Geliebte Feindin - verhasste Freunde
Wie schon so oft wachte der Mann schweißgebadet auf. Er hatte erneut diesen furchtbaren Traum gehabt, der ihn seit seinem Koma fast jede Nacht heimsuchte. In diesem Traum passierte jedes Mal dasselbe, und es war, als würde er einen Film immer und immer wieder anschauen.
Im Traum befand er sich in einem Zimmer, das nur von einer Kerze beleuchtet wurde. Eine schwangere Frau lag nackt auf dem Bett. Ihre Brüste schienen mit ihrem Babybauch in einem Wettbewerb um das maximale Volumen zu stehen. Sie schaute liebevoll zu, wie er sich anzog. Dabei fragte sie: „Wann kommst du wieder?“ Er zuckte mit den Schultern.
„Nie wiem. Vielleich in eine Woche. Wenn Scheidung vorbei. Aber dann für immer.“
Er lächelte sie glücklich an und sie lächelte ebenso glücklich zurück.
Sie stand recht mühsam auf und umarmte ihn, soweit es mit ihrem Bauch möglich war.
„Wir warten auf dich. Bitte komm, bevor das Baby da ist, und dann geh nie wieder fort.“
Er nickte zustimmend, während sie die Tür aufschloss. Sie küssten sich noch einmal lange und ausgiebig. Mit den Worten „Kocham cię“ verschwand er in der Dunkelheit. „Ich liebe dich auch!“, rief sie ihm hinterher, dann ging sie ins Haus zurück.
Bis zum Grenzübergang waren es nur etwa zehn Minuten Fußweg. Die Straße verengte sich zu einem schmalen Pfad, der direkt neben einem Fluss verlief. Außer dem trüben Mondlicht gab es keine Beleuchtung auf diesem einsamen Weg. Der Fluss neben ihm schien dunkel und drohend, hatte aber noch keine Eisschicht, denn die Temperatur lag noch nicht lange unter null Grad. Während seine Schritte auf dem Asphalt hallten, fuhren in seinem Kopf die Gefühle Achterbahn. Die Gedanken an seine deutsche Geliebte und die Zukunft mit ihr und ihrem gemeinsamen Kind verblassten langsam, während sich das Unbehagen breitmachte, das er empfand, wenn er an seine Noch-Ehefrau in Polen dachte. Die bevorstehende Scheidung machte ihm schwer zu schaffen. Seine größte Sorge war, wie es mit ihrer wundervollen Tochter weitergehen würde, wenn er mit seiner neuen Familie in der DDR lebte. Würde seine geschiedene Frau ihm erlauben, die Tochter jemals wiederzusehen?
Urplötzlich tauchten vor ihm ein paar dunkle Gestalten auf, die die gesamte Breite des schmalen Pfades einnahmen und ihm damit den Weg versperrten. Sie waren etwa in seinem Alter, aber größer und kräftiger als er. Alle drei hatten Glatzen und trugen Springerstiefel an den Füßen. Er hatte keine Chance, an ihnen vorbeizukommen, sodass er stehenbleiben musste. Seine Frage „Czego chcecie?“ wurde mit höhnischem Lachen beantwortet. Einer der Männer schrie: „Lerne erst mal Deutsch, du scheiß Polacke und lass jefällichst unsre Frauen in Ruhe!“ Der Pole hielt es für besser zu schweigen, aber das nützte ihm nichts. Die drei anderen Männer begannen, auf ihn einzuprügeln, und als er auf der Erde lag, traten sie ihn. Nachdem er sich nicht mehr bewegte, leerten sie seine Taschen aus und nahmen alles an sich, was er bei sich trug. Dann warfen sie ihn unter grölendem Gelächter ins Wasser und gaben ihm einen Stoß, sodass er auf den Fluss hinaustrieb, wo er sofort von der Strömung erfasst und zur Flussmitte gezogen wurde. Einer der Skinheads schrie ihm hinterher: „Komm jut nach Hause, du Arschloch!“ Die drei Typen schütteten sich aus vor Lachen, als hätte jemand einen besonders lustigen Witz erzählt.
Er träumte weiter, dass er vor Kälte wieder wach wurde, aber nichts dagegen tun konnte, dass er immer schneller von der Strömung mitgerissen wurde. Er war sich sicher, dass das sein Ende sein würde. Seine Gedanken galten seiner Geliebten sowie seinen beiden Kindern, dann wurde es dunkel um ihn.