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Ulrich Gilga

Die Rückkehr des Gehenkten

Kapitel 2

Finlay Pearce war niemand, den man sofort ins Herz schloss. Pearce war dreißig Jahre alt und unverheiratet. Er betrieb eine gut gehende Apotheke in Ipswich, die er nach dem Tod seines Vaters übernommen hatte, und hätte eigentlich eine gute Partie sein müssen. Aber die unverheirateten Frauen von Ipswich machten einen großen Bogen um ihn.
Pearce hielt sich nicht für unattraktiv, er fand sogar, dass sein hageres Gesicht mit den stechenden Augen und den buschigen Augenbrauen ihm ein aristokratisches Aussehen verlieh. Dazu kamen sein schulterlanges schwarzes Haar und eine von Geburt an leicht hochgezogene rechte Oberlippe, was ihm ein stetes zynisches Lächeln bescherte.
Doch jedes Mal, wenn er eine junge Dame um ein Treffen bat, lehnte diese aus fadenscheinigen Gründen ab. Finlay war sich sicher, dass sie insgeheim über ihn lachten. Und er wusste mit Sicherheit, dass sie anschließend mit ihren Freundinnen reden und ihn schlecht machen würden. Damit hatte er noch weniger Chancen, die ohnehin nicht allzu zahlreichen ledigen Frauen im heiratsfähigen Alter für sich zu gewinnen. Anfangs hatte die Zurückweisung an ihm genagt, zumal er sich den anderen Männern im Dorf weit überlegen fühlte. Doch nach und nach war die Kränkung der puren Wut über die mangelnde Wertschätzung gewichen. Und diese Wut war geblieben.
Und wenn Finley Pearce wütend war, kam man ihm besser nicht in die Quere. Das hatte auch sein Vater an jenem Abend vor zwei Jahren erkannt. Am Ende bestätigte der Hausarzt, dass Finleys Vater wohl auf der Treppe zum Lager im Keller ausgerutscht war und sich beim Aufprall das Genick gebrochen hatte. Der Gedanke, dass der Sohn etwas damit zu tun gehabt haben könnte, kam der Polizei gar nicht erst in den Sinn. Schließlich waren die Pearces angesehene und wohlhabende Leute, die es nicht nötig hatten, kriminell zu sein. Das Gesindel bereitete der Polizei Probleme, weil es weder über Bildung noch über Geld verfügte.
Er war auch nie ein Verdächtiger im Fall der bisher sechs ermordeten jungen Frauen, die gefesselt und erwürgt in den Straßengräben und Wäldern um Hadleigh gefunden worden waren. Finlay war so vorsichtig, seinen Ärger über eine Abfuhr nicht gleich in Ipswich abzureagieren. Daher hielt er Ausschau nach Frauen, bei denen die Aufregung nicht allzu groß war, wenn ihnen etwas zustieß. Dienstmädchen, Mägde oder Bäuerinnen, die von ihren Familien betrauert wurden, aber die Polizei wenig Interesse daran hatte, die Fälle des Pöbels zu untersuchen. Für die Sicherheit auf den Straßen und Wegen gab es ohnehin nicht genügend Beamte. Sollen sich der Pöbel doch selbst um seine Probleme kümmern. Auch wenn sie dafür nicht verantwortlich waren, denn immer, wenn Finlay Pearce die Wut übermannte, schloss er am Freitag die Apotheke früher, packte Ersatzkleidung in die Satteltaschen seines Hengstes und ging auf die Jagd. Heute war wieder so ein Tag ...