Zwei suchende Seelen
Unser Kennenlernen
Es ist lange her, sehr lange. Ich war damals 16 Jahre alt, ein unreifer, aufmüpfiger Halbstarker. Anfang der Siebziger war die Welt in Bewegung. Die erste Mondlandung Ende der Sechziger, die Friedensbewegung und die Proteste gegen den Vietnamkrieg, oder auch das Attentat auf die Olympischen Spiele in München im Sommer Zweiundsiebzig bewegten auch uns Jugendliche. Aber mehr noch war es der damalige Zeitgeist, geprägt von Woodstock, von Rockmusik und ja, auch leider allem, was dazu gehörte. Wenn ich heute zurückschaue, muss ich mir eingestehen, dass ich damals an der Schwelle stand abzurutschen, einen Weg einzuschlagen, auf dem es kein Zurück gab. Die Kreise, in denen ich verkehrte, ein Teil meiner Freunde, zogen mich immer mehr in den Sog von Alkohol und Drogen, ja und auch Gewalt. Den Tag leben, den Augenblick leben, ohne auch den mindesten Gedanken zu verschwenden an ein morgen oder eine Zukunft. Just for fun...ohne Kompromisse....jetzt, ein morgen gibt es nicht.
Es war der 11 Juni 1972, als sich dies alles veränderte, sich mein Leben grundlegend änderte, als alles begann. Am Kirchweihsonntag, einem Tag, der mein Leben von Grund auf eine neue Richtung gab. Wohl einer der wichtigsten Tage in meinem Leben. An diesem Tag begegnete ich der Liebe meines Lebens. Einem Menschen, der mir so nahe kam, wie nie jemand zuvor und den ich innig lieben lernte. Ein Mensch, der etwas tat, was ich selbst für mich nicht konnte. Ein Mensch, der an mich glaubte, der mir vertraute und mir Halt gab.
Es war früher Nachmittag und ich befand mich auf dem Festplatz des Dorfes, in dem ich lebte. Viel los war um diese Zeit noch nicht und ich stand allein an der hinteren Längsseite des Autoscooters, langweilte mich und wartete auf Freunde, in der Hoffnung, dass sich irgendetwas ergibt. Wieder Party machen, irgendeinen Scheiß aushecken und verzapfen. Bis spät in die Nacht um die Häuser ziehen. Einfach nur die planlose Langeweile totschlagen, die Leere, die in mir war, betäuben.
An der gegenüberliegenden Seite des Autoscooters standen einige Mädchen zusammen und unterhielten sich. Ich hatte zur damaligen Zeit absolut kein Interesse an Mädchen. Sie machen nur Stress und zicken herum, war meine Meinung dazu. Warum sich so etwas antun, wer braucht so etwas schon. Frei sein und nicht gebunden sein, keine Rücksicht nehmen müssen.
Aber ein Mädchen in der Gruppe fiel mir dann doch ganz besonders auf. Ihre Haare waren lang, dunkelblond und lockig. Sie trug einen kurzen, braunen Wildleder Mini, wadenhohe, hellbraune Wildlederstiefel und eine grüne Bluse. Um ihren Hals hatte sie ein grün weiß gemustertes Tuch gebunden. Sie sah einfach umwerfend aus und ich konnte nicht wegsehen, was mich ehrlich gesagt sehr verwunderte. Ihre Erscheinung zog mich magisch an. Ich wusste, dass sie Birgit heißt und die Schwester eines Freundes war. Gesehen habe ich sie aber schon eine ganze Ewigkeit nicht mehr. In meiner Erinnerung war sie ein kleines, dünnes, schüchternes und unscheinbares Mädchen. Und jetzt, aus ihr war eine wunderschöne junge Frau geworden.
Sie unterhielt sich lebhaft mit ein paar anderen Mädchen und plötzlich stutzte sie, schaute sich suchend um und drehte dann unvermittelt ihren Kopf in meine Richtung und sah mich an. Ich war damals Mädchen gegenüber eher ein mehr als zurückhaltender Typ und in ähnlicher Situation hätte ich mit Bestimmtheit verlegen weggesehen und mich weggedreht. Aber hier und jetzt. Ich war wie gelähmt und mein Herz begann wie wild zu hämmern. Unsere Blicke trafen sich und mir war, als würde mein Herz explodieren. Ich versank förmlich in ihren wunderschönen rehbraunen Augen, unfähig wegzusehen. Der Trubel um mich herum wurde übertönt vom lauten Pochen meines Herzens. In diesem Augenblick gab es nur noch sie und mich, alles andere um mich herum war wie ausgelöscht. Ihr schien es ebenso zu gehen. Ich weiß nicht, wie lange wir so dastanden, uns ansahen, unfähig den Blick abzu-wenden. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Fast gleichzeitig liefen wir los, in dieselbe Richtung, im Blick des anderen versunken. An der Stirnseite des Autoscooters trafen wir dann zusammen.
