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Ulrich Gilga

Der vergessene Dämon

Kapitel 1

Das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, war das Erste, das Rudolph Strack empfand, als er die Augen aufriss und in die Dunkelheit seines Schlafzimmers starrte.
Doch dann wurde ihm klar, dass es nur der Druck seiner Altmännerblase war, der ihn wie jede Nacht aus dem Schlaf gerissen hatte. Wahrscheinlich hatte er wieder auf dem Bauch gelegen und seinen Kopf in das Kissen gedrückt, wodurch seine Atemnot verursacht worden war. Es war nicht das erste Mal, dass er auf diese Weise erwachte, und mehr als einmal war er aus dem Bett gefallen, als er instinktiv seinen Körper drehte, um wieder atmen zu können. Seine Knochen quittierten dies stets mit einem mahnenden Aufschrei. Er konnte von Glück sagen, dass er in seinem Alter bisher keinen Bruch davongetragen hatte - schließlich waren 75 Jahre kein Pappenstiel.
Strack stand auf, zog die ausgeleierte Schlafanzughose über seinen dürren Hintern und schlurfte in das kleine Badezimmer neben dem Schlafzimmer. Wie üblich blickte er beim Pinkeln aus dem schmalen Fenster, das in Richtung der Mine zeigte, wobei er trotzdem penibel darauf achtete, die Schüssel zu treffen. Schließlich hatte er keine Lust, am nächsten Tag das Bad zu putzen - geschweige denn, dass er nasse Füße gebrauchen konnte.
Rudolph Strack hatte sein ganzes Leben in Ashburn Hollow verbracht. Wie in anderen Dörfern in Northumberland, etwa Ashington, Doncaster oder Barnsley, war der Bergbau das Herz und die Lebensader des kleinen Ortes. Alles war damit verbunden, und in jeder Familie gab es Mitglieder, die in oder für die Mine arbeiteten. Und überall gab es Väter und Söhne, die in der Grube gestorben waren. Strack, 1904 geboren, hatte in seinem Leben viel Glück gehabt, nicht einer von ihnen zu sein. Außerdem hatte er in keinem der großen Kriege für sein Land kämpfen müssen. Beim Ersten Weltkrieg war er zu jung gewesen. Als der Zweite Weltkrieg begann, befürchtete er, eingezogen zu werden, doch glücklicherweise wurde die Arbeit in der Mine als kriegswichtig eingestuft. So konnten sich einige Männer aus Ashburn Hollow glücklich schätzen, dass die Kohle ihnen eine gewisse Sicherheit garantierte, auch wenn die Tunnel am Ende doch für den Tod vieler verantwortlich waren. Sei es durch Unfälle oder den Staub, der ihnen Asthma und Krebs brachte. Und natürlich der Dämon, von dem Strack geglaubt hatte, ihn mit Mitstreitern für immer eingesperrt zu haben.
Doch wenn er heute aus dem Fenster seines Badezimmers den leichten grünlichen Schimmer sah, der aus dem wiedereröffneten Schacht nach oben drang, wurde ihm klar, dass das Grauen jederzeit zurückkehren konnte ...