Anderwelt Ardor
Auf einer Bank unter einem knorrigen Laubbaum fiel mir eine gebeugte Gestalt mit silbernem Haar auf, die genüsslich an einer Pfeife schmauchte. Es schien fast unmöglich, doch war ich sicher, dass ich die bizarre Person aus Taëronth vor mir hatte. Vorsichtig näherte ich mich ihr, Rgo folgte mir dicht auf den Fersen. Als ich das Wesen erreichte, hob es seine eisblauen Augen und fixierte mich. »Da bist du ja wieder, mein Kind. Ich sehe, du bist gewachsen.«
Es kicherte hüstelnd und stand auf, schwer auf einen knorrigen Stock gestützt. Die Stimme klang genauso dunkel und rauchig, wie ich sie im Gedächtnis hatte, und bescherte mir eine Gänsehaut.
»Wer sind Sie?« Wie schon in Taëronth ruckelte das Aroma des Pfeifenrauchs an einer nebelhaften Erinnerung in mir, ohne dass ich sie konkret hätte benennen können.
»Ich bin alles und niemand. Ist es das, was du zu wissen begehrst?«
Ich öffnete den Mund, doch das Geschöpf hob die Hand und unterbrach mich, bevor die erste Silbe über meine Lippen gekommen war.
»Ich bin die Omniszienz und werde euch eine Frage beantworten. Wählt weise. Ihr habt Zeit für die Wahl und ...«
»Ich möchte etwas wissen«, unterbrach Rgo.
Die Omniszienz wackelte tadelnd mit dem Kopf. »Ich sagte, ich gebe Antwort auf eine Frage. Nur eine.«
Rgos Miene verfinsterte sich. So leise, dass ich ihn kaum verstand, flüsterte er dicht an meinem Ohr: »Muun. Sie ruft mich in meinen Träumen. Es begann nach ihrer Abreise, noch bevor ihr uns die traurige Kunde gebracht habt. Ist es ihr Schatten oder nur mein Wunsch?«
Meine Nackenhärchen stellten sich auf.
Die Omniszienz blinzelte freundlich, saugte genüsslich an ihrer Pfeife und formte formidable Rauchkringel. »Ich habe deine Worte nicht verstanden, meine Ohren sind nicht die Tüchtigsten. Ist dies die Frage, welche ihr mir stellen wollt? Dann wiederhole sie bitte.«
»Eigentlich haben wir noch einige andere Probleme«, druckste ich um den heißen Brei herum. Ich wollte Zeit schinden, denn die eine, alles klärende Frage hatte sich mir in den wenigen Sekunden nicht offenbart. Die alleinige Preisgabe von Jewliers derzeitigem Aufenthaltsort erklärte nicht, wie wir ihn befreien konnten oder ob er noch dort sein würde, wenn wir ankämen. Ein weiteres Thema von großer Wichtigkeit war, das passende Räucherwerk für meinen Armreif zu finden. Immerhin hatte die Suche nach dem Zeug Jewlier und mich durch halb Ardor geführt. Obendrauf kam Rgos Anliegen, das er mir offenbart hatte.
Das Wesen schien in meinen Gedanken zu lesen wie in einem Buch. Es wiegte sein Haupt entzückt von rechts nach links und wieder zurück. »Wähle weise.«
Na toll.
Beinahe zeitgleich formte sich eine Idee aus dem Wirrwarr der vielen Überlegungen. Konnte es wirklich so trivial sein? Ich beschloss, alles auf eine Karte zu setzen. »Was sollen wir als Nächstes tun, damit sich der Rest von allein fügt?«
Rgos Mundwinkel sanken sichtbar nach unten. Bevor er etwas sagen konnte, klatschte die Omniszienz begeistert in die Hände. Glutbröckchen flogen aus dem Pfeifenkopf heraus und bildeten einen rötlichen Funkenregen, ehe sie in der Luft verglommen.