Was für ein Milieu!
Fast zu Hause angekommen, bog ich wie gewohnt mit unserem Trabi in die Seeländer Straße ein, obwohl das seit Beginn der Bauarbeiten vor drei Jahren eigentlich verboten war. Das machten aber alle so, die hier wohnten, und bisher war noch niemand deswegen bestraft worden. Zu meiner Verwunderung fehlte heute jedoch das runde rot-weiße Verkehrsschild an der Straßenlaterne. Ich freute mich, dass die Straßensperrung endlich aufgehoben war, und fuhr bis vor unser Wohnhaus.
Als ich parkte, sah ich unseren HGL-Vorsitzenden Vogel direkt vor unserer Haustür stehen. Er wartete, bis ich ausgestiegen war, dann warf er seinen Zigarettenstummel auf die Straße, trat ihn aus und kam schnurstracks auf mich zu. Er legte die Hand grüßend an seine nicht vorhandene Mütze und sprach mich in einem für ihn untypischen Hochdeutsch an.
„Guten Tag, Bürger, was haben wir denn heute wieder falsch gemacht?“
Ich hätte mich totlachen können, dass er so gestelzt sprach, und fand es auch bescheuert, dass er mich mit „Bürger“ anredete, obwohl er doch meinen Namen kannte. Aus beidem schloss ich allerdings messerscharf, dass er jetzt in seiner Eigenschaft als Helfer der Volkspolizei zu mir sprach. Natürlich wusste ich genau, was er meinte, tat aber trotzdem unwissend und antwortete ihm mit ironischem Unterton.
„Guten Tag, Herr Vogel. Was Sie falsch gemacht haben, weiß ich nicht. Ich jedenfalls habe alles richtig gemacht.“
Mit einer solch frechen Antwort hatte ich ihn offensichtlich aus dem Konzept gebracht, und so verfiel er sofort wieder in seine übliche Ausdrucksweise.
„Det stimmt nich! Sie ham eene Straße befahrn, die jesperrt is!“
Ich tat erstaunt.
„Aber dann müsste das doch auch irgendwie zu erkennen sein. Dazu gibt es doch entsprechende Verkehrsschilder.“
Er antwortete wütend: „Det jibt et ooch und ick wer et Ihn zeijen!“
Mit finsterer Miene lud mich der Hilfssheriff zu einem Spaziergang zur Kreuzung ein, wo sich das bekannte runde weiße Schild mit rotem Rand bis gestern noch befunden hatte, wie ich wusste. Ich jubelte innerlich, denn ich hatte ja gesehen, dass es jetzt nicht mehr an der ersten Laterne hing.
Als wir an der betreffenden Stelle angekommen waren, schaute er triumphierend nach oben, während ich grinste. Das Schild fehlte natürlich immer noch. Herr Vogel blickte sich verdutzt um, konnte es aber nirgends finden.
Misstrauisch sah er mich an. Wahrscheinlich verdächtigte er mich, das Schild gerade eben abgeschraubt und versteckt zu haben. Ich wartete förmlich auf die Aufforderung, den Kofferraum meines Trabis zu öffnen. Insgeheim freute ich mich diebisch über seine Ratlosigkeit, zumal ich in diesem Fall wirklich völlig unschuldig war, obwohl ich ganz genau wusste, dass dieses Verbotsschild gestern noch an der Laterne gehangen hatte.
Ob das Schild amtlicherseits abmontiert worden war oder ob es ein Unbefugter entfernt hatte, wusste ich nicht – es war mir auch egal. Wichtig war nur, dass es jetzt weg war.
Der wackere Helfer der Volkspolizei schaute sich noch eine Weile suchend um. Als er trotz aller Bemühungen das Verkehrsschild nicht fand, legte er erneut die rechte Hand an seine Stirn und verschwand wutschnaubend in Richtung unseres Hauses, während ich es mir nicht verkneifen konnte, ihm nachzurufen: „Da waren Sie wohl wieder mal etwas übereifrig, Herr Vogel!“