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FRAU A.

DAS LEBENSHAUS - Band 3

Kapitel 4 - Der Westerwälder Abend

Herr Yilmaz stand draußen am großen Steinbackofen, die Ärmel hochgekrempelt, die Glut im Blick.
Fünf schwere Bräter Döppekooche wurden dort in der Hitze gebacken, als wären sie kleine Auflaufformen und nicht Westerwälder Schwergewichte.

„Das macht heute gute Laune und satt“,
murmelte er zufrieden und schob mit der langen Schaufel die Bräter hin und her.
„Das wird so was von gut.“

Drinnen deckten die Bewohner die langen Tische.
Harald stellte Bierkrüge und Gläser auf,
Frau Sommer verteilte Servietten nach Farben, und
Lina stellte Teller hin und legte Besteck dazu,
während ihre Tochter zwischen den Stühlen herumflitzte
und Lore, das Huhn, verfolgte,
das sich unter den Tischen in Sicherheit zu bringen versuchte.

Gertrud kam aus der Küche,
in jeder Hand einen Apfelkuchen und sagte:
„In der Küche stehen noch drei weitere.
Man weiß ja nie, wer noch alles mitisst.
Und Döppekooche ohne Apfelkuchen ist wie ein Sonntag ohne Kirche.“
Sie stellte die Kuchen ab und lief zurück.
Aus der Küche polterte es, als hätte sie eine Bäckerei überfallen.

Franzi tauchte mit einer großen Kanne Kräutertee auf,
den sie frisch aufgebrüht hatte.
„Für die, die später noch klar denken wollen“,
sagte sie und stellte die Kanne mitten auf den Tisch.
„Also für niemanden“,
kommentierte Harald und bekam einen sanften Klaps von Frau Klee.
Änni grinste sich einen und kümmerte sich sowieso lieber um kalten Sekt.

Nach und nach füllte sich das Atrium mit den Bewohnern und Mitarbeitern.
Am Ende waren es fünfunddreißig Menschen.
Ein Summen lag in der Luft, warm und vertraut.
Die Tür ging auf und Bernd trat ein.
Er hatte den Helm noch in der Hand, als wüsste er nicht, wohin damit.
Seine Haare waren vom Helm verstrubbelt,
und seine Augen suchten nur eine Person.

Rita.

Sie sah auf, und für einen Moment war der Raum zu klein für die beiden.

Winfried bemerkte es.
Natürlich bemerkte er es. Er sah alles.
„Komm rein, Bernd!“, rief Harald.
„Hier gibt’s jetzt Essen, keinen TÜV Termin.“
Bernd grinste verlegen,
ging sich die Hände waschen und setzte sich dann auf den freien Platz neben Rita.

Lore, das Huhn, pickte unter dem Tisch nach einem nicht vorhandenen Krümel und dachte:

„Wenn jetzt auch der Baggerfahrer mitisst,
wird’s ernst.“

Dann brachte Herr Yilmaz den ersten Bräter herein.
Ein Raunen ging durch den Raum.

Die Kruste war dunkelgolden, knusprig, perfekt.
Der Duft war himmlisch.
„Döppekooche!“,
rief Frau Schuster stolz.
„So wie früher.
Und das Apfelmus ist frisch aus dem Kupferkessel.“
„Und der Quark ist süß“, ergänzte Franzi.
„Ich hab ihn nach meiner Omas Rezept gemacht und probiert. Mehrmals.“

Alle lachten und griffen zu.
Teller wurden gefüllt, Schüsseln wurden gereicht.
Das Atrium wurde zu einem einzigen großen, warmen Atemzug.
Alle aßen. Alle redeten. Alle waren da.

Tom saß bei Lina, sein Handy wie eine tickende Zeitbombe, immer noch neben seinem Teller.
Winfried sah die Spannung in Toms Schultern,
die Unruhe in Linas Blick.
Er sagte nichts. Noch nicht.

Und weil im Lebenshaus niemand einfach nur isst,
ohne vorher mit anzupacken,
hatten sie am Nachmittag alles gemeinsam vorbereitet:

15 Kilo Kartoffeln,
30 große Zwiebeln geschält und gerieben.
3 Kilo Speck gewürfelt,
20 Mettwürstchen in Scheiben geschnitten.
5 Kilo süßen Quark angerührt und abgeschmeckt.
20 Kilo Äpfel – 15 fürs Mus,
der Rest für Gertruds Kuchen geschält und verarbeitet.

Es war ein Tag gewesen, an dem aus gemeinsamen Kochen wie immer, eine Gemeinschaft wurde.

Als die letzten Teller leer beiseitegeschoben waren und die Gespräche leiser wurden, stand Rita auf.

Für einen Moment hielt sie die Hände an den Plänen fest, als müsste sie Mut sammeln.
Dann atmete sie ein und im Raum wurde es still.

„Ich möchte euch heute alles zeigen“,
sagte sie.
Ihre Stimme war ruhig, aber jeder hörte,
wie viel dieser Moment ihr bedeutete.
Sie legte die Pläne auf den Tisch.
„Das hier“,
sie strich über die Zeichnungen,
„ist unser Schwimm und Fischteich.
Ein Ort zum Atmen. Zum Bewegen. Zum Sein.
Ein Ort für uns alle.
Unser Teich besteht aus drei Bereichen“,
begann sie und zeigte auf die Zeichnung.