Schweigend standen wir uns gegenüber, eine mehr als seltsame Situation. Mein Herz hämmerte, das Blut rauschte in meinen Ohren. Mein Gott, sie sah so wunderschön aus.
Stumm standen wir da, sahen uns wie gebannt in die Augen. Ich weiß heute nicht mehr, was sie sagte, aber es brach dieses eigenartige Schweigen und wir beide mussten lachen. Wir erzählten voneinander. Sie besuchte ein Gymnasium, ich eine Realschule. Also kein Wunder, dass wir uns bisher nicht begegnet waren. Die Schulen lagen in verschiedenen Orten. Sie legte ihren Schulweg mit der Bahn zurück, zu der sie von ihrer Mutter gefahren wurde, ich hatte nur ein paar Meter zur Haltestelle und fuhr mit dem Bus. Also praktisch keine Möglichkeit, sich über den Weg zu laufen.
Wir standen noch eine Weile da und plauderten miteinander über belanglose Dinge und so langsam beruhigte sich mein Kreislauf wieder. Wir schlenderten dann nebeneinander über den Festplatz in Richtung Mühlbach. Ein kleines Gässchen führte dorthin. Sie stolperte kurz über ein Kabel, das dort am Boden verlegt war. Dabei griff sie nach meinem Arm und ich fing sie auf. Die erste Berührung und wieder Herzklopfen ohne Ende. Ich nahm ihre Hand, sie war so warm und weich. Ein kurzer, leichter Händedruck und sie erwiderte ihn. Ein Lächeln von ihr. Hand in Hand liefen wir weiter, erzählten, lachten, stellten fest, dass wir viele Gemeinsamkeiten hatten. Dieselben Interessen, dieselben Vorlieben und Abneigungen. Ich glaube, man kann sagen, wir waren absolut auf derselben Wellenlänge. Trotz alledem waren wir aber auch in entscheidenden Dingen sehr, sehr unterschiedlich.
„Was willst du einmal nach der Schule machen?“, fragte Birgit mich.
„Keine Ahnung, hat noch Zeit. Weißt du schon, was du machen willst?“, ich sah sie fragend an.
„Ja klar. Nach dem Abi will ich Medizin studieren. Aber erst einmal muss das Abi vernünftig gelaufen sein. Da muss ich mich noch richtig dahinterklemmen“, sagte sie ernst.
„Und was treibst du so in deiner Freizeit“, fragte ich sie neugierig.
„Ich lese gern und gehe auch gern spazieren. Aber recht viel Freizeit bleibt nicht“, antwortete sie.
„Gehst du nicht auch einmal fort? Einfach mit Freunden abhängen, um die Häuser ziehen, Party machen“, fragte ich sie erstaunt, weil ich mir ein anderes Leben nicht im Mindesten vorstellen konnte.
„Ich habe weiter keine Freunde und für so etwas habe ich auch keine Lust und Zeit. Machst du wohl gerne, oder?“, sie sah mich neugierig und etwas skeptisch an.
„Ja klar, irgendwie ist eigentlich immer Party. Mit den Kumpels einen setzen oder auch einmal Disco“, sagte ich locker dahin. Alleine da war im Grunde genommen schon klar, hier prallen zwei völlig unterschiedliche Lebensphilosophien aufeinander. Unterschiedlicher können zwei Menschen von ihrer Einstellung her gar nicht sein.
Die Zeit verging wie im Flug. Es wurde Abend und Birgit musste heim: „Ich muss jetzt langsam heim, oder besser gesagt zu Maria, meiner Schwester. Sie fährt mich dann nach Hause, da muss ich nicht laufen“, sagte Birgit.
