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Christina Marie Huhn

Kántarellas Lichtgestalten

Beginn Kapitel 1 »Stolz von Preußen«

Wie aufgeregt war ich, als ich die Einladung nach Übersee in der Hand hielt. Vorangegangen war ein umfangreicher Schriftwechsel zwischen meinem Vater und Onkel Carl, der mit seiner Ehefrau und seinen drei kleinen Kindern das Glück in der Ferne versuchen wollte.
Nun wurde eine zuverlässige Gouvernante gesucht und ich bat Mutter und Vater voller Sehnsucht, mir die weite Reise zu erlauben, denn vor kurzem hatte ich mein Lehrerinnenseminar abgeschlossen, nachdem ich die höhere Töchterschule mit besten Zensuren verlassen hatte. Da mein Bruder Paul nach Deutsch-Samoa eingeladen worden war (ein tüchtiger Verwalter, dem man Vertrauen entgegenbrachte, war dem Onkel willkommen), nagte das Fernweh mit Macht an mir.
Mit Engelszungen redete ich auf die Eltern ein, mich mit ihm zu schicken, am Ende mit Erfolg, obgleich ich wusste, dass es ihnen nicht wirklich recht war. Galt ich doch als der Freigeist in der Familie, wollten sie dies einerseits nicht zusätzlich nähren, merkten aber auf der anderen Seite, dass ich in Chemnitz nicht stillhalten würde. So hatten sie mich mehrfach ermahnt und auch bestraft, wenn sie beispielsweise Schriften des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins in meinem Besitz fanden.
Ich vermutete, es war tatsächlich die Furcht vor zukünftigem Gerede der Nachbarn, die meine Eltern am Ende veranlasste, mich in die Ferne ziehen zu lassen.

Am Tag der Abreise war mir dennoch bange. Zusammen mit Paul bestieg ich die Eisenbahn nach Hamburg, im Gepäck zwei sperrige Überseekoffer, die nicht nur Garderobe, sondern auch eine Menge meiner geliebten Bücher enthielten, von Fontane bis Verne.
Die Lokomotive erschien mir als ein mächtiges Ungetüm mit gewaltigem Leib. Wie zwergenhaft ich mich fühlte! Und wie viel größer das Dampfschiff sein musste, das Paul und mich in einer mehrwöchigen Reise nach Übersee bringen sollte.
Unsere Eltern hatten uns zum Bahnhof geleitet. Der Abschied war tränenreich, zumindest der meiner Mutter und der meinige, waren wir uns schließlich nicht sicher, wann und ob wir uns wiedersehen würden. Selbst Vater und Paul rangen darum, ihre Gefühle zu verbergen, obschon sie sich Mühe gaben, stoisch und würdevoll zu bleiben.
Noch heute steht mir das Bild der beiden winkenden Gestalten vor Augen, die immer kleiner wurden, während der Zug den Bahnhof verließ. Mutter, die das gute, graue Kleid unter ihrem Mantel trug und ihre zerlesene Lutherbibel an die Brust presste, und Vater mit seinem prächtigen Kaiser-Wilhelm-Bart im schwarzen Sonntagsanzug und dem steifen Homburger Hut.