DAS LEBENSHAUS - Band 2
Während die Gäste sich verteilten,
die ersten Teller klapperten
und der Duft von frischem Gebäck durch das Atrium zog,
saß Lore auf ihrem Platz vor dem Café.
Sie beobachtete die Menschen,
wie sie sich näherten,
zögerten,
lächelten,
fragten,
und manchmal auch so taten,
als wären sie nur zufällig hier.
Sie sah den Bürgermeister,
der sich wichtig gab.
Sie sah die Jugendlichen,
die sich verstohlen umsahen,
als wären sie in einem Museum,
in dem man alles anfassen darf.
Sie sah die Bewohner,
die sich mit einer Selbstverständlichkeit bewegten,
als hätten sie nie woanders gelebt.
Und sie sah den Bankdirektor.
Er stand abseits,
die Hände ineinander verschränkt,
den Blick auf seine Schuhe gerichtet.
Seine Frau dagegen sprach gerade
mit einer Frau,
deren Lächeln zu lange hielt
und deren Blick zu oft zu ihm glitt.
Lore seufzte.
„Drama im Frühstadium“, murmelte sie.
„Wächst gut an sonnigen Tagen.“
Sie watschelte los.
Nicht schnell,
aber zielgerichtet.
Sie stellte sich genau zwischen die drei Menschen,
legte den Kopf schief
und schlug ihr Notizbuch auf.
Die beiden Frauen verstummten.
Der Bankdirektor wurde blass.
Lore schrieb langsam,
deutlich,
sichtbar:
„Manchmal trifft man Menschen zweimal.
Beim zweiten Mal erkennt man sie.“
Die Ehefrau las es.
Die Affärenfrau las es.
Der Bankdirektor sah aus,
als würde er am liebsten im Hochbeet verschwinden.
„Wir reden später“, sagte die Ehefrau.
Nicht laut.
Nicht wütend.
Nur klar.
Lore klappte ihr Buch zu
und watschelte davon,
als hätte sie gerade nichts weiter getan
als ein paar Krümel aufpicken.
„Eröffnung gelungen“, murmelte sie.
„Man muss die Dinge gleich am Anfang sortieren.
Sonst stolpern die Menschen später drüber.“
Sie warf einen Blick zum Seminarraum.
Dort würde sie gleich wieder gebraucht werden.