Ein leises wir: Berlin,1930
Glocke, Klinke, die vertrauten Schritte auf dem Linoleumboden des Gangs, das helle Klirren der Tassen. Der Morgen verlief exakt nach dem gewohnten Ablauf. Die Pflegerin stellte das schwere Porzellan auf das Nachttischchen ab; der Blechlöffel schlug einmal kurz und hart gegen den Rand.
„Guten Morgen, Frau Hoffmann.“
Fräulein Weber trat ins Zimmer. Sie zog mit zwei geübten Rucken die ausgebleichten Gardinen zur Seite, strich die Falten des Bettlakens straff und nickte mir knapp zu.
„Nach dem Frühstück Garten. Später Visite.“
Sie wandte sich um und ging weiter, ohne eine Anstalt zu machen, meine Antwort abzuwarten. Ich sagte trotzdem leise in den leeren Raum hinein:
„Ja.“
Im Speisesaal saßen wie an jedem Morgen zwölf Frauen an den zwei langen Holztischen. Das Brot war trocken und bröselte auf den Tellern, der Ersatzkaffee stand lauwarm in den Tassen.
„Man schläft hier schlecht“, sagte Frau Lehmann, die mir gegenüber saß und ihre dünnen Arme auf der Tischplatte verschränkt hatte.
„Ja“, antwortete ich und sah auf das dunkle Muster in der Holzmaserung.
Nach dem Essen holten die Pflegerinnen die großen Flechtkörbe mit den Handarbeiten hervor. Fäden, stumpfe Stopfnadeln, bunte Holzperlen. Frau Lehmann ließ eine weiße Wollsträhne langsam durch die kalkigen Finger gleiten. „Ich habe heute Nacht wieder vom Meer geträumt“, flüsterte sie, ohne aufzusehen. „Das Wasser war ganz nah. Richtig kühl.“
Ich sah sie an und nickte stumm. In meiner Nachttischschublade lag der zusammengefaltete Brief meiner Mutter. Ich hatte ihn gestern Abend dreimal gelesen, bis die Tinte im schwachen Licht kaum noch zu erkennen gewesen war. Hans hatte im Hinterhof den Ball an den Nachbarsjungen verloren. Emil weigerte sich standhaft, die gekratzte Strumpfhose anzuziehen. Und Wilhelm war abends wieder zu den Versammlungen im Lokal an der Ecke gegangen. Ich hatte das Papier nach dem Lesen sorgfältig zusammengelegt und ganz nach hinten unter die sauberen Strümpfe geschoben.
Bei der morgendlichen Visite blieb der Arzt mit den dunklen Augenbrauen an meinem Bettrand stehen. Die Schwester hielt die Aktenmappe geöffnet vor der Brust.
„Wie schlafen Sie, Frau Hoffmann?“
„Es geht.“
„Appetit?“
„Ausreichend.“
Er machte mit dem Füllhalter eine kurze Notiz auf dem Bogen.
„Gehen Sie heute Nachmittag in den Garten. Das Wetter hält sich noch ein paar Stunden.“
Draußen knirschte der feuchte Kies laut unter den dicken Holzsohlen unserer Anstaltsschuhe. Die späten Tulpen an den steinernen Rabatten neigten sich schwer zum Weg hinüber. Ich ging langsam hinüber zum hohen Gitterzaun, der das Anstaltsgelände von der asphaltierten Straße trennte, und legte die Hände an die feuchten, kühlen Eisengitterstäbe.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite blieb jemand stehen. Ein langer Mantel, eine schmale Statur, dunkle Haut. Er hielt seinen braunen Filzhut in der Hand. Er sah kurz die Reihe der Gründerzeithäuser hinab, dann blickte er herüber, genau zu mir.
„Guten Tag“, sagte er, als er an die Kante des Gehwegs trat. Sein Deutsch klang betont, jede Silbe war bedacht und präzise angesetzt.
„Guten Tag.“
„Schöner Tag heute.“
Er trat einen Schritt näher an die Gitterstäbe heran. Eine Pflegerin schob drüben auf dem Gehweg einen klappernden Karren mit schmutziger Wäsche vorbei; er wartete geduldig, bis das Scheppern der Eisenräder hinter der Biegung verhallt war.
„Wie geht es Ihnen?“, fragte er ruhig.
„Es geht.“
Er nickte langsam, als dächte er über die deutsche Wendung genau nach. Dann tippte er sich mit zwei Fingern leicht gegen die Brust. „Ich habe gesucht. Sie.“
„Warum?“, fragte ich.
„You looked sad“, sagte er leise. Und dann auf Deutsch, als suche er den richtigen Ton: „Sie sahen traurig aus.“
„Hier drinnen sind viele traurig.“
„Aber Sie waren allein.“
Ein Gemüsehändler fuhr knatternd mit seinem Handkarren zwischen uns durch. Kartoffelkisten aus rohem Holz stapelten sich darauf bis zur Schulterhöhe.
„Sind Sie Amerikaner?“, fragte ich durch die Eisenstäbe hindurch.
