Ein leises wir: Berlin,1930
(Nathaniel)
Der Zug aus Hamburg hielt pünktlich. In Amerika wäre eine solche Punktlandung dem Zufall geschuldet gewesen, in Deutschland glich sie einem Versprechen – das war mein erster Gedanke, als ich die Fußraster der Waggontür hinabstieg und den Bahnsteig betrat.
Der Hallenbereich der Hauptstation vibrierte unter der Last hunderter Stimmen und harter Schuhabsätze. Schaffner riefen Waggonnummern durch das Gewirr, schwere Koffer schepperten über den ausgetretenen Holzbohlenbelag, und eine Frau rief schrill nach einem Kind, das kurz im Gewebe der dunklen Mäntel verschwand, um zwei Meter weiter wieder aufzutauchen. Die Luft schmeckte nach feuchter Kohle, ungewaschener Wolle und einer süßlichen Note, die ich erst nach einigen Schritten einordnen konnte: gebrannte Kastanien von einem kleinen Messingofen am Durchgang, deren Schalen im Fett knackten.
Ich blieb kurz vor einem der gusseisernen Pfeiler stehen, die Hände fest in die Manteltaschen geschoben. Menschenströme wälzten sich an mir vorbei. Einige hasten mit gezogenem Kopf voran, andere verharrten suchend, doch niemand blickte zurück.
Mein offizieller Grund für die Überfahrt war ein Zeitungsauftrag: eine mehrteilige Reportage aus dem Herzen Europas. Politik, Strömungen, Kunst, Straßenleben nach den Jahren des Krieges. Ich hörte noch die raue Stimme des Chefredakteurs in den Räumen der Chicagoer Redaktion: Schreib es nah am Pflaster, Nathaniel. Die Leute drüben wollen wissen, was von dieser verrückten Republik am Ende übrig bleibt.
Der eigentliche Grund saß tiefgreifender. Chicago war mir zu eng geworden. Das Parkett der Redaktionen duldete meine Beiträge nur, solange sie sich so glatt und unauffällig fügten wie ein Sonntagsanzug aus zweiter Hand. Dazu die Abende in den Clubs, in denen ich vorgegeben hatte, nur der Musik wegen am Tresen zu stehen. In Amerika hatte ich über Jahre gelernt, den eigenen Rücken zu beugen. In Berlin wollte ich herausfinden, ob man das Atmen wieder lernen konnte.
Auf dem Vorplatz vorn wogte die Pflastermenge. Zeitungsverkäufer brüllten die Schlagzeilen der Mittagsausgaben in die Luft, als schleuderten sie Munition in ein Gefecht. Ein Mann mit verblichenen Metallabzeichen an der Koppelseite versuchte vergeblich, den Durchgang der Droschken zu ordnen, und wurde von den Passanten schlicht überlaufen. Ein Junge mit abgewetzten Hosenbeinen hielt mir eine Schachtel entgegen: Amerikanische! Sehr gut, der Herr! Die Packung stammte aus Bremer Altbeständen, das verriet mir schon die feine Färbung seiner Aussprache. Ich winkte ab, und er verschwand bereits im Getümmel der nächsten Droschke.
Ich entschied mich gegen das Kutschtaxi und stieg in eine der wartenden Straßenbahnen. Ich wollte die Erschütterung der Schienen im Körper spüren. Draußen schoben sich die Häuserfronten träge durch das Fensterglas: verblichene Fassaden mit Wahlplakaten – Rot gegen Schwarz, Parolen scharf geklopft wie Blech. Zwei Männer brüllten sich an einer Haltestelle an, nicht wegen politischer Inhalte, sondern um festzustellen, wer die lauterere Lunge besaß. Ein alter Hund lag zusammengerollt unter einem Fenstersims und schloss die Augen, als könne er den Lärm der Straße schlicht aussperren.
Das Hotel in der Kantstraße war schlicht. Der Portier hinter dem Messingpult besaß ein Gesicht, das darauf geschult war, vieles zu registrieren und wenig zu sagen. Er prüfte meinen Pass um ein paar Sekunden länger als notwendig. Sein Blick blieb an der Zeile United States hängen – und anschließend an meinem Gesicht. Er reichte mir den Zimmerschlüssel mit einer distanzierten, aber korrekten Höflichkeit. Es gab unbarmherzigere Formen der Verunsicherung.
