DAS LEBENSHAUS - Band 2
Mittwoch, 6:10 Uhr
Das Atrium ist kühl.
Die Luft riecht nach Schlaf, nach Aufbruch, nach Kaffeeentzug.
Die Bewohner stehen in kleinen Gruppen, manche noch mit Decken um die Schultern.
Die Mitarbeitenden haben sich um Lene versammelt.
Lene tritt vor sie.
Sie wirkt wach, klar, gesammelt – obwohl sie keinen Kaffee hatte.
Sie klatscht einmal in die Hände.
„Guten Morgen zusammen.
Wir haben keinen Strom.
Aber wir haben uns.
Also schaffen wir das.“
Ein leises Murmeln.
Ein paar Lacher.
Ein paar erleichterte Gesichter.
Lene verteilt die Aufgaben
Sie zeigt auf Jonas und Lio.
„Jonas, Lio – ihr seid heute unser emotionales Rückgrat.“
• Bewohner beruhigen
• Gespräche führen
• Orientierung geben
• Niemanden allein lassen
• Zuerst Jonas hilfst du bitte Harald. Ich sag gleich wobei.
Jonas nickt.
Lio lächelt.
Beide wissen, was sie zu tun haben.
Sie dreht sich zu Kira.
„Kira – Frühstück, wie immer, und heute alles, was geht ohne Strom.
Kein Risiko, keine Experimente. Aber Kaffee wäre jetzt ganz gut. Und alles, was Kühlware ist, am besten auf den Tisch damit.“
Kira hebt die Hand wie eine Soldatin.
„Jawohl.“
Zu Hedi und Paul:
„Ihr zwei – Ordnung, wie immer.
Atrium, Flure, Küche.
Ihr seid unser Fundament. Und wenn ihr unten im Garten beim Aufräumen mit anpacken könntet, wäre das großartig.
Paul grinst.
Hedi wirkt erleichtert, endlich etwas tun zu können.
Zu Elin und Silas:
„Ihr checkt die Vorräte.
Kühlräume geschlossen halten.
Was zuerst verbraucht werden muss, markiert ihr und gebt mir eine Liste, die ich später mit Kira und/oder Milan durchgehe.“
Elin nickt ernst.
Silas schreibt schon mit.
Zu Bine und Hannes:
„Ihr seid Springer.
Wo Chaos ist, geht ihr hin.“
Hannes hebt die Augenbrauen.
„Also überall.“
Ein paar lachen.
Die Bewohner werden eingebunden
Lene dreht sich zu ihnen.
„Harald – du bist unser Grillmeister, wir brauchen heißes Wasser. Kannst du die Plancha-Tonnen so umbauen, dass wir es darauf machen können?“
Harald nickt.
Er liebt Aufgaben, die nach Werkzeug riechen.
„Änni – du hältst die Stimmung oben.“
Änni wirft die pinken Haare zurück.
„Kann ich.“
„Gertrud – du machst Tee und verteilst Obst.“
Gertrud strahlt.
Endlich etwas, das sie kann, ohne sich selbst zu vergessen.
„Lina – du hilfst beim Decken.“
Lina wirkt erleichtert, eine ruhige Aufgabe zu haben.
„Rosalie – du begleitest die, die heute sensibel sind.“
Rosalie nickt still.
Sie weiß genau, wer das ist.
„Herr K. – du mahlst Kaffee.“
Herr K. hebt den Mörser wie eine Waffe.
„Ich bin bereit.“
„Frau M. – du koordinierst die Filtertüten.“
Frau M. wirkt stolz.
Endlich wieder Verantwortung.
Und dann fällt es Lene ein.
Mitten im Satz hält sie inne.
Sie blinzelt.
Sie schaut in die Runde.
„Moment.
Der Blaue Flamingo kommt heute.“
Stille.
Dann ein kollektives Einatmen.
Änni:
„Der Flamingo? Heute? Ohne Strom?“
Lene nickt langsam.
„Ja.
Er hält seine erste Sprechstunde ab.“
Jonas:
„Wir brauchen einen Raum.“
Lio:
„Und Wärme.“
Harald:
„Und Privatsphäre.“
Gertrud:
„Und Kaffee.“
Alle nicken.
