Anderwelt Ardor
Latein. Ich mag kein Latein. Es ist furchtbar langweilig. Okay, die Sprache ist tot. Und der Unterricht ist es auch, jedenfalls bei Frau Franzen. Aus purer Langeweile kritzle ich in dieser ersten Doppelstunde nach den Herbstferien ein Heer von aufwendigen Schnörkeln rund um das aktuelle Datum in mein Heft: Es ist der 14. Oktober 1985.
Und es ist Montag.
Kaum dass der Pausengong endlich ertönt, stopfe ich Lateinbuch, Heft und Mäppchen in den alten Aktenkoffer, den ich meinem Vater abgeschwatzt habe. Aktenkoffer finde ich total cool. Auf meinem prangen obendrein eine Menge bunter Aufkleber. Ich lebe gern, steht auf einem. Ironischerweise stammt der ausgerechnet von einer Zigarettenmarke. Ein quietschgelber Sticker, aus dessen Mitte ein Gesicht in Form einer orangefarbenen Sonne lacht, verkündet Atomkraft, nein danke. Diesen Aufkleber muss man haben, sonst ist man völlig out.
Nicht, dass ich mich politisch engagiere. Autofreie Sonntage oder Feminismuskampagnen sind mir völlig wurscht und vom Kalten Krieg, über den meine Eltern mit ihren Bekannten so oft diskutieren, fühle ich mich persönlich nicht betroffen. Make-up, Popstars und die Hitparade im Radio sind für mich viel interessanter. Jeden Freitagabend hocke ich pünktlich um 19 Uhr zu Die Schlager der Woche in Lauerstellung auf meinem Bett, halte den Kassettenrekorder aufnahmebereit auf dem Schoß und jage nach Liedern wie Solid von Ashford & Simpson oder Yesterday von Foreigner.
Wie immer trotte ich zusammen mit den Mädels, mit denen ich die Pausen verbringe, zuallererst zur Schultoilette. Eng gedrängt stehen Susanne, Alexandra, Martina und ich vor dem Spiegel und pudern die Nasen nach. Zudem kontrolliere ich sorgfältig, ob meine Wimperntusche noch in Ordnung ist. Schließlich mag ich nicht wie ein Pierrot aussehen.
Susanne erzählt, dass sie am Wochenende auf einer Party gewesen sei, bei der sie Stefan Schulze gesehen habe. Susanne steht voll auf Stefan. Sie hat ihn beim Tanztee kennengelernt, einer Veranstaltung an jedem Sonntagnachmittag in den Räumen der städtischen Traditions-Tanzschule.
Na ja, mir liegt das mit dem Getanze nicht so, nicht mal Discofox. Ich mag insgesamt keine Bewegung, bei der ich außer Atem komme. Lieber lese ich oder sehe fern.
Was Susanne angeht: Für sie gibt es seit diesem Tanztee nur noch ein Thema, nämlich ihren Schwarm.
Herr Maier öffnet die Tür zu den Toilettenräumen, erblickt unsere kleine Versammlung und scheucht uns auf den Pausenhof. Maulend latschen wir aus dem Gebäude nach draußen, wo uns die Oktoberkälte empfängt. Ich habe schon in der Lateinstunde gefroren. Jetzt im Freien herumzustehen, macht es nicht besser und ich verkrieche mich in meinen Jeansblouson mit dem Teddyfutter. Eine meiner Locken verhakt sich an einem der vielen bunten Buttons, die ich auf dem Revers trage. Bis ich sie endlich befreit habe, sind mei-ne Finger eiskalt und ich schiebe die Hände tief in die Jackentaschen.
Die anderen Mädels frieren bestimmt genauso sehr wie ich, doch lauschen sie voller Sensationsgier Susannes langer Litanei über die süßen, himmelblauen Augen des Angebeteten. Ich hingegen höre nur mit halbem Ohr zu und lasse meinen Blick verstohlen zu einer Gruppe Jungs hinüberschweifen. Nur zehn Meter entfernt steht mein Schwarm, Marc Buchner, im dunkelgrauen Wollmantel mitsamt trendigem, schwarzweiß gemustertem Fransenschal, Jeans und Chucks. Er ist hochgewachsen, dunkelblond und trägt einen Haarschnitt wie Simon Le Bon, oben kurz und hinten lang. Soweit ich weiß, betreibt er irgendeinen krassen Kampfsport in seiner Freizeit, was ihn für mich beinahe zu einem Halbgott werden lässt.
Dass ich in Marc verschossen bin, würde ich nie zugeben. Das wäre ja megapeinlich! Er steht sowieso auf einen anderen Typ Mädchen als mich. Er ist mit Katja Weber zusammen. Die hat karminrot gefärbte Stoppelhaare, ein selbstsicheres Auftreten und wirkt mit ihren fünf Silberringen in jedem Ohr fast schon punkig. Außerdem ist sie eine leidenschaftliche Reiterin und gewinnt regelmäßig irgendwelche Trophäen. Sofern ich dem neidischen Getuschel meiner Freundinnen glauben kann, werden ihre Eltern bald ein eigenes Pferd für sie kaufen.
Wenn Marc mit Katja über den Schulhof schlendert, haben sie ihre kleinen Finger ineinander gehakt. Ach, was würde ich geben, um mit ihr zu tauschen. Nicht nur wegen Marc Buchner. Katja finden alle total cool.
Ich wäre auch gern cool.