„Aus Chicago.“
„Das ist weit.“
„Sehr weit. Ich bin Journalist. Ich schreibe für eine Zeitung.“ Er blickte ruhig durch die Stäbe zu mir. „Und Sie?“
„Ich bin Patientin.“ Ich suchte angestrengt nach dem englischen Begriff, den wir damals in der Schulstunde an der Tafel stehen hatten. „Not good in the head.“
Er senkte den Kopf für einen Moment. „I understand.“
„Ich muss zurück“, sagte ich rasch, als die Pflegerin am Haupteingang mit der Hand winkte.
„Ich komme wieder“, sagte er.
Ich antwortete nicht direkt darauf, drehte mich langsam um und ging über den knirschenden Kiesweg zurück ins Hauptgebäude.
Am Nachmittag kam meine Mutter mit meinen zwei Kindern zu Besuch. Hans rannte weit voraus über den geschnittenen Rasen, Emil stolperte mit seinen kleinen Beinen hinterher.
„Mama!“, rief Hans laut und warf sich mit vollem Gewicht an mein Kleid. Stoff und Haut rochen nach harter Kernseife und trockenem Straßenstaub.
Meine Mutter breitete mit geübten Griffen eine mitgebrachte Decke auf der Holzbank aus. „Du bist blass geworden, Clara.“
Wir setzten uns nebeneinander. Hans zeichnete mit einem abgebrochenen Stock Kreise in den Sand, Emil kletterte mühsam auf die Holzbank und drückte sich an meine Seite.
„Wilhelm war gestern Abend nicht zu Hause“, sagte meine Mutter leise und sah dabei scharf auf den Weg, damit die Jungen nicht zu weit abliefen. „Er sagt, du sollst erst wieder nach Hause kommen, wenn du ganz gesund bist. Er hat jetzt viel im Verein drüben zu tun.“
„Ich weiß“, sagte ich.
„Er redet viel von der neuen Bewegung. Von Ordnung und Disziplin im Land. Die Nachbarn unten im Haus hören ihm schon abends zu.“ Sie sah mich besorgt von der Seite an.
„Soll er reden.“
Wir blieben schweigend draußen sitzen, bis die Sonne langsam hinter der Ziegelmauer des Werkstattgebäudes verschwand. Als meine Mutter die Decke wieder zusammenlegte und ausschüttelte, fragte sie unvermittelt: „War heute jemand hier?“
„Ein Mann stand vorhin drüben am Zaun. Ein Amerikaner. Er hat kurz gesprochen.“
Meine Mutter hielt in der Bewegung inne. „Pass auf dich auf, Clara. Wilhelm mag keine Fremden. Und erst recht keine Aufregung.“
Sie küsste mich flüchtig auf beide Wangen, nahm die Kinder fest an die Hand und ging mit ihnen zum Tor.
(Nathaniel)
Ich lief von meinem Hotel aus die Prinz-Albrecht-Straße hinab. In der rechten Manteltasche steckte das kleine, abgegriffene Wörterbuch, das ich am Morgen in einem dunklen Antiquariat nahe dem Bahnhof gekauft hatte. Die Ränder der Gilbseiten waren voll von feinen Bleistiftnotizen des Vorbesitzers.
Ich suchte gezielt die Straße auf, in der die Nervenklinik lag. Gestern hatte ich sie zufällig dort gesehen, heute zog es mich wieder dorthin. Die hohe Backsteinmauer zog sich fast über den gesamten Häuserblock. Durch die schweren Gitterstäbe des Haupttors konnte man den Park mit den alten Kastanienbäumen überblicken.
Sie stand wieder dort, nicht weit vom Pförtnerhäuschen entfernt. Ein schlichter, dunkler Mantel, das braune Haar hinten im Nacken zu einem festen Knoten zusammengebunden.
Ich ging mit ruhigen Schritten hinüber. „Guten Tag.“
Sie blickte auf. „Guten Tag.“
Ich zog das kleine Wörterbuch aus der Manteltasche und schlug es auf einer der mittleren Seiten auf. „Ich lerne Deutsch.“
Sie blickte kurz auf die engen Spalten. „Ihr Deutsch reicht doch.“ Dann verzog sich ihr Mund zu einem ganz leisen Lächeln. „Invoice. Shipment. Customer. Stranger.“
„Stranger“, wiederholte ich laut. „Das passt wohl.“
Ich lehnte mich mit der Schulter gegen den steinernen Pfeiler neben dem Gitter. „Schreiben ist wie Möbel rücken. Nur im Kopf.“
Sie sah mich an und schien den Satz eine Weile vor sich hin zu schieben, sagte aber nichts dazu.
Ein paar Passanten gingen drüben auf dem Gehweg an uns vorbei, ohne herzusehen. Ich fragte sie nicht nach ihrem Namen, und sie fragte nicht nach meinem. Wir tauschten nur ein paar einfache, flache Sätze über das kühler werdende Wetter und den Lärm der Straßenbahn aus. Nach etwa zehn Minuten schlug ich das Wörterbuch wieder zu.
„Ich muss weiter“, sagte ich.
Sie nickte nur stumm. Als ich mich bereits umgedreht hatte, um den Weg zurück zur Haltestelle einzuschlagen, sagte sie leise hinter mir:
„Vielleicht.“
Ich sah mich nicht mehr um, aber dieses eine Wort blieb mir im Kopf hängen, während ich über das unebene Pflaster zur Straßenbahn zurücklief.