wer Sie sind, Ms. Zhao – oder soll ich Sie doch besser Michelle Wang nennen? Tochter des Multimilliardärs Andrew Wang?«
Michelle zuckte zusammen. »Woher …?«
»Ich bitte Sie. Glauben Sie, in Hongkong passiert etwas, ohne dass ich das mitbekomme? Erst recht, wenn es darum geht, dass die Tochter des einflussreichsten Unternehmers Asiens in meiner Stadt zu Gast ist?« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Kommen wir zurück zu Ihrem Anliegen. Ich könnte mir unter gewissen Umständen eine Zusammenarbeit vorstellen.«
Michelles Misstrauen schwoll explosionsartig an. »Wenn Sie Geld von meinem Vater wollen …«
Chen hob die Hand. »Bitte … seien Sie versichert, dass ich mehr als genug Geld habe. Allerdings ist Ihr Vater ein gutes Stichwort.« Er stand auf und gab einem seiner Bodyguards ein Zeichen, worauf der eine Seitentür öffnete. Dahinter tat sich ein diffus beleuchteter Flur auf. Chen machte eine Geste zur Tür. »Bis ich Ihnen alles erklärt habe, bestehe ich darauf, dass Sie mein Gast sind.« Er schaute sie einen Moment mit einem eindringlichen Blick an, bevor er ergänzte: »Und ein Nein werde ich nicht akzeptieren.«