Die Vampir-Allianz
Wenige Minuten nachdem Louis Pearson das Brewers betreten hatte, fiel ihm die Frau auf, die mit vornüber gebeugten Armen an der Bar saß und offensichtlich auf ein Abenteuer wartete. Dieses Lokal war noch nie der richtige Ort dafür, dachte er und lächelte. Es existierte noch nicht so lange wie er selbst, aber schon oft hatte er auf der Durchreise hier in Crawley Halt gemacht, um sich einen attraktiven Imbiss zu gönnen, bevor er wieder in der Dunkelheit verschwand und nach London zurückkehrte.
Nicolai hatte ihnen strikt verboten, ihrem Hunger in der Hauptstadt nachzugehen, damit niemand auf ihn und die wenigen, die sie noch waren, aufmerksam wurde. Er, der so viel älter war als sie alle und von dem es hieß, er sei schon lange vor den Zeiten des Zimmermanns auf Erden gewandelt ...
Louis wusste nicht, ob das stimmte, schließlich konnte er sich nur noch vage an die Zeit vor seiner Verwandlung erinnern. Er vermutete, dass es in einer Nacht vor 330 Jahren geschehen war, damit er ihrer Organisation beitreten konnte. Danach spielte die Zeit keine große Rolle mehr, er fühlte sich immer noch wie ein junger Mann in seinen Zwanzigern.
Louis Pearson gehörte zu den Divini Custodes und damit zum letzten Vampirgeschlecht mit reiner Blutlinie, die sich bis in die Antike zurückverfolgen ließ. Im Gegensatz zu den meisten ihrer Artgenossen, die im Laufe der Zeit zunehmend verwilderten und durch Kreuzungen mit anderen Wesen Tieren ähnelten, wussten sie um ihre Herkunft und hatten die Jahrhunderte genutzt, um sich einflussreiche Positionen in Wirtschaft und Politik zu sichern. Berater von Königen, Entscheider und Lenker hinter den Herrschern der verschiedensten Länder. Und egal, welche Parteien miteinander im Streit lagen, fast immer zogen sie die Fäden und sahen zu, dass sie aus allem ihren Vorteil zogen. Im Gegensatz zu den Degenerierten, die sich vor den klassischen Methoden zur Tötung eines Vampirs wie Weihwasser, Silber oder Pfählung hüten mussten, konnten die Custodes nur durch Enthauptung vernichtet werden, was sie beinahe unbesiegbar machte. Doch auch sie mussten Blut trinken, und ihr Biss führte zu neuen Vampiren. Aber es gab auch Regeln. Und die waren einzuhalten. Die ›Zeugung‹ neuer Vampire musste von Nicolai Byron, ihrem Führer, genehmigt werden. Es war überlebenswichtig, nur Menschen zu verwandeln, die über Geld oder Einfluss verfügten. Oder am besten beides. Degeneration durch unkontrollierte Erschaffung neuer Vampire war streng verboten. Seit Jahrhunderten agierten sie im Verborgenen und wollten nicht, dass sich daran etwas änderte. Dämonenjäger waren ihre Feinde, doch sie hatten seit vielen Jahren keine Opfer mehr durch sie zu beklagen. Degenerierte, die überall ihre Nester hatten und wie Raubtiere agierten, stellten eine größere Gefahr dar. Menschen töteten sie auf grausamste Weise, wenn sie nicht selbst Nachschub brauchten, und einige von ihnen verwandelten. Wesen wie Louis Pearson oder Nicolai Byron waren ihnen ein Dorn im Auge. Ihre Reinheit und Askese, ihr elitäres Auftreten und ihr Einfluss rüttelten an ihren niederen Instinkten, so dass zwischen ihnen ein erbitterter Krieg tobte und so mancher der Custodes hatte den Kampf gegen eine Übermacht der Degenerierten mit dem Leben bezahlt.
Louis Pearson war schlank und hochgewachsen. Sein dunkles Haar trug er zurückgekämmt, ein schmaler Bart zierte seine Oberlippe. Wie immer war er in einen teuren Maßanzug gekleidet und widersetzte sich damit jeder modischen Torheit, die viele junge Männer heutzutage begingen. Stil und Eleganz waren seine Begleiter. Und obwohl es eigentlich nicht nötig gewesen wäre, damit bei den Frauen, die er auf ihre letzte Reise mitnahm, Eindruck zu machen, fand er mehr Gefallen daran, sie auf diese Weise für sich zu gewinnen, denn er hatte die Erfahrung gemacht, dass ihr Blut viel köstlicher schmeckte, wenn er sie im Augenblick höchster Ekstase aus ihrem irdischen Dasein erlöste, als wenn er ihnen stumpf seinen Willen aufzwang. Letztlich hatten beide etwas davon, wenn man es so betrachtete.
Während sich der Vampir durch das Lokal bewegte und auf den Hocker neben der Frau zusteuerte, musterte er sie eingehend. Es gab zu viele, die ihm und seinesgleichen nach dem Leben trachteten, und er wollte nicht in eine vorbereitete Falle tappen. Er schätzte die Frau auf Ende dreißig. Sie wirkte wie eine Geschäftsfrau, die hier in Crawley übernachtete. Ihr Blick schweifte durch den Raum und blieb immer wieder an den Männern hängen, aber anscheinend hatte sie noch keinen gefunden, der ihr interessant genug erschien. Sie trug einen eng anliegenden schwarzen Rock und eine weiße Bluse, deren oberste Knöpfe geöffnet waren und den Blick auf ein imposantes Dekolleté freigaben. Ihr Gesicht war ebenmäßig und von schulterlangen dunkelblonden Haaren umrahmt. Außer Lippenstift und Nagellack schien sie sich nicht weiter geschminkt zu haben, wobei die Farbe ihrer Lippen mit der ihrer Nägel übereinstimmte. Wenige Schritte, bevor er die Bar erreichte, trafen sich ihre Blicke, und Louis überlegte, ob er sie länger behalten sollte, wie eine Sklavin oder ein hübsches Haustier, bis er sie schließlich auf die gewohnte Weise durch Genickbruch töten würde. Amüsiert beobachtete er, wie sie unauffällig einen weiteren Knopf ihrer Bluse öffnete, und fragte sich, ob sie sich dessen bewusst war, nachdem ihr Blick an ihm hängen geblieben war.
»Darf ich mich zu Ihnen setzen?«, fragte Pearson und legte eine Hand auf die Lehne des Hockers, der neben der Frau stand.
»Ich würde mich freuen«, antwortete sie, und der dunkle, rauchige Klang ihrer Stimme brachte selbst den Vampir, der in den letzten drei Jahrhunderten unzählige Frauen gehabt hatte, zum lustvollen Schaudern.
Mit einem Lächeln, das kaum seine Augen erreichte, was sie aber augenscheinlich nicht bemerkte, setzte er sich neben die Frau.