„Maria kenne ich, die war früher öfter mit meiner Schwester zusammen. Ich glaube, die dürften in etwa gleich alt sein. Aber gut, dass sie dich heimfährt. Irgendwie wohnst du echt am Arsch der Welt“, lästerte ich und grinste.
„He, sag so etwas nicht. Das ist super da draußen, gleich am Wald und keiner stört dich. Andere wären glücklich, wenn sie so wohnen könnten“, antwortete sie mit leicht ärgerlichen Unterton.
„Na ja, stimmt schon, nur die Wege sind halt echt weit. Da bekommt man auf Dauer Plattfüße“, ich musste lachen.
„Ist nur Gewohnheit, wenn du den Weg ein paarmal gelaufen bist, merkst du das gar nicht mehr, da bist du ihn gewöhnt“, sagte sie mit einem hintergründigen Lächeln.
„Wie kommst du denn darauf, dass ich ihn ein paarmal laufen werde?“, fragte ich etwas erstaunt.
„Ach...äh...nur so. Wenn du einmal wieder bei Robert vorbeischaust“, Birgit wirkte jetzt etwas verwirrt.
„Hm...dachte der ist nur ab und zu noch da, weil er außerhalb eine Lehrstelle hat“, bemerkte ich.
„Ja...Hm, ist ja egal. Wir sind gleich da, die werden sich schon wundern, wo ich so lange bleibe.“ Bei ihrer Schwester angekommen, standen wir am Gartentürchen, Händchen haltend und etwas unsicher.
Ich fragte sie erwartungsvoll: „Sehen wir uns morgen“, und das voller Hoffnung.
Sie darauf: „Ich dachte schon du fragst mich nicht mehr“, sie kicherte dabei und zwinkerte mir zu. Das war ihre Art, die ich lieben und schätzen lernte: „Wenn du willst, kannst du mich ja morgen vom Zug abholen. Ich komme um 15 Uhr an. Kommst du?“, sie sah mich erwartungsvoll an.
Und ob ich wollte: „Klar komme ich. Ich freue mich darauf“, antwortete ich ihr.
„Ich sage meiner Mutter, dass sie mich nicht abholen braucht, dass ich mich mit einer Freundin treffe und später dann heimlaufe“, dabei zwinkerte sie mir zu.
Ich musste grinsen: „Bin ich jetzt deine Freundin?“, wir mussten beide lachen.
Dann kam der Abschied und irgendwie fiel der uns beiden sichtlich schwer: „Komm gut heim und schlaf gut. Das war heute ein wunderschöner Nachmittag mit dir“, ich hielt ihre Hand, „bis morgen Birgit.“
„Ja, der Nachmittag war viel zu schnell herum. Schlaf auch gut, ich freue mich auf morgen“, antwortete sie lächelnd.
Sie wollte gehen, drehte sich um. Ich nahm allen Mut zusammen, hielt ihre Hand fest und zog sie zurück, umarmte sie und sie legte ihre Arme um mich. Wieder hämmerte mein Herz wie verrückt, das Blut rauschte in meinen Adern. Es war ein wundervolles Gefühl, sie im Arm zu halten. Ihren Körper zu spüren, sie zu riechen, die Gesichter nahe, ihren Atem zu spüren, in ihre wundervollen Augen zu schauen. Dann explodierte die Welt in einem Feuerwerk. Der erste, schüchterne, zärtliche Kuss. Ich war so glücklich.
Wir lösten uns voneinander und sie ging. An der Haustür blieb sie kurz stehen, drehte sich um, lächelte und warf mir einen Handkuss zu. Dann ging sie ins Haus. Ich blieb allein zurück und überlegte, was ich mit dem angebrochenen Abend noch anstellen könnte. Aber ich verspürte keinen Drang, noch irgendetwas zu unternehmen. Der Nachmittag mit Birgit war so wunderschön gewesen. Etwas durcheinander, aber überglücklich machte ich mich auf den Heimweg. An diesem Tag begriff ich, was es bedeutet, auf Wolke sieben zu schweben.
In ihrem Tagebuch fand ich später folgenden Eintrag zu diesem Tag:
Heute habe ich einen Jungen kennengelernt und ich glaube ich habe mich verliebt. Ich hatte noch nie solche Schmetterlinge im Bauch. Die Umarmung zum Abschied und der Kuss, das war so wunderschön. Ich bin so glücklich. Morgen holt er mich vom Zug ab. Ich wollte, es wäre schon so weit.