Rache aus der Vergangenheit
Es war nicht das erste Mal, dass Professor Thomas Edward McCoy seine Entscheidung verfluchte, im Auftrag des British Museum erneut zu den Ruinen von Ninive zu reisen, um nach bisher unentdeckten Schätzen der Geschichte zu suchen.
Sein Enthusiasmus hielt sich in Grenzen. Zum einen war er der Meinung, dass es rund 20 Jahre nach der Entdeckung der Tontafeln der Assurbanipal-Bibliothek durch Hormuzd Rassam schwierig sein würde, erneut solch weltbewegende Artefakte ans Tageslicht zu bringen, so dass die Reise ihm keinen persönlichen Vorteil bringen würde. Zum anderen quälten ihn die Erinnerungen an seine letzte Expedition, bei der unter Umständen, die er sich bis heute nicht erklären konnte, zwei seiner Arbeiter ums Leben gekommen waren. Fast jede Nacht erschienen ihm die vor Entsetzen verzerrten Gesichter der Toten vor seinem geistigen Auge. Eine leise, aber beharrliche Stimme flüsterte ihm seit geraumer Zeit zu, er solle die erneute Unternehmung in Ninive ablehnen, aber irgendetwas reizte ihn an der Sache. Außerdem hatte das Museum Rassam nach dem Debakel in Äthiopien erst einmal an einen anderen Ort geschickt, obwohl es Gerüchte gab, dass man bereit sei, ihm die Ausgrabungen in Assur oder sogar Ninive erneut anzuvertrauen, was McCoy enorm ärgerte. Ein Grund mehr für ihn, etwas zu finden, mit dem er nach England zurückkehren konnte, um mit einer besseren Reputation wieder an der Universität Gehör zu finden.
Vielleicht war heute der Tag, an dem sich alles ändern sollte. Erst gestern hatte er eine Notiz in seinem persönlichen Grabungstagebuch hinterlassen:
›17.06.1875. Wir werden morgen eine bisher unerforschte Höhle öffnen. Williams hat mit Einheimischen gesprochen und Hinweise auf das Grab von Sin-Balih erhalten. Sollte es stimmen, dass dieser König, der nur kurze Zeit regierte und selbst von seinen engsten Vertrauten gefürchtet und schließlich verraten wurde, hier liegt? Das wäre eine Sensation. Aber ich muss mich vor Williams in Acht nehmen. Ich glaube, er hat es auf meine Position abgesehen und will mich diskreditieren. Mal sehen, was der morgige Tag bringt. Ich werde Williams im Auge behalten.‹
Während der Professor versuchte, dem Sand auszuweichen, den ihm der stetige Wind ins Gesicht trieb, befand er sich auf den Weg zum Höhleneingang, wo sein Assistent Jeremy Williams und die Grabungshelfer gerade die letzten Steine zur Seite räumten. Die Schmerzen in seinen Knien, als er über den unebenen Boden stapfte, erinnerten ihn daran, dass er mit seinen fünfzig Jahren eigentlich zu alt war, um diese Ausgrabung selbst anzuführen. Aber sein Ego ließ eine derartige Entscheidung nicht zu.
Wenn alles gut ging, würde er seine letzte Expedition leiten und eine lebenslange Anstellung an der Universität erhalten. Man musste an die Zukunft denken. Bisher hatten die Ausgrabungen wenig Aufregendes gebracht, doch als Williams die Information mitbrachte, dass sie vielleicht das Grab von Sin-Balih finden könnten, änderte sich das.
Sin-Balih, ein sumerischer König und Anhänger und Verehrer von Nergal, dem Gott der Unterwelt, der Pest und Bringer von Seuchen und Kriegen. Nach den Überlieferungen und dem Wenigen, was von Generation zu Generation in den Familien weitergegeben wurde, war Sin-Balihs Herrschaft nicht lang, dafür aber umso einschneidender. Tod und Folter prägten seinen Regierungsstil und unendliches Leid ergoss sich über seine Untertanen, die in ständiger Angst lebten. Dem Mythos nach glaubten die Menschen, Sin-Balih selbst verfüge über dämonische Kräfte und fürchteten ihn daher umso mehr. Doch eines Tages war das Maß des Erträglichen voll und es kam zu einem Aufstand gegen ihn, bei dem es der Bevölkerung, unterstützt von seinen eigenen Dienern, gelang, die Priester und Vasallen zu töten und ihn lebendig in einen eigens angefertigten ›schwarzen Sarkophag‹ zu sperren, in den sie ihn mit Waffengewalt hineinzwangen. Niemand wagte es, ihn zu berühren oder gar zu töten, denn Angst und Aberglaube hinderten sie daran. Sie hofften, dass er in seinem steinernen Grab sterben würde. Um sicherzugehen, dass Sin-Balih auf ewig gebannt war, versteckten sie den Sarkophag in einer Höhle, die dann verschlossen wurde. Bis heute glaubten einige Menschen, dass der Despot noch lebte. Die Einheimischen, so Williams, würden es daher begrüßen, wenn der Sarkophag samt Inhalt das Land verlassen würde. Doch dabei war Vorsicht geboten: Der Überlieferung nach genügte es, die steinerne Hülle zu berühren, um unter schrecklichen Qualen zu sterben. McCoy, der eigentlich kein abergläubischer Mensch war, musste an die toten Arbeiter aus seinen Träumen denken und beschloss, vorsichtig zu sein.
Wie tief die Angst der Menschen saß, zeigte sich unter anderem daran, dass die Helfer vor Ort zwar bereit waren, erste Arbeiten an der Höhle vorzunehmen und die endgültige Öffnung vorzubereiten. Doch dann zogen sich alle zurück und waren auch für einen höheren Tageslohn nicht bereit, mehr zu tun. McCoy und Williams sahen sich gezwungen, ihre aus England mitgebrachten Helfer einzusetzen, die eigentlich für wichtigere Arbeiten wie das Sortieren und Klassifizieren von Fundstücken vorgesehen waren.
»Professor!«
Williams Stimme vibrierte. McCoy blickte sich um und stellte fest, dass er während seiner Überlegungen stehen geblieben war. Etwa zwanzig Meter vor ihm stand sein Assistent und winkte ihm zu; verschwitzt, seine schwarzen Haare standen in alle Richtungen ab, als hätten sie ein Eigenleben. McCoy nickte und ging weiter.
»Wir haben es geschafft, Professor. Der Eingang ist offen. Wir können hinein.«
Für einen kurzen Moment wurde die leise Stimme in seinem Kopf sehr laut und warnte ihn so eindringlich, dass der Expeditionsleiter versucht war, umzukehren und nach Hause zu telegrafieren, dass er abgelöst werden sollte, doch dann befahl er der Stimme, still zu sein, und mit einem Lächeln legte er die letzten Meter zu der Höhle zurück, deren Öffnung wie ein schwarzes Auge in die Unterwelt wirkte.