Er war stets bemüht
Es war ein Freitag im November. Lothar war schon lange im Feierabendmodus und kam gerade vom Wochenendeinkauf zurück, da sah er den häuslichen Anrufbeantworter blinken. Neugierig drückte er die Wiedergabetaste und hörte den folgenden Bericht seines Verwaltungschefs. „Hallo Lothar, heute gegen 18 Uhr ist der Strom in unserer Regionalstelle ausgefallen und die Alte ist wie von der Tarantella gestochen aufgesprungen und wollte schnell ihr Zimmer verlassen. Weil es stockdunkel war, ist sie gegen eine offene Schranktür gelaufen und von ihr abgeprallt. Dadurch ist sie rückwärts getaumelt und hat sich auf ihren Kaktus gesetzt. Nun hat sie eine kaputte Brille, eine gebrochene Nase und viele Stacheln im Allerwertesten. Sie hat mich kurz nach dem Unfall angerufen und mir gedroht, dass sie uns alle verklagen wolle. Also mach dich auf was gefasst, wenn du Montag zur Arbeit kommst. Ich wünsche trotzdem ein schönes Wochenende.“
Am Montagmorgen erschien Lothar mit gemischten Gefühlen am Arbeitsplatz. Zusammen mit Anke besichtigte er den Unfallort. Auf der Schranktür war eine deutliche Blutspur zu sehen. Weil sie keine Lust hatten, das Blut abzuwischen, klebten sie ein DIN-A4-Blatt mit einem großen roten Kreuz auf die Stelle. Danach rekonstruierten sie den Hergang.
Gegen 17:55 Uhr war der Strom in der Regionalstelle ausgefallen. Dadurch wurde es in allen Räumen dunkel. Die Notbeleuchtung auf den Fluren und Treppen war jedoch vorschriftsmäßig angegangen. Das war genau das, was für den Havariefall vorgesehen war. Wenn sich nun die Chefin als einzige Anwesende zu dieser späten Stunde vorsichtig in Richtung Ausgang bewegt hätte, wäre die ganze Angelegenheit ohne Blutvergießen abgelaufen, aber sie hatte wohl Panik bekommen und war mit dem Kopf voran losgestürmt. Dabei hatte sie die unliebsame Bekanntschaft mit der Schranktür und ihrem Kaktus gemacht. Abgesehen davon, dass sich ihr Mitleid in Grenzen hielt, fragten sich Anke und Lothar, auf welcher Grundlage die Chefin sie verklagen wollte. Auf die Antwort würden sie noch eine Weile warten müssen, denn die Dame war erst mal arbeitsunfähig.