DAS LEBENSHAUS - Band 3
Dieser Tag im August begann mit einem leichten Dunst über den Wiesen. So ein Morgen, an dem die Luft noch nicht weiß, ob sie Nebel werden will oder einfach nur atmet.
Frau R. stand am Rand des Grundstücks, sah auf die abgesteckten Markierungen und hielt ihre Pläne fest in der Hand.
Wochen – nein, monatelang hatte sie daran gearbeitet.
Jede Linie, jede Tiefe, jede Pflanze, jede Filterzone sorgfältig, präzise, sehr liebevoll geplant.
Alle Genehmigungen waren erteilt. Heute würde es beginnen.
Der Bagger kam.
Kein kleiner.
Einer von denen, die man hört, bevor man sie sieht.
Groß, schwer, laut – so laut, dass selbst die Hühner kurz innehielten.
Der LKW, mit dem er kam, parkte oben auf der Hauptstraße, direkt vor dem Lebenshaus.
Angelockt vom Krach und vom Wissen, dass heute ein besonderer Tag war, kamen auch schon die ersten Zuschauer dazu.
Schon kurz nach sieben war das Café voll.
Bewohner, Mitarbeiter, Dorfbewohner – alle saßen zusammen, tranken Kaffee, frühstückten, tuschelten.
Nur die wenigen Langschläfer fehlten.
Lene Falk hatte ihren Bürokram heute pragmatisch erledigt:
Sie war eine Stunde früher gekommen.
Hatte Bestellungen ausgelöst, den Dienstplan überflogen, den Anrufbeantworter abgehört, E Mails sortiert.
Nur das Nötigste.
Alles andere konnte warten.
Im Lebenshaus tickt die Uhr anders.
Hier haben die Menschen Vorrang.
Und heute war ein Tag, der Geschichte schrieb, mit diesen Menschen.
Denn ein Bagger dieser Größe,
der ein von einer Bewohnerin geplantes Projekt in Gang setzen sollte, brauchte Publikum.
Und Freude. Und Menschen, die das miteinander erleben.
Mit dem Bagger kam auch der Baggerfahrer.
Natürlich war es ein CAT-Bagger,
alles andere kam für „ihn“ nicht in Frage ....
Frau R. kannte „ihn“.
Aus einem anderen Leben.
Aus der Zeit vor den Gedichten über Hühner,
vor dem Rückzug, vor der Stille.
Damals, als sie noch laut lachte und dachte, ihr Leben würde einfach weiterlaufen.
Als Einsamkeit ein Fremdwort war und sie dann doch schneller erreichte, als sie es je für möglich gehalten hätte.
Erst hier, im Lebenshaus, hatte sie sich wiedergefunden.
Zwischen Menschen, die sie nicht überhörten.
Zwischen Aufgaben, die sie brauchten.
Zwischen Tagen, die wieder Sinn machten.
Viele Jahre hatte sie als Therapeutin für Wassergymnastik in einer Rehaklinik gearbeitet.
Und dort, in „ihrer“ Klinik, fand die Therapie in einem Naturschwimmteich statt.
Sie kannte Wasser.
Sie verstand Wasser.
Sie wusste, wie es sich verhält, wenn man es lässt.
Und wie es kippt, wenn man nicht aufpasst.
Sie war dort auch für die Wasserqualität zuständig gewesen. Filter, Pflanzen, Kreisläufe, all das war ihr vertraut.
Doch als sie in Rente ging und sich ein „neues Leben“ vorgestellt hatte, merkte sie schnell, dass sie es nicht lebte.
Sie begann Gedichte zu schreiben, nicht aus Leidenschaft, sondern aus Langeweile.
Allein in einer Wohnung, die zu groß war für ein Leben,
das zu klein geworden war.
Der Fernseher lief oft nur, damit Stimmen im Raum waren.
Als sie vom Lebenshaus erfuhr, las sie die Vision, die Pläne und wusste sofort: Das ist es.
Sie gab ihre Wohnung auf, zog hier ein und war eine der ersten Bewohnerinnen.
Eine kleine Zwei Zimmer Wohnung zur Straßenseite,
mit dem großen runden Dachfenster im Schlafzimmer,
das sie sofort liebte.
Sie nahm ein paar Erinnerungen mit,
ansonsten nur ihre Kleidung und alles andere verschenkte oder entsorgte sie.
Die kleine Wohnung richtete sie sich gemütlich ein,
und ihre Terrasse wurde zu ihrem Sommerort.
Manchmal allein, oft mit anderen.
Ein Glas Sekt, gute Gespräche, Lachen.
Sie taute auf. Sie wurde wieder sie selbst. Die Gedichte wurden immer weniger. Träume kehrten zurück.
Lore, das Huhn, hatte es längst bemerkt:
Frau R. taut auf.
Und Frau R. wird den Westerwald zum Dampfen bringen.
Aber sie hatte eine „Macke“ – eine heimliche Leidenschaft, die alles veränderte.
Vielleicht war es genau diese Leidenschaft,
die das Schicksal irgendwann gesehen hatte.