← Zurück zum Buch
Wilfried Hildebrandt

Onkel Bürgermeister

Tod eines Bürgermeisters

Plötzlich hörte er aus einer Seitenstraße die verzweifelte Stimme einer Frau sowie Schreie aus kindlichen Kehlen und dazu laute Ru­fe in russischer Sprache. Er eilte in die Richtung, aus der die Stim­men kamen, und sah, als er um eine Hausecke bog, dass einige So­wjetsoldaten dabei waren, ein bewohntes Haus auszuplündern. Er wusste, dass darin eine Landarbeiterin mit ihren Kindern lebte. Ihr Mann war im Krieg gefallen für Führer, Volk und Vaterland, wie auf der Todesnachricht zu lesen war.
Die Russen hatten bereits verschiedene Möbel und viel Geschirr auf ihren Panjewagen geladen und waren gerade dabei, die Lam­pen von den Zimmerdecken zu reißen, um sie ebenfalls mitzunehmen. Auch der Volksempfänger war bereits verladen. Wahrscheinlich wollten sie die Gegenstände in ihre Heimatdörfer an ihre Familien senden. Dass man für die Lampen und das Radio elektrischen Strom brauchte, der dort möglicherweise gar nicht vorhanden war, schienen sie nicht zu wissen.
Mit schnellen Schritten näherte sich Martin dem Ort des Gesche­hens und rief: „Stój!“ Die Russen blickten verwundert auf den ver­meintlichen Deutschen, der sie auf Polnisch anrief. Wie konnte er es wagen, sie, die Sieger des Großen Vaterländischen Krieges, an ihrem Tun zu hindern? Noch mehr staunten sie, als der Bürger­meister ihnen jetzt in einem Gemisch aus Polnisch und Russisch er­klärte, wer er sei und dass sie dabei waren, eine arme Witwe aus­zurauben, die nur eine einfache Arbeiterin sei. Er wies außerdem auf die drei kleinen Kinder hin, um das Mitleid der Russen zu we­cken, da deren Kinderliebe sprichwörtlich war. Dann bat er in sei­nem Kauderwelsch die Soldaten inständig darum, die Gegenstände wieder abzuladen und sie der Frau zurückzugeben. Die Russen hatten ihn offensichtlich verstanden, kamen seiner Bitte jedoch nicht nach, sondern lachten nur höhnisch.
Von früheren Begegnungen mit sowjetischen Soldaten wusste Martin, dass es auf diese stets großen Eindruck machte, wenn man androhte, die Kommandantur zu benachrichtigen, welche streng darauf achtete, dass es zu keinen Übergriffen der Besatzungssolda­ten auf die deutsche Zivilbevölkerung kam. Deshalb sagte er ener­gisch: „Ja idu do Komendatury!“ Dann drehte er sich um und ging festen Schrittes in Richtung Rathaus, wo es ein Telefon gab. Wenn er gedacht hatte, die Sowjetsoldaten damit zur Umkehr bewegen zu können, so war das der letzte Fehler seines Lebens. Einer der Soldaten nahm seine Kalaschnikow und drückte ab. Eine Salve traf den Bürgermeister in den Rücken. Martin von Januszewski fiel vornüber auf die staubige Straße. Eine große Pfütze seines Blutes breitete sich aus und er starb innerhalb von wenigen Minuten, auf dem Gesicht liegend, während die Sowjetsoldaten ungerührt ihren Raubzug fortsetzten, ohne dem Erschossenen noch irgendwelche Beachtung zu schenken.