Wünsche, die der Teufel erfüllt
12. April, 16.30 Uhr
Ben Seaby fegte den Ordner mit den Planungsunterlagen und Architektenzeichnungen vom Tisch.
Dabei spürte der hochgewachsene junge Mann mit den schulterlangen Locken, der am liebsten dunkle Cordhosen und helle Rollkragenpullover trug, die Blicke seiner Freunde Craig Estlick und Zachary Shiner, die seine Aktion vorerst nicht kommentierten. Natürlich verstanden sie seinen Zorn. Schließlich war es Zach selbst gewesen, der erst vor einer halben Stunde zerknirscht von der Bank zurückgekommen war, um ihnen mitzuteilen, dass der Laden, den sie sich ausgesucht hatten, nun doch an einen Mitbewerber gegangen war. Niemand wollte drei Unbekannten Geld leihen, damit sie sich ihren Lebenstraum erfüllen konnten. Tatsächlich hatten Ben und Craig im ersten Moment sogar geglaubt, dass Zach sich einen Scherz mit ihnen erlaubt hatte, was aber auch daran lag, dass man in mit seiner geringen Körpergröße, den früh ausgefallenen Haaren und dem leichten Grinsen, das in seinem Gesicht fest verankert zu sein schien, anfangs oft nicht ernst nahm. Nicht nur Menschen, die Zach nicht näher kannten, sondern auch seine Freunde tappten oft in diese Falle. Im Gegensatz zu Ben, der immer ein wenig in den Tag hineingelebt hatte, und Craig, der mit seiner Nickelbrille und seinem schmalen Gesicht wie ein Bücherwurm aussah, war er der Einzige von ihnen, der knallhart verhandeln und im Notfall rücksichtslos sein konnte. Deshalb führte er auch alle Verhandlungen, die sie für ihre bevorstehende Selbstständigkeit brauchten.
Außerdem war er mit 29 Jahren der Älteste von ihnen, obwohl der Altersunterschied zu Ben nur zwei Jahre betrug und Craig genau dazwischen lag. Sie kannten sich seit über zehn Jahren, als sie sich während ihrer Ausbildung bei einer großen Spedition kennengelernt hatten. Ben und Zachary arbeiteten in der Logistik, Craig in der Buchhaltung. Bei einer Betriebsfeier saßen sie am Ende des Abends zusammen und stellten fest, dass sie alle davon träumten, ihr eigenes Geschäft zu eröffnen. Mit viel Alkohol, ein paar Zigaretten und noch mehr Ideen hatten sie sich sogar einen Namen für den Laden ausgedacht: The Hidden Shadow.
Und darauf hatten sie hingearbeitet und vor einiger Zeit den Schritt gewagt, ihren Traum gemeinsam in die Tat umzusetzen. Craig, der von ihnen am meisten verdiente, arbeitete weiterhin Vollzeit, während Ben und Zach ihre Arbeitszeit reduzierten und sich in die Planung vertieften. Sie legten ihr gesamtes Einkommen zusammen und unterstützten sich gegenseitig. Keiner von ihnen konnte familiäre Rückendeckung erwarten; Ben war früh Vollwaise geworden und bei seinen Großeltern aufgewachsen, die nur über eine kleine Rente verfügten; Craig hatte sich mit seinen Eltern überworfen, als er ihnen gesagt hatte, dass er sich mehr für Männer als für Frauen interessiere; und Zach hatte zwar recht wohlhabende Eltern, von denen er aber nichts annehmen wollte.
Und so hielten sie zusammen, hungerten miteinander, ärgerten sich gemeinsam und freuten sich vereint, als sie endlich den Laden ihrer Träume gefunden hatten. Dass es mit den Banken schwierig werden würde, war ihnen klar, aber mit diesem Rückschlag hatten sie nicht gerechnet.
»Es ist einfach nicht fair«, sagte Ben und sammelte frustriert die Papiere ein, die sich um seine Füße verteilt hatten. »So kurz vor dem Ziel und jetzt lassen sie uns hängen.«
Craig fischte ein Blatt vom Boden auf, das unter seinen Stuhl geflogen war. »Ich glaube, solche Rückschläge sind eher die Regel, Ben, und es hat keinen Sinn, sich darüber aufzuregen, obwohl ich auch sauer bin. Was meinst du, Zach?«
Der Angesprochene erhob sich von seinem Stuhl und goss sich eine Tasse Kaffee ein, den die altersschwache Maschine, die in ihrer Küche stand, seit ein paar Stunden heiß hielt. Angesichts des bitteren Geschmacks verzog er das Gesicht, bevor er antwortete: »Leider ist es so. Obwohl ich zugeben muss, dass ich überrascht war. Letztes Mal waren wir doch schon viel weiter und dieser Handlanger des Direktors hatte auch gesagt, dass es nur noch ein paar Formalitäten gäbe, und dann könnten wir den Vertrag unterschreiben. Aber wahrscheinlich ist da auch noch ein bisschen Geld nebenbei geflossen.«
Ben versuchte, die leicht verbogenen Klammern des Ordners wieder geradezubiegen, um ihn zu schließen. »Und was machen wir jetzt? Wir waren so kurz davor, dass keiner von uns an einen Plan B gedacht hat. Das wirft uns um Monate zurück.«
Die beiden Männer zuckten fast synchron mit den Schultern. Aber am Ende würden sie auch diesen Rückschlag wegstecken, der ihr Ziel nicht verhindern, sondern den Weg nur ein wenig verlängern würde.
»Morgen sprechen wir wieder mit den Maklern. Zach, du stellst die Zahlen noch einmal zusammen, vielleicht haben wir ja etwas übersehen, wo wir besser wegkommen. Und Craig, wenn du das nächste Mal die Zahlungen in der Firma buchst, schau doch mal, ob es nicht Firmenkunden bei dir gibt, die wir überreden können, zu investieren. Mehr als Nein können die nicht sagen.«
Craigs Nicken wirkte etwas gekünstelt, aber er würde tun, was Ben ihm aufgetragen hatte. In diesem Moment klingelte es. Stirnrunzelnd stand Zach auf, ging zur Tür und spähte durch den Spion.
Als er öffnete, stand ein großer Mann in einem schwarzen Anzug im Flur und musterte die drei Männer vom Gang aus mit drei schnellen Blicken. Für den Bruchteil einer Sekunde wollte Ben seinem Freund zurufen, er solle die Tür wieder schließen, aber der Moment verging so schnell, wie er gekommen war.
Ungeachtet der Tatsache, dass ihn niemand hereingebeten hatte, betrat der Mann ihre Wohnung und sah sich um, bevor er das Wort an sie richtete: »Guten Tag, meine Herren. Mein Name ist Dag Black, ich bin Immobilienmakler und mein Kontakt bei der Bank hat mir gesagt, dass Sie ein Ladenlokal suchen. Wenn Sie interessiert sind, könnte ich Ihnen noch heute ein Objekt präsentieren, das genau Ihren Vorstellungen entspricht. Wir sollten uns unterhalten.«