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Wilfried Hildebrandt

Onkel Bürgermeister

Im Stasi-Knast

Am schlimmsten war die Unterbringung in den winzigen Zellen mit den dreistöckigen Betten und dem Klo ohne Vorhang oder anderen Sichtschutz in der Ecke.
Walter lernte es, sich auch über kleine Abwechslungen vom Alltag zu freuen. So hatte er einmal einen jungen Mann als Zellen­genossen, der eine ganz verrückte Geschichte erzählte, als Walter ihn fragte, warum er eingesperrt worden sei.
„Wegen Spionage.“
„Was hast du denn ausspioniert?“
„Ich war beim ZKD“
„Was ist ZKD?“
„Das ist der zentrale Kurierdienst des Innenministeriums, dessen Aufgabe darin besteht, wichtige und geheime Dokumente zwi­schen Ministerien und Behörden zu transportieren. Selbstverständlich sind die Kuriere zu strengster Geheimhaltung verpflichtet. Ich konnte aber meine Neugier nicht zügeln. Ein Brief, der an das Mi­nisterium für Staatssicherheit gerichtet war, fühlte sich nicht so an, als ob Akten darin wären, sondern der Inhalt war glatt, und da ha­be ich ganz vorsichtig diesen großen, dicken Brief geöffnet. Als er offen war, traute ich meinen Augen nicht, denn der Umschlag enthielt nicht etwa vertrauliche Akten, sondern ein Pornoheft aus dem Westen. Ich setzte mich also in eine stille Ecke und schaute mir das Hochglanz-Druckerzeugnis in aller Ruhe an. Ich konnte es kaum fassen, denn so etwas hatte ich noch nie gesehen. Vergeblich versuchte ich mir vorzustellen, wie solch ein Heft der Stasi helfen könnte, den Sozialismus zu schützen. Als ich mich sattgesehen hatte und es höchste Zeit war, verschloss ich den Umschlag wieder und hoffte, dass niemand meine unberechtigte Öffnung bemerken würde. Dass diese Hoffnung trügerisch war, wurde mir gleich bei der Übergabe des Dokuments in der Normannenstraße klar, denn ich wurde sofort festgenommen.“
Später, vor Gericht, war er der Spionage beschuldigt und des­wegen zu fünf Jahren Haft verurteilt worden.