DAS LEBENSHAUS - Band 2
Ich bin Lore.
Lore das Huhn.
Und ja, ich rede mit euch.
Wenn ihr schon hier seid, könnt ihr auch zuhören.
Ich mache das schließlich den ganzen Tag.
Ich bin das Huhn, das geblieben ist,
als der blaue Flamingo weiterflog.
Er hat mir seinen Schal dagelassen,
seine Brille geputzt
und mir sein Notizbuch in die Flügel gedrückt.
„Du siehst die Dinge, bevor sie passieren“,
hat er gesagt.
„Und du hast Geduld mit den Menschen.
Mehr als ich.“
Na ja.
Geduld.
Ich würde eher sagen:
Ich weiß, wann man reden muss,
damit nichts schiefgeht.
Und wann man reden muss,
damit ENDLICH etwas schiefgeht,
damit sich überhaupt mal was bewegt.
Aber das hätte der Flamingo nicht so poetisch gefunden.
Falls ihr mich sucht:
Ich sitze im Atrium des Lebenshauses, direkt vor dem Café.
Da, wo jeder vorbeikommt,
der eigentlich nur einen Kaffee will
und dann plötzlich sein halbes Leben auspackt.
Ich sag ja nichts –
also meistens nicht –
aber manche Menschen brauchen nur einen Blick von mir,
und schon reden sie los.
Ich habe so eine Wirkung.
Kann ich auch nichts für.
Ich höre zu.
Ich kommentiere.
Ich mische mich ein, wenn es nötig ist.
Und manchmal auch, wenn es nicht nötig ist.
Man muss ja dranbleiben.
Sonst verheddern sich die Menschen in ihren eigenen Gedanken
wie Wäscheleinen im Sturm.
Ich höre den Menschen zu,
wenn sie reden,
wenn sie schweigen,
und wenn sie so tun, als wäre alles in Ordnung.
Ich höre auch den Dingen zu,
die sie nicht sagen.
Den Wunden, die sie verstecken.
Den Wundern, die sie nicht für möglich halten.
Und ja, ich schreibe alles auf.
Nicht, weil ich muss.
Sondern weil sonst keiner den Überblick behält.
Und glaubt mir:
Hier verliert man schnell den Überblick.
Manchmal schon vor dem ersten Kaffee.
Der Flamingo hat gesagt,
dass jedes Lebenshaus jemanden braucht,
der bleibt.
Jemanden, der die Fäden sieht,
die sich zwischen den Menschen spannen.
Jemanden, der merkt,
wann ein Herz schwer wird
und wann es wieder leichter schlägt.
Also bin ich geblieben.
Für die, die noch nicht wissen,
dass sie längst unterwegs sind.
Für die, die ankommen wollen,
aber nicht wissen wie.
Und für euch.
Damit ihr versteht,
was hier wirklich passiert.
Nicht die Version, die man im Dorf erzählt.
Die richtige.
Meine.
Ich bin Lore.
Und ich erzähle euch,
was im Lebenshaus geschieht.
Auch das, was niemand sagen will.
Vor allem das.