Wo setzen wir den Flamingo hin, damit es ihm nicht zu kalt wird?
Lene denkt laut.
„Er braucht einen Raum, wo nichts nach außen dringt und trotzdem warm genug.
Sie geht die Räume im Kopf durch und entscheidet:
„Der Seminarraum, wo gestern die Website AG war. Der ist bestimmt noch nicht ausgekühlt, da gestern dort die Sonne reingeschienen hat.
Da haben der Flamingo und sein Termin, ich verrate es jetzt schon, es ist der Bankdirektor, ein ruhiges Plätzchen.“
„Der Bankdirektor?“
Lio fragt ganz leise:
„Kommt der Bankdirektor wirklich?“
Lene seufzt.
„Er hat sich angemeldet.
Er hat… ein besonderes Problem.“
Änni grinst.
„Hat er sich verzockt?“
Lene schüttelt den Kopf.
„Ich kenne sein Problem nicht. Und so ist es ja auch gewollt. Es ist ein Termin in der Sprechstunde beim blauen Flamingo, und der ist und bleibt beim Flamingo.
Egal, wer kommt – der Flamingo ist bereit. Wir auch.“
Lore, das Huhn, kommentiert den heutigen Flamingo‑Termin
Lore sitzt auf der Fensterbank des Atriums, das Notizbuch auf den Knien, und sagt mit dieser Stimme, die klingt wie ein leises Gackern und ein Welturteil zugleich:
„Ach ja… der Bankdirektor.
Der Mann, der gestern so tat, als wäre er nur zufällig hier,
und nicht zufällig neben seiner Frau,
und noch viel weniger zufällig neben der Frau,
die er eigentlich nicht treffen wollte.
Ich sag’s euch:
Wenn zwei Frauen gleichzeitig zu lange lächeln,
und ein Mann gleichzeitig zu lange auf seine Schuhe starrt,
dann ist das kein Zufall.
Das ist ein Dreieck.
Ein mathematisches.
Ein emotionales.
Ein explosives.
Und jetzt soll der Flamingo ihn beraten.
Natürlich.
Wer sonst.
Wenn man sich in seinen eigenen Gefühlen verheddert,
braucht man jemanden mit langen Beinen und Überblick.
Der Seminarraum ist gut.
Warm genug,
abgeschirmt genug,
und weit genug weg von neugierigen Ohren.
Nicht, dass ich neugierig wäre.
Ich beobachte nur.
Professionell.
Und falls der Bankdirektor heute wieder blass wird,
kann er sich beruhigen:
Der Flamingo schweigt.
Ich nicht.
Aber ich schreibe nur auf,
was sowieso jeder sieht.
Drama im Frühstadium,
habe ich gestern gesagt.
Heute würde ich sagen:
‚Drama in Behandlung.‘
Mit Aussicht auf Besserung.
Oder Eskalation.
Kommt drauf an,
wer zuerst spricht.
Ich werde es notieren.“
Und selbst Lore wird überrascht sein, um was es geht in diesem Termin zwischen den beiden…
Abschluss der Lagebesprechung
Lene atmet tief ein.
„Gut.
Wir wissen, was wir tun.
Wir bleiben ruhig.
Wir bleiben warm.
Wir bleiben zusammen.“
Sie schaut in die Runde.
„Und jetzt: an die Arbeit.“
Das Team löst sich auf.
Die Bewohner verteilen sich.
Das Haus erwacht – ohne Strom, aber voller Energie.
Und Lene denkt:
„Wenn der Flamingo kommt, wird das ein guter Tag.“
Was und wer sonst noch alles kommt, ahnt sie zu diesem Zeitpunkt nicht.
Aber zuerst geht sie sich umziehen, aufs Duschen verzichtet sie – das kalte Wasser schreckt sie ab.
Es ist doch immer gut Wechselkleidung hier zu haben, aber dies ist auch nötig, denn sie hilft auch in der Küche mit und im Hühnerstall … da muss man schon mal Kleider wechseln und in dem großen Umkleide- und Badezimmer für die Mitarbeiter ist es sonst immer schön gemütlich warm und das Wasser sonst ja auch. Nur heute eben nicht