Das Zimmer im dritten Stock war schmal: ein eisernes Bett, ein Tisch, ein Stuhl, eine Porzellanschüssel auf dem Waschtisch. Ich stellte den Koffer an die Wand, legte das Notizbuch auf das Holz – und verließ den Raum sofort wieder. In Zimmern, in denen ich noch keine Zeile zu Papier gebracht hatte, ging mir das Atmen rasch aus.
Draußen nahm mich das Geräusch der Kantstraße wieder auf. Tramklingeln, die Rufe der Gemüsehändler, Hufschlag auf Asphalt – die Stadt schien noch ungeklärt darüber, ob die Zukunft auf Gummirollen oder auf Eisenrädern fuhr. Ich ließ mich ohne Stadtplan treiben und gelangte schließlich an den Potsdamer Platz.
Hier lief alles im selben Takt ab: Straßenbahnen kreuzten sich in enger Folge, Busse bremsten scharf ab und stießen dunkle Abgase aus. Die Menschen schoben sich aneinander vorbei wie Seiten eines Buches, das niemand zu Ende liest. Überall leuchteten Namen, Preise und Angebote von den Dächern: Kaffee HAG, Osram, Bier ist gesund. Hoch oben über den Fassaden flimmerten die ersten elektrischen Reklamen – und mitten dazwischen das Wort JAZZ. Ich lächelte leise, nicht aus Rührung, sondern erstaunt darüber, wie wenig amerikanisch der Begriff in dieser Umgebung klang.
In diesem Moment sah ich sie.
Sie kam aus einer der schmalen Seitenstraßen hervor, fügte sich fließend in den Passantenstrom ein und gehörte sofort zum Bild. Kein auffälliger Schnitt des Mantels, kein aufwendiger Hut. Die Hände hielt sie dicht am Körper gelehnt. Ich hätte sie wohl im Getümmel übersehen wie hunderte andere auch, hätte sie nicht genau in diesem Augenblick den Kopf leicht gehoben.
Unsere Blicke trafen sich über die Distanz zweier Fahrspuren hinweg. Kein Lächeln, kein Nicken, nur eine kurze, ruhige Musterung. In Chicago bricht eine solche Verbindung aus Vorsicht oder Gewohnheit schnell ab. Dieser Blick hielt eine Sekunde länger stand.
Ein doppelstöckiger Omnibus schob sich mit lauter Karosserie dazwischen. Als die Sicht wieder frei war, hatte die Menge sie aufgenommen.
Ich ging nicht nach. Man lernt als Reporter früh, dass man Dinge zerschlägt, wenn man ihnen hinterherläuft. Stattdessen notierte ich gedanklich: Berlin ist ein Stakkato – ruckartig, uneben, aber da.
Gegen Abend stieg ich auf die Terrasse des Hauses Vaterland. Von hier oben wirkte der Potsdamer Platz wie ein tiefes Becken. Die Bahnen glitten abends wie Spielzeug über die Schienen, die Menschen verengten sich zu kleinen Punkten. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite blendeten die Lichtspielhäuser mit ihren technischen Errungenschaften und Liebesdramen.
Ich bestellte ein dunkles Bier, das etwas abgestanden schmeckte, und sah hinab in die Tiefe. Ich dachte an die Frau von der Straßenkreuzung – nicht einmal an ihr Gesicht, das ich im Halbdunkel kaum genauer erfasst hatte, sondern an die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihren Schritt durch die Menge gesetzt hatte. Als gehörte sie ganz zu diesem Chaos und behielt dennoch ihren eigenen Raum.
Amerika, dachte ich, war ein großes Haus voller Räume gewesen, deren Namen nicht meine waren. Ich hatte in vielen gestanden und gelernt, wann man zu schweigen hatte. Aber jahreslanges Schweigen verändert die Haltung. Hier in der Berliner Abendluft spürte ich den Druck im Nacken weniger.
Bevor ich im Hotelzimmer die Augen schloss, sprach ich mir den eigentlichen Grund vor, den ich in keinen Zeitungsartikel schreiben würde: Ich war nach Berlin gekommen, weil ich hier vielleicht nicht der Erste sein musste, der um Entschuldigung bat.