Ein Herz, das keinen Zorn mehr trägt
Vorderhunsrück, Ende November 1918
Das Wasser im Becken war mit einer dünnen Eishaut überzogen. Katherina zerstieß sie mit den Knöcheln und tauchte die Hände tief hinein, bis der Schmerz in ihre Handgelenke zog. Sie schrubbte die Schalen vom Vorabend. Das graue Spülwasser schwappte gegen den Rand des Beckens.
Ein Scharren auf den Dielen hinter ihr, Katherina hielt inne. Wasser tropfte von ihren tauben Fingern zurück ins Becken.
Heinrich blieb im Türrahmen stehen. Er nahm den Platz ein, als müsste er ihn erst wieder erobern. Sein Atem ging schwer in der kalten Küche.
„Du bist früh wach“, sagte er.
„Der Tag wartet nicht.“
Er trat näher. Sein Blick wanderte zunächst über den Herd, dann über den Tisch, und zuletzt über die Bank. „Die Kinder schlafen noch?“
„Die meisten.“
Sein Blick wanderte über den Herd, den Tisch und die Bank. Er fixierte eine Scharte im Holz, die früher nicht da gewesen war, sagte aber nichts.
Katherina stellte Brot auf den Tisch, dünn geschnitten. Er nahm eine Scheibe, biss ab und kaute langsam, ohne sie anzusehen. Seine Hände waren schmaler als früher und sehnig; jede Bewegung wirkte einstudiert.
Heinrich hielt inne und deutete mit einer knappen Kopfbewegung auf den leeren Wasserkrug. Er sprach nicht. Er wartete nur, bis sie den Blick senkte. Katherina griff nach dem Henkel, noch bevor er den Mund öffnen konnte.
„Du schaust wieder so“, sagte Heinrich.
Sie blinzelte. „Wie?“
„Als wärst du nicht hier.“
Er aß weiter.
Fritz trat barfuß in die Küche. Er blieb abrupt stehen, als er Heinrich sah. Sein Blick zuckte kurz zu Katherina, dann starrte er auf den Boden. Heinrich sah ihn an.
„Du bist gewachsen“, sagte Heinrich. Er musterte Fritz’ Schultern und Arme, als würde er die Tragkraft eines Balkens prüfen.
„Zwölf war ich, als du gegangen bist“, sagte Fritz leise.
Heinrich antwortete nicht gleich. Er betrachtete seine Finger, dann wieder Fritz.
„Früher zählt nicht.“
Fritz machte einen Schritt zurück.
Helena kam herein, Lukas und Martin hinter ihr. Als der Raum eng wurde, stand Heinrich auf und schob den Stuhl mit einem harten Knirschen zurück.
„Ich sehe mir den Hof an“, sagte er.
„Dann will ich euch alle draußen sehen.“
Er wartete nicht auf eine Antwort. Die Tür fiel ins Schloss.
„Er redet mit dir, als wärst du—“, begann Helena.
„Still“, unterbrach Katherina sie.
„Er hört alles.“
Fritz setzte sich auf die Bank. Seine Schultern blieben gespannt. Katherina band sich das Tuch fester um die Schultern. Draußen knirschten Schritte auf dem gefrorenen Boden, fest und gleichmäßig.
„Esst“, sagte Katherina rauh. Sie griff nach dem Eimer und trat hinaus in den Hof, dorthin, wo Heinrichs Schritte bereits im Nebel verschwunden waren.