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Ulrich Gilga

Die Hand des Werwolfs

Kapitel 1

Nur wenige Fackeln erhellten den langen Kerkergang, der sich vor dem dunkel gekleideten Mann erstreckte. Bizarre Schatten brachen sich an den Wänden, verzerrten und formten sich neu, wenn der Wind durch das alte Gemäuer fegte und die Flammen erzittern ließ.
Der Mann sah auf die Uhr. Noch war genug Zeit, seine Aufgabe zu erfüllen und sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Trotzdem war er nervös. Das unaufhörliche Keuchen und die Schreie, die aus der Zelle am Ende des Korridors drangen, wurden durch die alten Steine, aus denen der Gang vor vielen hundert Jahren erbaut worden war, verstärkt und irreal verzerrt.
Ohne sie eine Sekunde aus den Augen zu lassen, näherte sich der Mann der aus Eichenbalken gezimmerten Tür. Das Holz wies tiefe Rillen, Brandflecken und zwei Einschusslöcher auf. Wenn das die Vorderseite der Tür war, wollte er sich nicht vorstellen, wie die Rückseite aussah, geschweige denn, was sich dahinter verbarg. Trotz der Spuren machte die Tür einen mehr als soliden Eindruck, was den Mann aufatmen ließ. Außerdem hatte jemand über einem alten, großen Vorhängeschloss einen zusätzlichen Riegel angebracht, um die Tür zu verschließen.
Dennoch hielt der große, schlanke Mann seinen Colt M1911 fest umklammert, während er weiterging. Nicht, dass er Angst gehabt hätte, aber für den Fall, dass das, was hinter der Tür tobte, ausbrechen sollte, musste er vorbereitet sein. Mehrmals blickte der Eindringling kurz zurück, um nicht bei seinem Vorhaben überrascht zu werden.
Unvermittelt traf ein harter Schlag die verschlossene Tür von innen, und der Mann zuckte zusammen. Mit der Eleganz langen Trainings riss er die Waffe hoch und hielt sie im Anschlag. Das unscheinbare Zittern seiner Hand überraschte ihn selbst. Hinter der kleinen vergitterten Luke, die in die schwere Tür eingelassen war, bewegte sich ein Schatten. Viel größer, als der Mann erwartet hatte. Hoffentlich war es nicht zu spät.
Als er sicher war, dass der Gefangene ihn nicht gesehen hatte, schlich der Mann weiter. Noch im Gehen steckte er die Waffe in den Holster unter seiner Jacke und ließ den mitgebrachten Rucksack vom Rücken gleiten. Ein schneller Zug an der oberen Lasche und er holte das mitgebrachte Multiwerkzeug heraus, an dem sich der Dietrich befand. Während er weiterging, fegte ein stärkerer Windstoß durch den Gang. Eine der beiden Fackeln erlosch neben der Tür, auf die der Mann zusteuerte. Lief er Gefahr, gesehen zu werden? Er hielt kurz inne.
Wieder schlug der Gefangene von innen gegen das dicke Holz und das Klirren des rostigen Schlosses erfüllte den Gang. Unter dem Lärm konnte der Mann ein anderes Geräusch wahrnehmen, wenn auch ein sehr leises. Es klang fast wie bei Pferden, die ihre Nüstern bewegten, um Gefahr zu wittern. Doch hier mischte sich eine andere Note darunter. Das Geräusch eines Raubtieres, das seine Beute ortet. Der Mann verharrte. Er wusste, wie gut die Sinne dessen waren, der sich hinter der Tür befand, und hielt den Atem an. Seine Lungen protestierten und Schweiß bildete sich auf seinem Körper, aber er wartete, bis der Gefangene in den hinteren Teil der Zelle zurückkehrte. Der Mann atmete tief durch, zog ein Tuch aus der Jackentasche, wischte sich den Schweiß ab und steckte es wieder ein, bevor er zur Tür schlich.
Wichtig war, dass er genug Zeit hatte, aus dem Gang zu entkommen, wenn er seine Aufgabe erfüllt hatte. Leise richtete er sich auf und blickte durch die Luke in die Schwärze des Raumes. Die Gestalt lag zusammengekauert am Ende der Zelle. Eine Mischung aus Knurren und Hecheln drang aus dem Raum. Das Mondlicht fiel durch die dicken Gitterstäbe der roh gezimmerten Fensteröffnung auf den am Boden liegenden Körper. Es war noch nicht zu spät, aber er musste leise sein und sich beeilen.
Langsam, um kein Geräusch zu verursachen, bewegte der Mann den Riegel. Beinahe wären seine feuchten Hände abgerutscht. Auch seine Stirn war wieder schweißbedeckt. Er schaffte es gerade noch, den Riegel behutsam zur Seite zu ziehen, als seine Finger abglitten. Sein Herz schlug bis zum Hals. Er lauschte, aber in der Zelle rührte sich nichts. Die alte Tür war jetzt nur noch durch das Vorhängeschloss gesichert. Sobald es geöffnet war, musste er den Gang verlassen. Er schob den Dietrich in die Öffnung des Schlosses. Es klang in seinen Ohren, als würde eine rostige Tür über einen Kiesboden gezogen, so angespannt waren seine Nerven. Waren Geräusche aus der Zelle zu hören? Der Mann wollte sein Ohr an das Holz pressen, besann sich aber eines Besseren und lauschte aus der Entfernung. Nichts. Er drehte den Dietrich, und wieder begann es, in seinem Kopf zu quietschen, aber der Bügel des Schlosses öffnete sich lautlos. Ein dicker Schweißtropfen lief ihm über die Oberlippe und er leckte ihn ab. Auf keinen Fall wollte er, dass das Wesen hinter der Tür hörte, wie der Tropfen auf den Boden fiel. Er spürte den salzigen Geschmack auf seiner Zunge und mit einem Mal überkam ihn eine Erinnerung aus seiner Kindheit. Das Salz der Tränen auf seiner Zunge, als sein bester Freund mit seinen Eltern weggezogen war. Konzentrier dich, rief sich der Mann ins Gedächtnis. Der Eindringling steckte alles zusammen in die Tasche und zog die Waffe wieder aus dem Holster. Das nächste Mal, wenn die Kreatur in der Zelle gegen das Holz schlug, würde die Zellentür aufspringen und das Eingesperrte in die Freiheit entlassen. Immer wieder wandte er sich der Zellentür zu, während er den Weg zurück schlich, den er gekommen war. Er fröstelte, als ihm wieder ein Windstoß über den schweißnassen Rücken blies.
Gerade, als er das Ende des Ganges erreicht hatte, ließ ein weiterer Schlag die Tür erzittern und sie schwang auf. Das Holz krachte gegen die Wand des Verlieses und enthüllte die Bestie, deren Verwandlung vollendet war. Ein lautes Brüllen erfüllte den Gang und drang ihm bis tief ins Mark.
Das war schneller gegangen als gedacht!
Der Eindringling fluchte und rannte los, während hinter ihm die Hölle losbrach.