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Wilfried Hildebrandt

Geliebte Feindin - verhasste Freunde

Leseprobe

Das Wetter war alles andere als weihnachtlich, als Jadwiga, Anita und Milan auf das große Gartengrundstück in Berlin-Wannsee einbogen. Nach dem Aussteigen nahmen alle drei ihre unzähligen Geschenkpakete von den Rücksitzen und aus dem Kofferraum. Es schien so, als wollten sie sich gegenseitig beim Beschenken ihres ersten Enkels überbieten.
An der Tür des Hauses wurden die Gäste von Milena und Frank, der den kleinen Marius auf dem Arm trug, begrüßt. Bei der Begrüßung wurde geküsst und umarmt und die drei Neuankömmlinge wurden nicht müde, immer wieder zu betonen, wie groß der Kleine inzwischen geworden war. Sie hatten ihn schließlich bisher nur kurz nach seiner Geburt gesehen.
Die Großeltern folgten ihren Kindern ins Haus, wo sie eine große Halle durchquerten, um dann in einen Raum zu gelangen, in dem ein Tisch und sieben Stühle standen. Es war offensichtlich alles für ein gemeinsames Weihnachtsessen vorbereitet.
Nachdem sich die Gäste nacheinander frischgemacht hatten, öffnete sich plötzlich eine Tür und Jerry betrat zusammen mit seiner Frau das Zimmer. Jadwiga, Anita und Milan wussten zwar, dass ihre Kinder und ihr Enkel quasi zur Untermiete bei einem schwarzen Ehepaar wohnten, aber als dieses plötzlich auftauchte, waren sie doch ein wenig verwundert. Sie hatten nicht erwartet, dass die Beziehung ihrer Kinder zu deren Vermietern so eng war, dass sie zusammen Weihnachten feierten.
Man begrüßte sich höflich, dann setzten sich alle an den Tisch. Frank legte Marius in einen Stubenwagen. Somit konnte er bei der Familie sein, ohne dass ihn jemand die ganze Zeit halten musste. Zur Verwunderung der Gäste tauchte plötzlich ein schwarzes Dienstmädchen auf und goss in die bereitstehenden Gläser Rotwein ein. Frank erhob sein Glas und brachte einen Toast aus, in dem er sich bei den Eltern für ihren Besuch und bei den Vermietern für die außerordentliche Gastfreundschaft bedankte. Auch Jerry ließ es sich nicht nehmen, einige überaus freundliche Worte über seine Untermieter zu sagen. Besonders wichtig war es ihm, darauf hinzuweisen, dass das Buch über die Geschichte der Familien Schulz und Opalka eingeschlagen hatte wie eine Bombe. Die Verkaufszahlen der ersten Wochen waren enorm. Er beendete seine Rede mit „Merry Christmas, my dear friends“.
Nachdem angestoßen worden war und alle wieder saßen, brachte das Dienstmädchen einen großen gebratenen Truthahn in das Esszimmer und Jerry tranchierte ihn fachmännisch, sodass alle ein Stück ihrer Wahl von dem Braten bekamen.
Beim Essen wurde viel geredet. Jerry erwies sich als Meister im Smalltalk und brachte Anita und Jadwiga wiederholt zum Lachen. Die beiden Frauen tauten immer mehr auf und unterhielten sich prächtig. Milena sprach mit Mary, weil sie als einzige über die notwendigen Englischkenntnisse verfügte. Irgendwann wandte sich Jerry an Milan.
„Sag mal, wie ist es denn so, mit zwei Frauen zusammenzuleben? Bist du nicht manchmal ein bisschen gestresst?“
Während er antwortete, lächelte Milan selig.
„Ich bin der glücklichste Mann auf der Welt. Ich weiß wieder, wer ich bin, und habe die zwei Frauen, die ich liebe, immer an meiner Seite, ohne dass eine davon eifersüchtig ist. Besser kann es einem Mann nicht gehen.“
Der Professor schaute nachdenklich auf seine Frau, die nichts von dem Gespräch verstanden hatte, da sie nicht deutsch sprach. Er machte ein betont harmloses Gesicht, als er sie fragte: „Hey darling, what do you think of asking your sister, if she would like to move to Berlin?“ Mary schaute ihren Mann erstaunt an. Milena lachte, weshalb sich die Gesichter der Gäste, die nicht englisch sprachen, ihr zuwandten. Deshalb fühlte diese sich verpflichtet, das Gehörte auf Deutsch zu übersetzen, und das klang so: „Sag mal, Liebling, was hältst du eigentlich davon, deine Schwester zu fragen, ob sie zu uns nach Berlin ziehen will?“