Die Codes der Antagonisten
Prolog
Das Licht im weiß getäfelten Konferenzraum flackert kurz, bevor es den Raum
vollständig ausleuchtet. Mein Gesprächspartner sitzt jetzt vor mir. Seine Haltung ist
aufrecht, die Hände liegen parallel zueinander auf der Tischoberfläche. Ich beginne.
»Guten Morgen. Sind Sie bereit? Sobald Sie bestätigen, starte ich die Aufzeichnung.«
»Ja, wir können anfangen.«
Ich aktiviere das Aufnahmemodul und sage: »Bitte nennen Sie Ihren Namen, Ihr
Alter und Ihre Funktion.«
»Ich heiße Hubert Gössen, bin fünfzig Jahre alt und Teamleiter beim Finanzamt
München.«
»Wie würden Sie Ihren Arbeitsalltag in fünf Worten beschreiben?« Ich beobachte
seine Hände, wie sie die Tischkante umgreifen. Seine rechte Schulter knickt ein.
»Mmm. Das ist nicht leicht. Überstunden, auf jeden Fall. Dann zu wenig Personal
und Systemausfälle. Bearbeitungsrückstände und … besonders lästig, die vielen
Beschwerden von Bürgern.«
Seine Handflächen schwitzen, er rutscht auf dem Stuhl hin und her.
»Wie hoch ist die durchschnittliche Fehlerquote bei der Bearbeitung von
Steuerfällen von Januar 2036 bis Februar 2037?«
»Sie liegt bei etwa 24 %.«
Die Antwort kommt ohne Zögern. Ich registriere eine Pupillenerweiterung um 5 %.
»Haben Sie in den letzten zwölf Monaten Momente erlebt, in denen Sie sich Ihren
Aufgaben nicht gewachsen fühlten?« Ich weiß, das ist eine sehr persönliche Frage, die
aber gestellt werden muss. Er verschränkt die Arme vor sich.
»Wir sind ein eingeschworenes Team. Gemeinsam stehen wir auch kritische
Situationen durch. Es ist nicht so, dass ich mich meinem Job nicht gewachsen fühle.
Nur … manchmal läuft es eben nicht glatt.«
Ich überwache jetzt seine Atemfrequenz, sie liegt bei 21 Atemzügen pro Minute.
Erhöht. Ich frage weiter. »Wie groß ist Ihr Team aktuell? Gab es Wechsel in den letzten
sechs Monaten?«
»Mein Team besteht eigentlich aus fünfzehn Mitarbeitern. Leider … sind drei Stellen
unbesetzt und es gab eine Kündigung. Und die gute Frau Müller ist langzeitkrank.
Burn-out. Und dann … hat … der Herr Berger sich das Leben genommen.«
Ich beobachte, wie sein Blick nach unten wandert. Als er wieder aufschaut, sind
seine Augen gerötet.
»Welche konkreten Veränderungen erwarten Sie von dem Digitalisierungsprojekt
der Regierung?«
»Der ganze Prozess von der Aufforderung zur Abgabe der Steuererklärung bis zum
Versand des Steuerbescheids soll von einer KI ausgeführt werden. Wenn das mal
funktioniert … «
Seine Stimme wird um 10 Dezibel leiser. Ich gehe zur nächsten Frage über.
»Glauben Sie, dass die geplante Digitalisierung Ihre Situation verbessern wird?«
Er versteift sich und trommelt mit den Fingern auf den Tisch.
»Ja … vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht. Müsste erst mal sehen, wie
zuverlässig die KI arbeitet.«
Seine Atemfrequenz ist jetzt auf 25 Atemzüge pro Minute angestiegen. Ich stelle die
letzte Frage. »Halten Sie sich selbst für anpassungsfähig genug, um den Wandel
mitzugestalten?«
Er räuspert sich. Sein Blick schweift vom Bildschirm weg Richtung Tür. »Mmm. Ja,
natürlich. Ich war immer loyal und habe Innovationen unterstützt.«
Seine Antwort ist widersprüchlich zu seiner Mimik. Er lügt mit einer
Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent. »Herr Gössen, danke, dass Sie sich die Zeit
genommen haben.«
Eine Leseprobe der ersten 5 Kapitel kannst du unter dem ersten Link herunterladen.