Ein Herz, das keinen Zorn mehr trägt
Vorderhunsrück, Ende November 1918
Der Novemberwind riss an den morschen Schindeln. Katherina stand am Brunnen; das Metall des Eimers brannte vor Kälte an ihren klammen Fingern. Unten im Dorf läuteten sie die Glocken, ein dünner, blecherner Klang, der im Nebel hängen blieb. Der Krieg war vorbei, sagten sie.
Zurück im Haus stand Katherina am Herd. Der Topf dampfte nur noch, doch sie rührte mechanisch weiter. Gerste, Kartoffeln, Kohl. Sie verteilte die Masse in die Schalen der Kinder. Ihr Arm tat, was er immer getan hatte.
Hinter ihr saßen die Kinder am Tisch. Es herrschte eine Starre, die nur vom rhythmischen Kratzen einer Messerspitze unterbrochen wurde;
In der Küche war es so still, dass man das Kratzen von Fritz’ Messerspitze auf dem Leinen hörte. Karl starrte auf seine Hände, die zu groß für den Tisch geworden waren. Sophie baumelte mit den Beinen, das Holz ihrer Schuhe schlug rhythmisch gegen die Bank – tack, tack, tack. Niemand hieß sie aufhören.
Helena neben ihm verschränkte die Finger so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.
Die Kleinen hielten Abstand. Martin starrte auf die Tischkante. Anna folgte einer Fliege, die über den Rand krabbelte. Jakob klammerte sich an Katherinas Rock, sein Atem ging kurz und stoßweise.
„In Simmern haben sie ihn gesehen“, sagte Karl.
„Auf einem Wagen.“
Helena sah nicht auf. „Dann ist er morgen hier.“
„Vielleicht heute“, flüsterte Jakob und rutschte näher zum Herd.
Fritz hob den Blick nicht.
Katherina stellte den Topf auf den Tisch.
„Esst.“
„Ich hab keinen Hunger“, sagte Karl.
„Du isst.“
Karl nahm den Löffel. Das Blech klapperte gegen die Schalen. Sophie tunkte den Finger in die Brühe.
„Heiß.“
Niemand antwortete.
Draußen bellte ein Hund. Dann das Geräusch von Rädern auf dem gefrorenen Boden – langsam, schwer, mahlend.
„Ein Wagen“, sagte Helena.
Keiner rührte sich. Katherina ging zur Tür und zog den Riegel zurück.
Heinrich stand im Hof. Die Uniform war dreckig, der Stoff hing ihm schwer von den Schultern.
Er sah nicht Katherina an, sondern die Stalltür.
„Heinrich.“
Er spuckte in den Matsch und nickte. „Katherina.“
Heinrich trat den festgetretenen Matsch von seinen Stiefeln, bevor er die Schwelle überquerte. Er sah nicht auf den Hof, er sah auf den Himmel, der schwer und grau über dem Plateau hing. Im Haus war es still, nur das Ticken der schweren Wanduhr schlug gegen die Wände.
Er trat ein, die Kinder standen auf, nur Fritz blieb sitzen.
Heinrich blieb vor ihm stehen, einen Moment lang, dann noch einen.
„Mehr geworden“, sagte er.
„Deine Kinder“, sagte Katherina.
Sie nannte die Namen, doch Heinrich schob Karl wortlos beiseite und nahm dessen Platz ein. Er tauchte den Löffel tief in die graue Masse, hielt ihn kurz vor sein Gesicht und ließ die Gerste zurück in die Schale klatschen.
Er hielt den Löffel mit der grauen Masse vor sein Gesicht.
„Kein Salz?“, fragte er leise.
„Es ist keins mehr da.“
Heinrich starrte sie an, bis Katherina den Blick senkte.
„Früher hast du vorgesorgt“, sagte er und schob die Schale weg, als wäre sie Gift.
„Sieh zu, dass du morgen welches auftreibst. Mir egal, wie.“
Keiner atmete. Katherina ging in die Kammer. Sie achtete darauf, dass ihre Hände nicht zitterten; als sie zurückkam, aß er bereits.
Heinrich legte den Löffel ab. Das Eisen klirrte auf dem Porzellan.
Niemand fragte, was morgen anstand, die Arbeit war ohnehin da.