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Ulrich Gilga

Hotel der Alpträume

Kapitel 1

Das dumpfe Geräusch des zuschlagenden Holztores war noch nicht verklungen, da trieb der Kutscher draußen sein Pferd mit einem heiseren Schrei zur Eile an, um diesen verfluchten Ort zu verlassen.
Jetzt war er allein in dieser Gruft aus Tod und Verdammnis.
August Strack öffnete die abgewetzte Arzttasche aus braunem Leder und zog den Webley Mark IV Revolver heraus. Mit geübtem Griff prüfte er, ob alle sechs Kammern mit geweihten Silberkugeln geladen waren. Dann steckte er den Revolver zurück in das Holster, das er um die Hüfte trug. Um den Kutscher nicht zu beunruhigen, hatte er die Waffe in der Tasche transportiert und seinen langen schwarzen Mantel geschlossen gehalten. So hatte der Mann auch die Scheide mit dem silbernen Schwert nicht gesehen, die der Jäger an der anderen Seite seines Körpers trug.
Strack wollte kein Risiko eingehen. Es war schon schwierig genug gewesen, einen Kutscher zu finden, der ihn in der Nacht zum Cliff House brachte. Erst gutes Zureden, ein paar Scheine und das Versprechen, ein Vielfaches davon zu zahlen, wenn August Strack sein Ziel erreicht hätte, brachten den gewünschten Erfolg.
Der Kutscher, ein mürrischer, schweigsamer Mann undefinierbaren Alters, hatte einen gierigen Blick auf das Geldbündel geworfen und seinem Fahrgast dann sogar die Kutschentür aufgehalten, bevor er sich auf den langen Weg durch die stürmische Nacht hinauf zu den Klippen machte.
Strack war froh, endlich einen Fahrer gefunden zu haben. Seit er in Seagrove angekommen war, hatten ihn die Einheimischen misstrauisch beäugt. Und als er anfing, in den Kneipen und heruntergekommenen Hotels nach ehemaligen Angestellten des Cliff House zu fragen, wollte niemand mehr mit ihm reden. Kein Wunder, denn der dunkle Klotz am Ende der Straße, einst das schönste und renommierteste Hotel aller Seebäder im Südosten Englands, galt als verflucht. Niemand wagte sich in seine Nähe. Schon gar nicht nachts!
August Strack kümmerte sich nicht um das Geschwätz der Menschen. Er war Jäger und wusste, wie man mit den Wesen der dunklen Seite umgehen musste. Von verschiedenen Leuten hatte er vom Cliff House gehört und von der Geschichte, die zur Schließung des Hotels geführt hatte. Mehrere Menschen waren gestorben, und obwohl die Polizei alles als Unfälle oder Selbstmorde abgetan hatte, wusste Strack nach dem Studium aller Berichte und Unterlagen, dass mehr dahinter steckte.
Hotelgäste hatten sich aus den Fenstern der oberen Stockwerke gestürzt und waren an den schwarzen Klippen, die in den rauen Ozean ragten, zu Tode gekommen. Mehrere Paare hatten sich in ihren Hotelzimmern gegenseitig umgebracht. Und immer wieder berichteten Besucher, sie hätten nachts in den langen, dunklen Korridoren das Wehklagen alter Frauen gehört. Strack war es zudem gelungen, mit einem ehemaligen Pagen zu sprechen, der schwor, er habe drei alte, abgrundtief hässliche Frauen durch die Wände und Decken des Hauses gehen sehen, dies aber wohlweislich für sich behalten.
Als Strack ihn bat, eine Aussage zu unterschreiben, weigerte sich der Mann und warf ihn aus seinem Dienstbotenzimmer, das er bei einer Familie in Courtsend bewohnte, für die er inzwischen arbeitete.
Mit den gesammelten Informationen reiste Strack schließlich nach London, um den Bankier Elliot Hess zu treffen, dem das Cliff House gehörte. Hess hatte das Haus nach den Ereignissen geschlossen. Im Gespräch erfuhr Strack, dass er eigentlich nicht an Übersinnliches glaubte, aber die Ereignisse ihn eines Besseren belehrt hatten.
»Natürlich wusste ich von den Gerüchten, als ich das Haus gekauft habe«, erzählte Hess bei einem gemeinsamen Abendessen. »Aber ich habe sie immer als Humbug und Geschwätz abgetan. Die Menschen dort sind sehr abergläubisch. Eigentlich glaube ich es immer noch nicht, aber es gibt so viele Aussagen, die bestätigen, dass da etwas ist. Und Sie denken das auch?«
Strack hatte genickt und einen Schluck von seinem Sherry getrunken. »Ich bin davon überzeugt, dass es eine übersinnliche Kraft gibt, die sich in Ihrem Hotel eingenistet hat. Ich habe seit vielen Jahren Erfahrung mit dem Unerklärlichen und Unnatürlichen. Sie sehen, Sie haben nichts zu verlieren, wenn Sie mich engagieren.«
Schließlich einigten sich die Männer auf einen Preis, wenn es Strack gelänge, die Bedrohung zu beseitigen, denn Hess wollte das Hotel um jeden Preis wiedereröffnen.
Nach der Aktion würde er als Test einige ehemalige Soldaten, die er aus seiner Zeit bei der Armee kannte, im Haus übernachten lassen – natürlich unter der Aufsicht von August Strack.
Und nun war er im Hotel und traf seine Vorbereitungen. Hess hatte dafür gesorgt, dass ein Hausmeister die Stromversorgung aktiviert und die Flurbeleuchtung zentral eingeschaltet hatte, damit Strack nicht im Dunkeln durchs Haus wandern musste. Obwohl Seagrove nicht zu den Städten gehörte, in denen bereits eine flächendeckende Elektrifizierung geplant war, war der Ort wegen seiner Beliebtheit bei Touristen und Kurgästen und wegen der Macht der Bankiers schon früh an die Überlandleitungen angeschlossen worden. Die großen Hotels wie das Cliff House verfügten zudem über eigene Generatoren, die die Versorgung sicherstellten.
Strack zog seinen Mantel aus und faltete ihn zusammen. Aufgrund der Berichte hatte er eine Vorstellung davon, was sich in dem Haus eingenistet haben könnte. Strack war sich sicher, dass mindestens eine Hexe in dem Haus ihr Unwesen trieb, durch die Gänge und Räume wandelte und sich von den Seelen der hier Verstorbenen nährte. Meist verfügten Hexen über Kräfte, die Dinge vortäuschten oder Phantome erzeugten, mit denen sie ihre Opfer in den Wahnsinn trieben. Alles, was die Menschen dann sahen, hielten sie für echt und wirklich.
Bevor Strack mit der Durchsuchung des Gebäudes begann, hängte er sich zum Schutz einen Rosenkranz mit einem Kreuz um den Hals und steckte drei Fläschchen Weihwasser in die Taschen seiner eng am Körper anliegenden Weste. Dann holte er einige Stücke geweihte Kreide aus seiner Arzttasche. Das Besondere der Kreide steckte in ihren Bestandteilen. Insignien der Kirche und Beschwörungsformeln von Naturgeistern bildeten das Fundament, was sie einzigartig werden ließ. Strack steckte seinen Mantel in die Tasche und stellte sie auf den Tresen der großen Rezeption, die wie eine Trutzburg die Eingangshalle beherrschte.
Es war Zeit, sich an die Arbeit zu machen.